Bildung

Mütter lernen für ihre Kinder

An einer Kreuzberger Grundschule drücken türkische Eltern die Schulbank. Ihr Ziel: Die Sprachentwicklung in der Familie fördern

Foto: Marion Hunger

Mittwochmorgen in einer Kreuzberger Grundschule. Auf den kleinen bunten Stühlen im Klassenraum sitzen heute keine Kinder, sondern zehn arabische und türkische Frauen. Kinderbücher liegen auf den Tischen verteilt, dazwischen stehen Kaffeebecher. Fladenbrot und Plätzchen werden herumgereicht. Während ihre Kinder in den benachbarten Klassenräumen im Unterricht sitzen, drücken in der Galilei-Grundschule einmal pro Woche auch einige der Mütter die Schulbank. Das Ziel: zu lernen, wie sie ihren Nachwuchs besser fördern können.

"Heute geht es ums Vorlesen und Erzählen", sagt Kadrye Üstüntas, während sie zügig Arbeitsblätter austeilt. Als Elternbegleiterin arbeitet sie seit zwei Jahren mit den Müttern zusammen. Als es still wird, beginnt Üstüntas, eine Geschichte vorzulesen. "Welche Fragen könntet ihr euren Kindern dazu stellen?", fragt sie anschließend in die Runde. Ausgelassen reden die Frauen durcheinander, schnell entwickelt sich eine Diskussion. Obwohl viele der Mütter im Raum kaum Deutsch sprechen, hat keine von ihnen Schwierigkeiten, den langen Text zu verstehen. Denn wie alle Übungen, Geschichten oder Spiele, die die Mütter hier lernen, ist er in ihrer Muttersprache verfasst.

Zuerst kommt die Muttersprache

"Rucksack" heißt das Projekt, das Eltern mit Migrationshintergrund helfen will, ihre Kinder in der Sprachentwicklung zu unterstützen. Sie sollen Wissen und Material an die Hand bekommen, mit dem sie die sprachlichen Probleme ihrer Kinder schultern können. Um die deutsche Sprache geht es dabei allerdings erst einmal nicht. Bei den regelmäßigen Treffen besprechen die Eltern Texte und Übungen auf Türkisch oder Arabisch. Zu Hause nehmen sie diese dann mit ihren Kindern durch, so das Konzept. Und in der Schule werden die Themen- und Wortfelder gleichzeitig in Deutsch behandelt.

"Nur wenn ein Kind seine Muttersprache richtig beherrscht, kann es auch eine zweite Sprache gut lernen", sagt Makbule Aydin, die das Projekt in Kreuzberg koordiniert. Viele Kinder mit Migrationshintergrund kämen mit einer "doppelten Halbsprachigkeit" in die Schule, beherrschten also weder richtig Deutsch noch die Muttersprache ihrer Eltern. "Wir versuchen darum erst einmal, das Sprachfundament der Kinder in der Muttersprache zu stärken", so Aydin. Erst dann könnten sich die Kinder auch in der deutschen Sprache verbessern.

Dass die Beherrschung der Muttersprache positiven Einfluss auf das Lernen anderer Sprachen hat, bestätigt Professor Rainer Dietrich von der Humboldt-Universität Berlin. "Muttersprachlicher Input ist für den Spracherwerb immer das Beste", sagt der Sprachwissenschaftler. Viele Migrantenkinder hätten mit der Zweisprachigkeit große Probleme, weil sie in ihren Familien insgesamt zu wenig sprachliche Zuwendung erhielten. Die Eltern als Sprachvorbilder zu fördern, anzuregen, mit den Kindern mehr zu üben und vorzulesen, sei darum ein guter Ansatz. "Ob sich das Deutsch der Kinder dann ebenso verbessern wird, ist allerdings nicht sicher erwiesen", so Dietrich.

