Konfirmation oder Jugendweihe

Aufbruch in die Welt der Erwachsenen

Konfirmation oder Jugendweihe - in Berlin sind kirchliche und weltliche Feiern ähnlich weit verbreitet

Foto: David Heerde

Ein bisschen kommt es ihr vor wie Weihnachten, die Vorfreude ist riesig. Annemarie Tippel feiert in zwei Wochen im Kino Colosseum in Prenzlauer Berg ihre Jugendweihe. Mit Weihnachten hat das eigentlich nichts zu tun, aber die festliche Stimmung, die spürt die 14- Jährige aus Heinersdorf heute wie in der Adventszeit. Vielleicht wäre es naheliegender, wenn Elena Gaernter an Weihnachten denken würde - immerhin hat das Fest, das sie bald feiert, viel mehr mit Jesus zu tun. Die 13-Jährige wird an Pfingsten in der Emmaus-Kirche in Kreuzberg konfirmiert. Aber Weihnachten wird jedes Jahr gefeiert, die Konfirmation nur einmal im Leben - das ist für die Schülerin des evangelischen Gymnasiums in Köpenick schon etwas ganz Besonderes.

Annemarie und Elena - zwei Feste, zwei Welten und doch viel Verbindendes. Vor allem ist ihr jeweiliges Fest ein Punkt in ihrem Leben, der sie zum Nachdenken anregt, über ihre Zukunft, über die Werte, die ihr Leben prägen.

Schulentlassungsfeier

Die Konfirmation bedeutet den Übergang ins kirchliche Erwachsenenalter: Die Jugendlichen können nun am Abendmahl teilnehmen und Taufpaten werden. Früher fiel die Konfirmation mit dem Ende der Schulpflicht zusammen, insofern markierte sie auch den Eintritt ins Berufs- und bürgerliche Erwachsenenleben. Als Schulentlassungsfeier war ursprünglich auch die Jugendweihe gedacht. Viele sehen sie als Erfindung der DDR, dabei ist die Jugendweihe viel älter als das geteilte Deutschland. Die ersten Jugendweihen wurden schon vor 160 Jahren gefeiert. Damals auf den Weg gebracht von freireligiösen Gruppen, hießen sie zunächst "Confirmationsersatzfeiern". Den Begriff Jugendweihe prägte ein paar Jahre später Eduard Baltzer, ein thüringischer Pfarrer, der dann gegen die etablierte Kirche aufbegehrte und Vorsitzender des Bundes freireligiöser Gemeinden wurde.

Große Verbreitung erfuhr die Jugendweihe aber tatsächlich erst mit der DDR. 1955 wurde die erste Jugendweihe in Ost-Berlin gefeiert und in den Jahrzehnten danach zu einer verpflichtenden Veranstaltung. Auch heute finden die Jugendweihen ausschließlich in den Ost-Bezirken der Stadt statt. Laut der Evangelischen Kirche wurden im Jahr 2009 in Berlin 3093 Jugendliche konfirmiert. In den vergangenen zehn Jahren sank die Teilnehmerzahl zwar, aber im Verhältnis zur ebenfalls kleiner werdenden Schülerzahl in Berlin blieb der Anteil der Konfirmanden mit zwölf bis 14 Prozent relativ gleich. Einen deutlichen Zuwachs verzeichnet die Evangelische Kirche allerdings in Brandenburg: Hatten sich hier 2001 noch nur 8,9 Prozent der Schüler konfirmieren lassen, waren es 2009 bereits 13,7 Prozent.

Zur Jugendweihe, die vom Verein Jugendweihe Berlin/Brandenburg veranstaltet wird, gingen im Vergleichszeitraum 2009 in Berlin 2683 Jugendliche, in diesem Jahr sind es knapp 300 mehr. Die Teilnehmerzahl wächst, trotz abnehmender Schülerzahlen. Mehr Jugendliche verzeichnet auch der Humanistische Verband, der die Jugendfeier veranstaltet. In diesem Jahr waren 2021 Schüler dabei.

