Wolfgang Bergmann

Einfach mal machen lassen

In seinem neuen Buch warnt Wolfgang Bergmann vor zu viel Förderung. Am 18. Mai starb der renommierte Pädagoge

Die Angst vieler Eltern ist groß. Die Angst, dass ihr Kind etwas verpassen könnte, dass seine Leistungen nicht reichen, dass der Zug abgefahren ist, wenn das Kind nicht schon bei der Einschulung mit Zahlen und Buchstaben souverän jongliert oder wenn es nicht schon mit vier Jahren das Seepferdchen-Abzeichen auf der Badehose trägt. Deshalb sind Förderangebote für Kinder gefragt wie nie - und setzen immer früher an. Englisch mit eins, Trampolin mit zwei, Geige mit vier.

Doch nicht alle Pädagogen schwimmen auf dieser Förderwelle mit. Schon seit Jahren erhebt der renommierte Pädagoge und Bestsellerautor Wolfgang Bergmann dagegen seine Stimme, auch in seinem gerade erschienenen Buch: "Lasst eure Kinder in Ruhe!". Der bekannte Kindertherapeut und Anwalt für die Bedürfnisse von Kindern starb am 18. Mai im Alter von 62 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.

Zeit für Entfaltung

Es sei eines von Bergmanns Grundprinzipien gewesen, dass ohne Liebe zum Kind Erziehung und Pädagogik nicht machbar seien, so der Kösel Verlag in seinem Nachruf. Bergmanns Kampf um das Wohl der Kinder lebe vor allem in seinem Werk "Die Kunst der Elternliebe. Von dem, was uns zusammenhält" fort, hieß es. Und auch in der von ihm im Herbst vergangenen Jahres gestarteten Stiftungsinitiative "Für Kinder" werden seine Grundsätze zur Kindererziehung weitergetragen und umgesetzt. Doch der Pädagoge wollte nicht nur mahnen, er legte den verunsicherten Eltern zugleich die Hand auf die Schulter und vermittelte ihnen damit die Botschaft: Seid beruhigt, das Kind findet schon seinen Weg, wenn ihr bei ihm steht, ihm vertraut und ihm Zeit und Raum zur Entfaltung gebt.

Einher mit dieser Botschaft ging auch Bergmanns Ablehnung von strikter Disziplin in der Kindererziehung, ein zweites großes Thema in seinen Büchern. Denn auch der Ruf nach mehr Disziplin ist letztlich aus der Angst geboren, das Kind könne sich in einer leistungsorientierten Welt nicht zurechtfinden. Eine kindgerechte Autorität hält Bergmann dabei durchaus für wichtig. Autorität bedeutet für Bergmann aber nicht Disziplinierung, Stecken von Grenzen, Druck, sondern Hilfe zur Orientierung. In seinem Buch "Gute Autorität" heißt es dazu: "Autorität in einer modernen Welt ist verlässlich und dauerhaft; sie fördert die Bindung zwischen Eltern und Kindern und gewährt dem Nachwuchs Schutz.". Mit dem "Lob der Disziplin" des Pädagogen Bernhard Bueb oder den "Tyrannen"-Büchern des Psychiaters Michael Winterhoff hat das wenig zu tun. Als Michael Winterhoff mit seinem Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" vor drei Jahren die ersten Plätze der Bestsellerlisten belegte, konterte Bergmann mit dem Buch: "Warum unsere Kinder ein Glück sind". Statt auf Disziplin setzt er hier auf Gelassenheit, Geduld und vor allem Liebe zum Kind.

Dies sind Werte, die für die Kindererziehung selbstverständlich erscheinen, aber doch verloren gehen können, wenn verunsicherte Eltern sich nicht mehr auf ihre Intuition verlassen, warnte Wolfgang Bergmann. Wenn sie sich statt dessen an Tabellen orientieren, die anzeigen, in welchem Alter ein Kind was können sollte und ihre Kleinen dadurch in eine ungesunde Wettbewerbssituation drängen - und sich selbst als Eltern gleich mit.