Beliebt ist das Projekt allemal - bei Kindern und Müttern. "Meine Tochter freut sich, wenn ich vom Rucksack-Projekt eine Geschichte mit nach Hause bringe", erzählt Ebru Kaya. Die Siebenjährige geht in die zweite Klasse der Galilei-Grundschule. "Früher hatte sie Probleme mit beiden Sprachen. Seit wir auch auf Türkisch gemeinsam lesen, habe ich das Gefühl, dass es besser wird", sagt ihre Mutter. Für sie sind die Treffen aber auch wichtig, um sich mit den anderen Müttern auszutauschen. "Was an der Schule passiert, welche Probleme die Kinder haben, das können wir hier in Ruhe besprechen", sagt sie.

Die Galilei-Grundschule liegt in der Südlichen Friedrichstadt nahe dem Mehringplatz. Marode Sozialbauten und Hochhäuser prägen das Bild, das Viertel gilt als sozialer Brennpunkt. Mehr als 85 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund, sehr viele kommen aus sozial schwachen oder bildungsfernen Familien. Dabei haben die Lehrer vor allem mit den schlechten Deutschkenntnissen der Schüler zu kämpfen. "Wenn die Kinder hier eingeschult werden, können die meisten zwar dem Unterricht folgen, doch in Wortschatz und Grammatik haben fast alle immense Probleme", sagt Gaby Jacobeit. Seit mehr als zehn Jahren unterrichtet sie an der Schule Deutsch. Im Sprachniveau lägen die Klassen oft mindestens ein Jahr hinter dem Durchschnitt zurück.

Ohne die Eltern geht es nicht

"Oft erleben wir, dass sich die Kinder eifrig melden, aber dann einfach nicht artikulieren können", so die Lehrerin. Sprachförderung stehe für die Schule deshalb an oberster Stelle. "Aber ohne die Eltern haben wir keine Chance." Auf die Muttersprache der Migranten setze man deshalb auch, um leichter mit den Familien in Kontakt zu kommen.

Für viele Eltern ist das zweisprachige "Rucksack-Projekt" die einzige Möglichkeit, ihre Kinder überhaupt in der Schule zu unterstützen. Wenn Fatma Sariyar Deutsch spricht, wird ihre Stimme leise, immer wieder sucht ihr Blick die anderen Mütter. "Ich spreche leider nicht gut Deutsch", sagt die vierfache Mutter und zupft verlegen an ihrem Kopftuch. "Bei den Hausaufgaben auf Deutsch kann ich meinen Kindern nicht helfen", erzählt sie. Mit Geschichten auf Türkisch hingegen könne sie ihren Sohn unterstützen.

"Wir sagen den Eltern: Fördert eure Kinder in der Sprache, in der ihr sicher seid", so Projektkoordinatorin Makbule Aydin. Früher habe man Migranteneltern oft gedrängt, nur Deutsch mit ihren Kindern zu sprechen. "Leider merken die Kinder schnell, wenn die Eltern selbst Probleme mit der Sprache haben", so Aydin. Die Eltern könnten dann ihre Rolle als Sprachvorbilder nicht mehr erfüllen. Um dies zu verhindern, müsse in den Familien Freude an Sprache und Lesen vermittelt werden.

Zeinab Khalife lässt "Michel aus Lönneberga" in der Mütterrunde kreisen. Auf Arabisch heißt es wie im Original "Emil" und ist eines der beliebtesten Kinderbücher in der kleinen Bibliothek, die das "Rucksack-Projekt" den Eltern bereitstellt. Khalife kümmert sich als Elternbegleiterin speziell um die arabischen Mütter. Über die Kinderbücher in ihrer Muttersprache hatte sie sich besonders gefreut, als sie vor vier Jahren selbst am "Rucksack-Projekt" teilgenommen hat. "An die kommt man nämlich normalerweise nur schwer ran", erklärt sie. Als sie von einer Lehrerin gefragt wurde, ob sie selbst Elternbegleiterin werden wolle, sagte sie sofort zu. "Wir alle wollen doch unseren Kindern bei der Bildung helfen."

Als die Schulglocke läutet, ist auch für die Mütter die Stunde zu Ende. Plaudernd packen sie Arbeitsblätter und Bücher zusammen. Wenn es nach den Projektmachern geht, trägt jede Einzelne nicht nur das Übungsmaterial mit nach Hause. Sondern auch ein Stück Freude und Wertschätzung für die eigene Sprache - wie in einem Rucksack.

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