Prozess

Verfolgen bis in den Wahn

Sechs Jahre lang stellte Tugrul Ö. einer jungen Frau nach. Nun muss der 54-jährige Stalker für ein Jahr ins Gefängnis

Da sitzt sie nun im Saal 701 des Landgerichtes Berlin - und ist doch nicht ganz da. Linda B. starrt zum Fenster hinaus. Sie knetet ihre Lippe. Sie tut alles, um ihm nicht in die Augen blicken zu müssen, jenem Mann, der sie seit sechs Jahren so hartnäckig verfolgt, dass sie nachts manchmal schweißgebadet aufwacht, weil sie davon geträumt hat, er stehe plötzlich neben ihrem Bett. Erst als sie von der Richterin gefragt wird, wie sich ihr Alltag durch die permanente Nachstellung durch Ö. verändert hat, bricht es doch aus ihr heraus. Ihre Stimme kippt weg, Tränen schießen ihr in die Augen. Die 26-jährige stößt einen Satz hervor, der die ganze Tragik dieser Geschichte erfasst: "Ich will mein Leben zurück." Der Mann, an den dieser Appell gerichtet ist, verzieht keine Miene. Er hat sich weit in seinem Stuhl zurückgelehnt. Er starrt Linda B. an wie ein Jäger, der sein Wild taxiert. Wie angespannt er ist, verrät nur sein linkes Knie. Es wippt unablässig auf und ab.

Tugrul Ö., 54, ist ein untersetzter Herr in zu engen, roten Jeans, dem ein kleiner Bauch über den Gürtel quillt. Er ist verheiratet, hat eine zwölfjährige Tochter. Er habe, so sagt er, Jura studiert und arbeite als Rechtsbeistand für türkische Landsleute. Vom Alter her könnte er Linda B.s Vater sein. Doch das hielt ihn nicht davon ab, ihr aufzulauern. Seit 2005 geht das so, seit jenem Tag, als Tugrul Ö. seinen Latte Macchiato in der Tchibo-Filiale in der Schlossstraße in Steglitz schlürfte und sein Blick zufällig auf die hübsche Verkäuferin mit den schulterlangen, dunklen Haaren fiel, die ihm ein Lächeln schenkte.

Keiner weiß, was in diesem Moment passiert ist. Aber seit jenem Tag kam Ö. beinahe täglich vorbei. Mal stellte er sich hinter Linda B., wenn sie gerade den Laden dekorierte. Mal beobachtete er sie durch das breite Ladenfenster. Selbst ein Hausverbot schreckte ihn nicht ab. Als sich Linda B. entnervt in eine andere Filiale in Lichterfelde versetzen ließ, folgte er ihr auch dorthin. Auch an ihrem neuen Arbeitsplatz bombardierte er sie mit Briefen.

Mehr als 200 Briefe seit 2005

Einige las Richterin Gerti Kramer am Mittwoch vor dem Landgericht vor. Ein Psychologe hätte diese Schreiben wohl als Indiz für Ö's Unfähigkeit interpretiert, zwischen Wunsch und Wirklichkeit zu unterscheiden. Er schrieb: "Der Tag ist dunkel, weil ich dich nicht sehen kann." Dann teilte er ihr mit, dass seine Frau ihn am liebsten tot im Gefängnis sähe, seit er ihr von seiner Liebe zu ihr, Linda B., erzählt habe. Er plane eine Zukunft mit ihr. Er müsse sich bloß noch scheiden lassen.

Linda B. hat bis heute mehr als 200 Briefe von ihrem Peiniger bekommen - auch dann noch, als ihn das Amtsgericht Tiergarten im September 2009 wegen "Nachstellung" zu einer Freiheitsstrafe von einem halben Jahr zur Bewährung und zu einer Geldstrafe von 3000 Euro verurteilte hatte. Spätestens da hätte er erkennen müssen, dass er Linda B. das Leben zur Hölle machte, erklärte die Vorsitzende Richterin Gerti Kramer gestern.

Es war der dritte Prozess gegen Ö. Erst im Januar 2011 hatte er vor dem Amtsgericht Tiergarten ein zweites Gerichtsurteil wegen Stalkings kassiert. Es lautete auf ein Jahr Freiheitsentzug - ohne Bewährung. Dagegen ging er jetzt in Berufung.

