Bildung

Physik für kleine Forscher

Über Schulbücher zu meckern ist leicht, sie zu machen schwerer. Ein Werkstattbesuch in Treptow

Foto: Joerg Krauthoefer

Auf Seite 10 schmiegt sich ein Elefantenjunges an seine Mutter, auf Seite 158 wirft sich ein Bungee-Jumper in die Tiefe. Männer reparieren Autos, Teenies schminken sich, Familien fahren in der Kutsche übers Watt. Doch was, um Himmels willen, sollen alle diese Bilder zusammen in einem Buch? Barbara Gau lacht. Und schaut ein bisschen stolz. Darauf, dass sie anschauliche und einprägsame Beispiele gefunden hat, an denen sich die Gesetze der Physik erklären lassen. Barbara Gau ist Herausgeberin, Redakteurin und Autorin eines neuen Physikbuchs des Duden Schulbuchverlags für die 7./8. Klasse. Volumen und Masse, Wärme und Licht, Kraft, Druck und Energie: Das sind nur einige der Themen, die sie in "Physik - na klar!" unterbringen musste. Dabei war der ehemaligen Lehrerin für Mathematik und Physik vor allem eines wichtig: "Ich wollte zeigen, dass Physik Spaß macht und kreativ ist - und dass die Schüler gern lernen."

Dies zu erreichen, ist eine Herausforderung. Schulbücher entstehen, wie es die Macher von Duden formulieren, "im Spannungsfeld von Bildungspolitik und Schulpraxis". Auf der einen Seite müssen die Themen und Lernziele der Lehrpläne abgedeckt werden, die die Kultusministerien der Bundesländer festlegen. Auf der anderen Seite gilt es, bei Konzeption, Design und Preisgestaltung den praktischen Bedürfnissen der Lehrer, Schüler und auch der Eltern gerecht zu werden. Die Kunst besteht also darin, den umfangreichen Lehrstoff so herunterzubrechen und zu verpacken, dass ein ansprechendes und nützliches Lehrwerk entsteht.

Selbst aktiv werden

"Physik - na klar!" hat die Schulbuchredaktion von Duden speziell für die neu gegründeten Sekundarschulen in Berlin entwickelt. Es soll gerade auch lernschwächeren Schülern mit Problemen beim abstrakten Denken als Leitfaden dienen und ist daher besonders locker und übersichtlich gestaltet: mit knappen Texten, vielen Fotos, Grafiken, Illustrationen, einer klaren Gliederung - und immer wieder einer direkten Ansprache und Aufforderung, selbst aktiv zu werden. "Die Schüler sollen nicht nur Neues entdecken, sondern das Gelernte auch nutzen", sagt Barbara Gau. "So wird der Stoff besser verstanden - und bleibt auch eher haften."

Zum Beispiel wird anhand der Lochkamera erklärt, dass sich Licht geradlinig ausbreitet. "Baue eine Lochkamera und nutze sie bei Untersuchungen", heißt es. Mithilfe von einfachen Mitteln wie Dose, Plastikdeckel, Nagel und Kerze können die Schüler das Prinzip ihres Fotohandys erforschen und physikalische Begriffe kennenlernen. Die Frage "Wie kommt es, dass Gold auf Bronze haftet?" wird am Beispiel der Goldelse erläutert. Sie soll den Schülern das Prinzip von Kohäsion und Adhäsion vermitteln. Auch die Beispiele, die die Möglichkeiten der Wärmeleitung illustrieren, kennt jeder aus dem Alltag und kann sie leicht überprüfen: Da ist der Löffel, der im Teller mit heißer Suppe liegt und sich erwärmt, oder die strömende Luft des Föns, die Wärme zu den Haaren transportiert. An die Bedürfnisse der Lehrer und Eltern hat die Redaktion ebenfalls gedacht. Speziell für diese haben sich Barbara Gau und Christian Spitz an das Prinzip "eine Frage pro Doppelseite" gehalten. "Auf dieser Basis lassen sich gut Schulstunden gestalten und Eltern können die Inhalte zu Hause leicht nachvollziehen", sagt die ehemalige Lehrerin Barbara Gau, die jahrelang auch Studenten in Didaktik unterrichtet hat.

Wie selbstverständlich liegen die blauen Schulbücher stapelweise auf dem Tisch im Physikredaktionsraum des Schulbuchverlags in Treptow. Die Mühe, die in ihnen steckt, ist kaum sichtbar. Dabei können von der ersten Idee bis zum Erscheinen eines Titels bis zu drei Jahre vergehen, erklärt Redaktionsleiter Christian Spitz. Zunächst entwickeln Herausgeber, Autoren und Redakteure gemeinsam ein Konzept - angeregt zum Beispiel durch einen neuen Lehrplan oder, wie bei "Physik - na klar!", durch eine Schulreform. Ideen und Materialien werden an Schulen getestet, Lehrer befragt. Daraufhin wird das erste Manuskript produziert: Texte werden an Autoren vergeben und geschrieben, Bilder ausgewählt, das Layout entwickelt, die Gestaltung festgelegt. Die Fassung wird so lange verbessert, bis das Team zufrieden ist und auch externe Gutachter und Berater ihr "Ok" geben.

Gleichzeitig werden Begleitmedien entworfen, etwa ein Arbeitsheft, Kopiervorlagen und Lehrermaterial. Immer öfter werden auch neue Medien wie CD-ROMs oder DVDs entwickelt. Schließlich folgt eine wochenlange Korrekturphase - bis das Buch in Druck geht und dann von den Schulberatern des Verlags an Schulen vorgestellt wird. 450 Exemplare von "Physik - na klar!" werden derzeit von Berliner Physiklehrern geprüft. Der Verlag hofft, dass sie sich im neuen Schuljahr für das Lehrwerk von Duden entscheiden.

Große Konkurrenz

Die Konkurrenz auf dem Schulbuchmarkt ist groß - vor allem zwischen den führenden Anbietern Klett, der Westermanngruppe und den Cornelsen Schulverlagen, die in Berlin ihren Hauptsitz haben und zu denen auch der Duden Schulbuchverlag gehört. In den naturwissenschaftlichen Sparten ist es zudem nicht überall üblich, dass die Lehrer ein Buch im Unterricht benutzen. Viele verlassen sich auf selbst gestaltete Tafelbilder, die die Schüler mitschreiben sollen. Dies liegt wohl auch an den hohen Kosten für Schulbücher: Für das neue Physikbuch aus Treptow müssen Berliner Eltern beispielsweise 21,95 Euro berappen - auch aufgrund des hochwertigen Papiers, das reißfest sein müsse und nicht spiegeln dürfe, wie Christian Spitz betont.

Allerdings will ein modernes Schulbuch mehr als nur Inhalte zum Nachschlagen bieten. "Gerade in Berlin besteht ein großer Wunsch nach einem differenzierten Angebot", sagt Barbara Gau. "Zum einen sollen Schüler verschiedener Leistungsstärken beschäftigt werden. Zum anderen sollen verschiedene Methoden vermittelt werden, etwa erklären, bewerten, interpretieren und experimentieren." Und natürlich sollten "auch kleine Gags nicht fehlen", sagt sie und zeigt lächelnd auf das Maskottchen "Tudu", das mit mal nachdenklichem, mal lustigem Gesichtsausdruck über die Seiten geistert und Kommentare abgibt.

Das schlagkräftigste Argument für den Einsatz von Büchern liefert allerdings Christian Spitz. "Mit einem guten Schulbuch kann man einen langweiligen Lehrer nicht interessant machen", sagt er. "Aber man kann ihn zumindest unterstützen."