Vorschule

Auf den Spuren von Daniel Düsentrieb

Das "Haus der kleinen Forscher": Wie schon bei Vorschulkindern das Interesse an Naturwissenschaften geweckt werden kann

Foto: Michael Brunner

Moritz verfehlt den Tisch nur um Haaresbreite. Rote Wasserfarbe tropft aus seiner Pipette auf den Boden. Ein Ausrutscher, denn Moritz hat eigentlich schon Übung mit der Pipette. Der Sechsjährige geht in die Kita "Schatzkiste" in Woltersdorf bei Erkner. Hier benutzen die Kinder regelmäßig Pipetten, Reagenzgläser oder Petrischalen - Utensilien, die sonst von Wissenschaftlern oder in Laboren verwendet werden. Moritz und die anderen Kindergartenkinder verwenden sie ganz selbstverständlich - genau wie das dazugehörige Vokabular, das sonst sogar manchem Erwachsenen fremd ist. Sie probieren fast jeden Tag neue Experimente aus oder begutachten laufende Versuche.

Täglich haben die Kindergartenkinder mit Naturwissenschaften, Technik und manchmal sogar schon mit Mathematik zu tun. Denn die Kita "Schatzkiste" nimmt am frühkindlichen Bildungsprogramm der Stiftung "Haus der kleinen Forscher" teil. Sie bietet unter anderem Workshops und Arbeitsmaterial für die Kindergärten an. Und in Fortbildungen lernen die Erzieherinnen, wie sie das Programm am besten in den Kindergartenalltag integrieren.

Heute füllen die Kinder Wasserfarben in Reagenzgläser, die in eine graue Steckmasse gedrückt wurden, und beobachten, ob sie sich vermischen. Das Rot verschwimmt zunächst nicht mit dem Gelb, stellt Linus (6) fest. Dann wird es plötzlich heller in dem länglichen Glas. Tobias (6) hat ganz andere Pläne, bei ihm soll es dunkel werden: "Jetzt stell' ich Cola her!", ruft er und gibt eine Pipette voll Blau in sein Reagenzglanz. "Zusammendrücken und loslassen - erst ist die Farbe in der Pipette und dann dort, wo ich sie hinhaben will." Tobias lässt los und die Flüssigkeit im Reagenzglas wird braunschwarz - fast so wie Cola. Der kleine Forscher ist begeistert: "Es funktioniert!"

Neugier wecken

In Berlin nehmen bereits rund 1200 Einrichtungen an dem Projekt teil. Bundesweit sind es 17 100 - bis 2015 sollen es rund 36 000 werden. Das Engagement der Stiftung, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, hat das Ziel, viele Kinder möglichst früh spielerisch an naturwissenschaftliche und technische Zusammenhänge im Alltag heranzuführen. Damit soll ihre Neugier geweckt werden - und vielleicht sogar langfristiges Interesse. Denn in Zeiten des Fachkräftemangels und des schwindenden Interesses an Naturwissenschaften ist eine solche Initiative bitter nötig, finden die Initiatoren.

"Die Stiftung ,Haus der kleinen Forscher' setzt sich für bessere Bildungschancen für Mädchen und Jungen ein und will damit einen Beitrag zur Stärkung des Innovations- und Forschungsstandortes Deutschland leisten", sagt Christa Mersch, stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung. Regelmäßig wird mithilfe eines Kuratoriums das Programm weiterentwickelt. "Unser pädagogisches Konzept beinhaltet immer die neuesten Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie. Die geben wir auch an die Erzieherinnen weiter", sagt Christa Mersch. Niemand weiß, ob die Kinder später einen wissenschaftlich orientierten Beruf ergreifen. Aber sie erhalten im frühkindlichen Alter bereits den Zugang zu Naturwissenschaften. In der Grundschule können sie dann möglicherweise besser mit Aufgaben aus diesem Bereich umgehen.

Ein Experiment lautet: "Wackliger Wasserberg", bei dem Münzen in einem randvollen Glas mit Wasser versenkt werden. Aufgrund der Oberflächenspannung wächst die Masse über den Glasrand hinaus. Der kleine Tobias erklärt, was dabei passiert: "Es entsteht obendrauf ein kleiner Huppel, weil die Tropfen sich aneinander festhalten." Die Kinder aus der "Schatzkiste" sind von den Dingen, mit denen sie experimentieren, umgeben. In einem Teil des großen Raumes, in dem sie klettern, spielen und toben, sind Regale aufgebaut, in denen Utensilien wie Magnete, Wolle, Metallsiebe, Waagen und Mikroskope aufbewahrt sind. An der Wand sind große Pantoffeltierchen und Einzeller gemalt.

Im "Haus der kleinen Forscher" kommen die Kita-Kinder aber nicht nur mit Naturwissenschaften in Berührung - sie werden auch angeregt, ihre Feinmotorik zu trainieren. Viele Kinder haben in ihrem Alltag immer weniger Gelegenheit, diese Fähigkeiten ausreichend zu erlernen. In der "Schatzkiste" sammeln die Kleinen mit der Pinzette Erbsen ein, schütten Linsen in kleine Behälter, platzieren mit der Pipette winzige Wassertropfen auf die Saugnäpfe eines Gummi-Seifenhalters. "Das machen wir zum Beispiel als Vorbereitungsübung für die Schreibhand", erklärt Erzieherin Lydia Schmidt. Die 53-Jährige absolviert mit ihren Kolleginnen zwei- bis dreimal im Jahr Fortbildungen im "Haus der Kleinen Forscher" in Mitte. "Wir machen natürlich die Experimente und lernen, was bei der Vermittlung am wichtigsten ist." Die Erzieherinnen dokumentieren regelmäßig die Fortschritte der Kinder, schreiben auf, was sie selbst herausgefunden haben. "Später einmal ist das eine schöne Erinnerung an die Kindergartenzeit", sagt Lydia Schmidt.

Vorbereitung auf die Schule

Wie sehr die Kinder schon jetzt von ihren ersten Erfahrungen mit den Naturwissenschaften profitieren, hat sich im vergangenen Herbst gezeigt, als sie in der Kita drei Igel gerettet haben. Emil, Egon und Eugen waren zu schwach und zu leicht, um allein klarzukommen. Also fütterten die Kinder sie und wogen sie jeden Tag, bis jeder Igel 500 Gramm auf die Waage brachte und wieder freigelassen werden konnte. Der Umgang mit Tieren und Geräten wie der Waage war ihnen dabei ganz selbstverständlich. Und sie entwickelten viele Ideen: "Wir haben mit buntem Nagellack Punkte auf die Stacheln gemacht, damit wir sie unterscheiden können", sagt Sandra. "Das sah so lustig aus!"

Ob Tobias und seine Freunde später einmal Wissenschaftler werden, ist natürlich ungewiss. Aber sie lernen eine Menge über Alltagsmaterialien und was man mit ihnen alles anstellen kann. Außerdem erweitern sie auch ihren Wortschatz. Und das Wichtigste: Sie haben dabei jede Menge Spaß.