Linda B. trat wieder als Nebenklägerin auf. Sie musste das nicht allein tun. Freunde und Familienangehörige waren mitgekommen, um ihr beizustehen - und zum ersten Mal auch eine Rechtsanwältin.

Das ist das Besondere an diesem Verfahren, wie es sich sonst wohl schon -zigfach in deutschen Gerichtssälen abgespielt hat, seit der Gesetzgeber Stalking (engl.: Anpirschen), das obsessive Verfolgen einer Person, im Jahr 2007 unter Strafe gestellt hat.

Linda B. musste erst fünf Jahre Psychoterror überstehen, bevor ihr jemand den Tipp gab, dass sie als Geringverdienerin keineswegs auf einen Rechtsbeistand verzichten müsse. Es gäbe schließlich Prozesskostenhilfe. Doch auch an der Seite ihrer wortgewandten Anwältin wirkte Linda B. gestern hilflos. Mit zitternder Stimme erzählte sie, wie sich ihr Leben seit der ersten Begegnung mit Ö. verändert hat. Mehrere Male habe sie die Filiale wechseln müssen.

Ihrer Karriere war das nicht förderlich. Auf Nachfrage gestand die Tchibo-Verkäuferin, dass sie deswegen ihre Fortbildung zur Filialleiterin abbrechen musste. Auch ihr Privatleben hat gelitten. Vor Gericht kann sie das kaum artikulieren. Immer wieder bricht ihr die Stimme weg.

Ein Anruf bei ihrem Lebensgefährten Fabian F., 26, bringt Licht ins Dunkel. Er erzählt davon, dass sie schon einmal umgezogen seien, aus Angst davor, dass Ö. Linda auch privat nachstelle. Er sagt, er traue sich kaum noch, seine Freundin abends allein zu lassen. "Sie sieht Ö. überall - egal, ob er da steht oder nicht." Er kann das verstehen. Er sagt, Ö. gebe einfach keine Ruhe. Der Terror werde zur "Reifeprüfung" für ihre Beziehung. Fabian F. holt einmal tief Luft, bevor es aus ihm herausplatzt: "Wer weiß, wann sich der Schalter umlegt - und er noch auf andere Gedanken kommt?" Sicherheitshalber hatte der 26-Jährige die Presse zur Berufungsverhandlung eingeladen - um Druck auf Ö. auszuüben, wie er sagt. Schließlich hatte der Angeklagte in einer früheren Verhandlung darum gebeten, die Öffentlichkeit auszuschließen. Er wolle sich nicht noch mehr blamieren.

Ein Jahr Freiheitsstrafe

So jedenfalls hatte er es noch im September 2009 vor seinem ersten Prozess im Amtsgericht verkündet. Von Scham oder gar Reue war gestern jedoch nichts zu spüren. "Ich habe mich verliebt", antwortete Ö. auf die Frage, warum er die junge Frau immer noch verfolge. Er habe nie vorgehabt, Linda B. zu bedrängen. 3300 Euro Schmerzensgeld habe er ihr nur wenige Tage vor der Verhandlung gezahlt. Und die Briefe? Die hätten sich beinahe von alleine geschrieben. Er könne sich das selber nicht erklären, sagte er in seinem holprigen Deutsch. "Wenn es Logik gäbe, könnte die Liebe nicht sein."

Die Richterin ließ sich von seinen Worten nicht beeindrucken. Ob er jemals in therapeutischer Behandlung gewesen sei, wollte sie wissen. Ein Moment, in dem sich auch unbeteiligte Prozessbeobachter fragten, ob Ö. die Rolle des Wirrkopfs nur spielte. "Wenn ich krank wäre, würde meine Strafe sowieso aufgehoben werden." Nein, konterte Oberstaatsanwältin Doris Klusenwerth, "es gibt auch die Möglichkeit einer geschlossenen psychiatrischen Unterbringung, Herr Ö." Anhaltspunkte für eine positive Prognose? Fehlanzeige. Eine Freiheitsstrafe von einem Jahr sei angemessen, betonte sie. Und die könne auch nicht zur Bewährung ausgesetzt werden. Basta. Linda B. nahm das Urteil erleichtert auf. Dabei wird sich vielleicht jetzt erst zeigen, ob Ö. der Justiz nicht schon längst entglitten ist. Für den nächsten Brief, den er ihr schreibt, kassiert er einen Haftbefehl - und ein neues Verfahren.