Es klingt so leicht, sein Kind einfach mal in Ruhe zu lassen und nur zu beobachten, um herauszufinden, was ihm gut tut. Manchmal ist gerade dies aber eine der größten Herausforderungen in der Erziehung. In seinem neuen Buch führt Bergmann dabei das Beispiel von dem kleinen Mädchen auf der bunten Wiese an: Es sitzt im Gras und ist fasziniert von einer Blume: Wie sich ihre Blätter im Wind bewegen, wie sie riecht, wie sie sich zwischen den Fingern anfühlt und bewegt. All seine Sinne seien hier angeregt, eine Fülle von Gehirnaktivitäten spiele sich dabei ab. Wenn nun die Erzieherin der zweisprachigen Kita in bester Förderabsicht zu dem Mädchen geht und ihm erklärt: "This is a flower", dann sei dieses Lernerlebnis, das das Mädchen gerade hatte, abgebrochen. "Was immer dieses Kind durchströmte, wird nun auf eine einzige Abstraktion, ein Wortschnipsel gebracht, und dies zu allem Überfluss auch in einer dem Kind unvertrauten Sprache, nicht einmal im Sprachklang findet es seine Gefühle für diese Blume wieder."

Das Mädchen und die Blume - für Bergmann war das ein Sinnbild, wie Förderung aus seiner Sicht heute verstanden beziehungsweise missverstanden wird. Sein Ziel ist es nun, Eltern und Erzieher davon abzubringen, Kinder schon von früh an zu lenken und zu trainieren. Kinder sollten mehr Freiraum bekommen, um ihre Kreativität zu entfalten und die Welt zu erleben. Das klingt plausibel und eigentlich auch einfach, ist es aber wohl nicht.

Der Druck auf die Kinder und auf ihre Eltern ist groß. In Krabbelgruppen und auf Spielplätzen wird heute verglichen, abgeschätzt, getrimmt. Wenn Thea schon losrobbt, wird Mia, die lieber auf dem Rücken liegt und das Geschehen um sich herum beobachtet, auch in die Bauchlage bugsiert - in der Hoffnung, das würde sie in Bewegung bringen. Wenn Ferdinand schon allein schaukelt, muss Finn es auch probieren und immer so weiter. Wenn ein Kind viel kann, fällt das positiv auf die Eltern zurück. "Heute werden die Kleinen zu Vorzeigeobjekten", schrieb Bergmann, "sie sollen aller Welt beweisen, dass sie ganz besondere Kinder sind, hervorragend betreut, geliebt und umsorgt".

In der Tat ist es in dieser Atmosphäre nicht leicht, gelassen zu bleiben, wenn das eigene Kind nicht oben mitschwimmt. Dann stehen nämlich auch immer die Eltern unter Verdacht, sich nicht ausreichend um die Entwicklung des Kindes und seine Förderung zu bemühen. Daher neigen Eltern gerade dann dazu, das Förderprogramm für ihr Kind noch zu intensivieren.

Jede Abweichung wird registriert

"Noch nie wusste eine Elterngeneration so viel über Erziehung, über die körperliche und seelische Entwicklung ihrer Kinder. Noch nie wurden Kinder so genau fachwissenschaftlich beobachtet, in ihren Entwicklungsschritten statistisch erfasst", beobachtete Wolfgang Bergmann. Doch die Zahlen würden eine Eindeutigkeit suggerieren, die es in der kindlichen Entwicklung gar nicht gebe. Das heißt, die Kinder entwickeln sich unterschiedlich, in ihrem eigenen Tempo. Zu sagen, wann wer was können sollte, sei gefährlich. In der Praxis aber finde genau das statt: "Jede kleinste Abweichung wird besorgt registriert, jede winzige Andersartigkeit lastet wie ein Schuldvorwurf auf den jungen Eltern."

Ein Problem an dem wachsenden Förderdruck ist aus Bergmanns Sicht auch, dass damit meist ein Überbehüten einhergehe. Um nur ja keinen vermeintlich vergeudeten Leerlauf im Tagesablauf des Kindes entstehen zu lassen, wird es ständig kontrolliert und umsorgt. "Ein seltsamer Kreislauf setzt da ein: Je umsorgter die Kinder sind, desto unselbstständiger werden sie, trauen sich kaum etwas zu und wirken oft antriebslos. Der Zwang zu Leistung wird gleichzeitig immer drängender." Auf diese Weise würden Kinder aber nur kleingehalten werden, statt Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Wolfgang Bergmann: Lasst Eure Kinder in Ruhe! Gegen den Förderwahn in der Erziehung, Kösel Verlag, 14,99 Euro.