Wie viele von den Jugendlichen bei der Jugendweihe inzwischen aus den westlichen Bezirken kommen, wird nicht gesondert aufgelistet, geschätzt wird jedoch, dass es inzwischen etwa zehn Prozent sind. Auch von den Mitschülern von Annemarie, die die neunte Klasse der Rosa-Luxemburg-Oberschule in Pankow besucht, kommen einige aus westlichen Bezirken und sind bei der Jugendweihe dabei. Annemaries Mutter, Melanie Tippel, ist es ein Anliegen, diese Tradition, die sie selbst erlebt hat, weiter zu tragen und hat daher als Elternsprecherin in der Klasse ihrer Tochter angeregt, dass die Schüler gemeinsam zur Jugendweihe gehen. Mehr als 20 sind nun dabei. "Mit der Jugendweihe wird etwas auf den Weg gebracht", sagt sie, viel habe sie mit ihrer Tochter in den vergangenen Wochen über die Zukunft gesprochen. Dennoch sei sie froh, dass das Fest heute keine Pflichtveranstaltung mehr ist und dass es sich aus ihrer Sicht ganz aus dem Kontext der DDR gelöst hat.

Früher wurden die Jugendlichen im Unterricht auf die Jugendweihe vorbereitet, heute bietet der Verein Jugendweihe Berlin/Brandenburg in seiner Jugendarbeit viele Veranstaltungen an - zu Geschichte und Kultur, zu Sport und zum Alltag der Jugendlichen - auch eine Modenschau speziell für die Jugendweihe gibt es. Denn natürlich geht es den Jugendlichen nicht nur um Werte und ihre Zukunft, sondern auch um ihr Styling an diesem Tag. "Ziel ist es vor allem, den Jugendlichen Lebensmut zu vermitteln", sagt Henry Behrens, Vorsitzender des Vereins. Verbindlich ist der Besuch der Veranstaltungen nicht, "wir haben aus der Geschichte eine Lehre gezogen", erklärt Behrens. Außerdem fehle vielen Jugendlichen heute einfach die Zeit, neben der Schule und ihrem persönlichen Freizeitprogramm noch weitere Termine wahrzunehmen. Auch Annemarie hat es nicht geschafft, sie geht schon zum Chor, zum Cheerleading und in die Theater-AG. Außerdem ist sie an einem Tandemprojekt an ihrer Schule beteiligt, bei dem Neuntklässler sich um Fünfklässler kümmern - für sie auch eine Erfahrung auf dem Weg, erwachsen zu werden.

Kritische Auseinandersetzung

Konfirmation ohne Konfirmandenunterricht? Das könnte sich Elena nicht vorstellen. Ein Jahr lang hatte sie Konfirmandenunterricht an der Emmaus-Kirche. Mitgenommen habe sie aus dieser Zeit vor allem Denkanstöße, die sie im Konfirmandenunterricht und in Predigten bekommen hat. Die Familie ist fest verwurzelt in der Gemeinde und für Elena ist es selbstverständlich, am Sonntag in die Kirche zu gehen; und das nicht, weil sie sich eine bestimmte Anzahl von Gottesdienstbesuchen auf einer Stempelkarte vermerken lassen muss - die gibt es in der Emmaus-Kirche nicht.

Auch Jörg Machel, Pfarrer der Emmaus-Kirche, der in diesem Jahr 25 Jugendliche konfirmiert, beobachtet, dass sich die Jugendlichen heute intensiv mit Glauben und Gott befassen. "Heute lässt sich kaum noch jemand konfirmieren, nur weil die Eltern ihn schicken oder wegen der Geschenke", sagt er. Die Entscheidung gehe oft von den Kindern selbst aus, "sie wollen sich mit ihrem Evangelisch-Sein beschäftigen", gerade in einem Multi-Kulti-Umfeld wie Kreuzberg. Sie setzen sich offen und kritisch mit Glaubensfragen auseinander.

Für Elenas Eltern ist die Konfirmation nur ein Baustein in der religiösen Entwicklung ihrer Tochter. Sie wollen Elena mit der Kirche einen Ort der Geborgenheit zeigen. "Die Gemeinde ist wie eine zweite Familie, sie hat vor allem eine Sozialfunktion", sagt Elenas Vater Mathias Gaernter, "wenn unsere Tochter das erlebt, kommen die christlichen Werte von allein".

Ob Jugendweihe oder Konfirmation - für Elena und Annemarie ist es gleichermaßen ein großer Tag, was sie auch mit ihren schönen neuen Kleidern zeigen wollen. Sie freuen sich darauf, nach der Feierstunde beziehungsweise dem Gottesdienst mit ihrer Familie zusammen zu sein und später noch ein Fest mit der Klasse zu feiern. Und sie freuen sich auf den ersten Schritt ins Erwachsenenleben, ein bisschen mehr auf Augenhöhe mit Eltern und Lehrern zu stehen, vielleicht auch ein bisschen ernster genommen zu werden.