Beziehung

Es war doch nur Sex!

"Es war doch nur Sex" lautet eine typische Entschuldigung nach einem Seitensprung und der Titel des druckfrischen Buches von Andrea Bräu. Die Paar- und Sexualtherapeutin weiß, wie gefährlich One Night Stands und Affären für Beziehungen ist. Wie können Paare damit umgehen, wenn "es" passiert ist? Und wie können sie vorbeugen?

Berliner Morgenpost: Seitensprünge gibt es, seit es Beziehungen gibt. Sind sie nun harmlos oder zerstörerisch?

Andrea Bräu: Harmlos sind sie mit Sicherheit nicht. Der Titel meines Buches ist provokativ gemeint. Tatsache ist: In den seltensten Fällen geht es beim Seitensprung wirklich nur um Sex. Der Seitensprung kann ein Symptom für schwelende Konflikte in der Partnerschaft sein. An die Ursachen dieser Konflikte muss man ran, wenn man die Beziehung retten will.

Berliner Morgenpost: Welche Ursachen meinen Sie?

Andrea Bräu: Sehr häufig ist es sexuelle Unzufriedenheit. Es geht aber nicht darum, dass der andere zu dick oder zu faltig geworden ist, sondern um fehlende Nähe auf körperlicher, geistiger oder seelischer Ebene. Die Sexualität ist Ausdruck und Spiegel der Partnerschaft. Wenn Oberflächlichkeit oder Machtspielchen die Partnerschaft bestimmen, gibt es keine wirkliche Intimität. Und Paare in Krisen haben in der Regel auch in der Sexualität ein Problem. Da dient der Seitensprung als Kompensation.

Berliner Morgenpost: Inwiefern?

Andrea Bräu: Der Seitensprung bringt Bestätigung von außen. Das ist gut fürs Ego. Vor allem Menschen mit geringem Selbstwertgefühl brauchen das. Doch kann aus dem One Night Stand, bei dem es wirklich nur um schnelle Befriedigung geht, leicht mehr werden. In der neuen Beziehung findet man womöglich die Nähe, die man in der Partnerschaft vermisst.

Berliner Morgenpost: Und dann wird es gefährlich?

Andrea Bräu: Genau. So entwickelt sich häufig eine längerfristige Affäre. Die Energie, die in die Außenbeziehung gesteckt wird, fehlt dann in der Kernbeziehung. An die Stelle der Emotion tritt das Funktionieren.

Berliner Morgenpost: Wird heute eigentlich häufiger fremd gegangen als früher?

Andrea Bräu: Auf jeden Fall geht man heute mit der Sexualität freier um. Und der Konflikt zwischen dem Wunsch nach Bindung einerseits und Unabhängigkeit andererseits ist größer geworden. Es gibt weniger Bereitschaft und Notwendigkeit zur Anpassung, gerade bei Frauen. Sie wünschen sich eine gleichberechtigte Partnerschaft, was für die Männer herausfordernd und anstrengend ist. Der Seitensprung verheißt ihnen zumindest kurzfristig Kompensation.

Berliner Morgenpost: Und die Frauen?

Andrea Bräu: Sie holen in Sachen Fremdgehen auf. Sie sind selbstbewusster geworden und nehmen sich, was sie wollen. Durch das Internet ist es ja auch leichter geworden, andere Flirtwillige zu finden.

Berliner Morgenpost: Seitensprung-Portale als Versuchung?

Andrea Bräu: Ich finde diese Portale ganz fair. Beide Seiten wissen, um was es geht. Und manchmal kommt es zwischen den neuen Bekannten gar nicht zu einer realen Begegnung. Da reicht es schon, die Fantasie auszuleben, um zu kompensieren.

Berliner Morgenpost: Das ist dann noch keine Untreue?

Andrea Bräu: Wann Untreue beginnt, kann man nicht pauschal sagen. Was für den einen noch ein harmloser Flirt ist, kann für den anderen schon eine Grenzüberschreitung sein. Ich sage immer: Untreue beginnt, wenn es dem anderen weh tut.

Berliner Morgenpost: Gibt es Zeitpunkte, in denen Menschen besonders anfällig fürs Fremdgehen sind?

Andrea Bräu: Die Familiengründung wirkt oft wie ein Katalysator. Das ist eine Zeit, in der sich viel verändert. Der Mann fühlt sich vernachlässigt, die Frau zu wenig unterstützt. Da muss man erst recht an der Partnerschaft arbeiten. Sie läuft nicht von allein.

Berliner Morgenpost: Was kann man denn tun, damit es nicht zu Seitensprüngen kommt?

