Interview

"Viele Frauen wollen am liebsten unsichtbar werden"

Stalking ist eine Straftat und belastet die Opfer jahrelang

Seit 2007 ist Stalking, als sogenanntes beharrliches Nachstellen ein Straftatbestand. Die angezeigten Fälle liegen in Berlin bei rund 16 000 pro Jahr - die Dunkelziffer, so schätzen Experten, ist etwa viermal so hoch.Susanne Schumacher ist Leiterin der Stalking-Opfer-Hilfe Berlin. Mit Nicole Dolif sprach sie darüber, warum Stalking die Opfer so belastet und wie sie sich wehren können.

Berliner Morgenpost: Meistens sind es Frauen, die von einem Stalker verfolgt werden. Welche Schäden richtet das oft jahrelange Nachstellen an?

Susanne Schumacher: Jedes Opfer reagiert natürlich anders. Aber ausgeliefert fühlen sie sich alle. Das Verhalten des Stalkers ist für das Opfer nicht nachvollziehbar. Es weiß nicht, wann der Verfolger wieder auftaucht und was er tun wird. Die ganze Situation ist hoffnungslos. In der Beratungsstelle treffe ich immer wieder auf Frauen, deren Wunsch unsichtbar zu werden so stark ist, dass sie immer dünner werden. Andere leiden unter Schlafstörungen oder Depressionen, manche quälen sich auch mit der Frage, warum ausgerechnet ihnen das passieren muss.

Berliner Morgenpost: Der Übergang von einem hartnäckigen Verehrer zu einem Stalker scheint fließend. Ab wann würden Sie von Stalking sprechen?

Susanne Schumacher: Von dem Moment an, in dem es das klare Signal 'Nein, ich will das nicht' gegeben hat. Der hartnäckige Verehrer hört dann meistens zähneknirschend auf, der Stalker nicht. Er findet Gründe, um weiter zu machen.

Berliner Morgenpost: Wie kann das Umfeld ein Stalking-Opfer unterstützen?

Susanne Schumacher: Wichtig ist, dass das Umfeld signalisiert: Ich bin für dich da, stelle dich nicht in Frage und gebe dir keine Schuld. Denn genau das tun viele Opfer: Sie suchen die Schuld für die Situation bei sich. Vielen Opfern hilft es, wenn sie zunächst zu einer Beratung gehen. Dort sitzen Experten, die das weitere Vorgehen besprechen. Das ist manchmal besser, als gleich zur Polizei zu gehen. Denn Stalking ist ein Straftatbestand, das heißt, die Beamten müssen sofort anfangen zu ermitteln. Und das könnte eine angespannte Situation noch weiter anheizen, anstatt sie zu entspannen. Es kommt eben darauf an, mit was für einem Typus Stalker man es zu tun hat.

Berliner Morgenpost: Wenn es zur direkten Begegnung kommt: Wie sollte das Opfer sich dem Stalker gegenüber verhalten?

Susanne Schumacher: Auf jeden Fall Aggression vermeiden, man weiß nie, was sie beim Stalker auslöst. Ein ruhiges, klares "Nein" hingegen kann helfen. Ich rate meistens, den Stalker komplett zu ignorieren und ihn so am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen.

Mehr Informationen gibt es im Internet: www.soh-berlin.de