Andrea Bräu: Wir nehmen uns den Seitensprung ja selten bewusst vor. Es ist eher so, dass es da diese latente Unzufriedenheit gibt und dann jemand kommt, der in die Kerbe trifft, wo man empfänglich ist. Zum Beispiel der Kollege, der Komplimente macht, wenn man sich nicht begehrt fühlt. Die Fragen, die man sich in so einer Situation stellen muss, lauten: Habe ich alle Potenziale in meiner Beziehung ausgeschöpft? Habe ich meinem Partner mein Bedürfnis überhaupt kommuniziert? Wo ist mein Anteil? Habe ich ein Selbstwertproblem, dass ich Bestätigung von außen suche?

Berliner Morgenpost: Man sollte also Ursachenforschung für seine Unzufriedenheit betreiben?

Andrea Bräu: Ja. Und sich mit dem Partner austauschen. Beide Seiten sind gefragt, wenn es darum geht, Abhilfe zu schaffen. Oft muss man dafür ganz schön tief gehen. Aber durch diesen Prozess kann wahre Begegnung entstehen - die auch wieder positive Auswirkungen auf die Sexualität haben kann.

Berliner Morgenpost: Und wenn der Seitensprung passiert ist?

Andrea Bräu: Denn ist der Austausch ebenfalls unumgänglich. Macht man nur einen Deckel drauf, werden die Probleme und Vorwürfe immer wieder hochploppen. Natürlich muss bei beiden die Bereitschaft zur Auseinandersetzung da sein. Einer allein kann eine Beziehung nicht retten.

Berliner Morgenpost: Wer leidet am meisten: der/die Betrogene, der/die Betrügende oder der/die Dritte?

Andrea Bräu: Ich mag diese Begriffe nicht, das klingt so nach Opfer und Täter. Ich spreche lieber vom "Aktiven", "Passiven" und "(un)sichtbaren Dritten". Was das Leiden angeht: Alle leiden, jeder auf seine Weise! Auch der Aktive. Er stellt fest, dass er niemandem mehr gerecht wird, am wenigsten sich selbst. Schuldgefühle können überhand nehmen und viele erkranken sogar. Typisch sind Magenprobleme, Atem- oder Herzbeschwerden und Schlaflosigkeit.

Berliner Morgenpost: Lassen sich Beziehungen nach einem Seitensprung überhaupt kitten?

Andrea Bräu: Ganz ehrlich: Zwei von drei Partnerschaften überleben einen Seitensprung nicht. Oft stellt sich durch den "Vorfall Seitensprung" heraus, dass die Beziehung noch nie auf einem so guten Fundament stand, wie man dachte. Vielleicht war sie nur Gewohnheit, vielleicht gesellschaftlichen Normen geschuldet, vielleicht den Kindern. Aber sie spiegelte nicht die eigenen Wünsche und Bedürfnisse. Und dann sind da natürlich die Verletzungen...

Berliner Morgenpost: Können sie nicht heilen?

Andrea Bräu: Oft sind sie zu groß. Wie stark sie sind, liegt auch daran, wie man vom Seitensprung erfährt. Der schlimmste Fall ist, wenn der Aktive die Außenbeziehung leugnet und der Passive herausfindet, dass er eben doch seit langem belogen worden ist. Das ist ein riesiger Vertrauensbruch.

Berliner Morgenpost: Und dann?

Andrea Bräu: Wenn der Passive in der Vorwurfshaltung bleibt und nicht verzeihen kann, hat der andere keine Chance. Dann ist die Beziehung beendet. Wenn das Paar es schafft, sich über Ursachen auszutauschen und sich im Vergeben übt, gibt es Hoffnung.

Berliner Morgenpost: Das ist eine große Aufgabe...

Andrea Bräu: Ja. Und sie erfordert Zeit. Das ist wie ein Trauerprozess. Bei einem Paar, das bei mir in Therapie war, hat er fast zwei Jahre gedauert. Zum Abschluss haben beide ihre Vorwürfe auf zwei große Steine geschrieben und sie gemeinsam im See versenkt. Mit diesem Ritual haben sie das Thema Seitensprung abgeschlossen. Und doch war klar: Es wird nie wieder, wie es war. Blindes Vertrauen wird es nie wieder geben. Aber vielleicht ein gesundes Misstrauen, mit dem man gut leben kann.

Berliner Morgenpost: Wissen Sie, was aus dem Paar geworden ist?

Andrea Bräu: Ich habe gerade erfahren, dass die beiden heiraten. Darüber freue ich mich riesig!

Andrea Bräu: Es war doch nur Sex! Seitensprung - ein altes neues Verlangen. Südwest Verlag, 14,99 Euro