Heike Luther:

"Die Väter im Kreißsaal fielen erst einmal um"

Ihre eigenen drei Kinder bekam Heike Luther in Rückenlage. Etwas anderes war damals, 1968, 1970 und 1975 undenkbar. "Für die Ärzte war das ja auch viel einfacher", sagt die gelernte Krankenschwester, die sich vor 45 Jahren zusätzlich zur Hebamme ausbilden ließ.

Das Sagen im Kreißsaal hatten die Ärzte. Die Hebammen durften die Frauen zwar während der Wehen unterstützen, aber zur Geburt rauschte der Gynäkologe herein, machte einen Schnitt und das Kind war da. Frauen werden entbunden, hieß es - ein Satz, der Heike Luther noch heute aufregt: "Das klingt so passiv - Frauen gebären doch." Alternativen zur Geburt in Rückenlage gab es in den 70er-Jahren eigentlich nicht, höchstens noch der Kaiserschnitt unter Vollnarkose, weiß Heike Luther: "Da hieß es dann: Sie können Ihr Kind auch im Schlaf bekommen." Unverantwortlich, findet sie es, "den Frauen das Geburtserlebnis zu nehmen".

Heike Luther selbst kam 1941 bei einer Hausgeburt zur Welt - und wurde ein Jahr voll gestillt. Als ihre eigenen Kinder geboren wurden, hat sie sich nie getraut das zu erzählen, "zu peinlich" war es ihr. Wenn sie es doch mal erwähnte, erntete sie Kommentare wie: "Igitt, das ist doch unhygienisch!" Schließlich stand, als sie Mutter wurde, die Flasche ganz hoch im Kurs. So lange bis sich die Kinderärzte Ende der 70er-Jahre wieder fürs Stillen aussprachen. Das war zugleich auch die Zeit, in der sich allmählich die Geburtsvorbereitung, wie werdende Eltern sie heute kennen, entwickelte. "Zwar gab es damals schon sogenannte Mütterkurse", so die Hebamme, "aber die liefen alle nach einem Standardprogramm ab und gingen wenig auf die Bedürfnisse der Frauen ein" - und Väter hatten darin ohnehin keinen Platz. Als die später mit in den Kreißsaal durften, "fielen die erst einmal reihenweise um", erinnert sich Heike Luther, "die hatten doch gar keine Ahnung, was sie dort erwartet". Vom "Kreißsaaltourismus", wie Heike Luther die Tage der offenen Tür in den Geburtskliniken nennt, war man noch Jahre entfernt.

Für Heike Luther war Anfang der 70er-Jahre klar: "Das muss anders werden", sie wollte Frauen vor allem dahin bringen, selbstbestimmt zu gebären - in der Position, die sie für richtig halten. Und sie wollte das Angebot für die werdenden Eltern erweitern. Sie war dabei, als um 1970 in Berlin das Schwangerenschwimmen aufgebaut wurde - und stieß erst einmal auf Ablehnung bei Ärzten und Bademeistern: Die Infektionsgefahr sei doch viel zu hoch! Noch größer war der Widerstand, als 1987 in Berlin das erste Geburtshaus Berlins gegründet wurde. Heike Luther erinnert sich, wie der Chefarzt einer Berliner Geburtsklinik wetterte: "Wir fahren doch auch nicht mehr mit Pferdefuhrwerken durch die Straßen!"

Während heute Geburtshäuser und Kliniken eng zusammenarbeiten, wurden Hebammen und Gebärende, die bei Komplikationen aus dem Geburtshaus in den Kreißsaal wechselten, regelrecht angefeindet. "Wärste mal früher gekommen" gehörte noch zu den harmloseren Standardsprüchen, die sich die Geburtshaus-Hebammen anhören mussten. Doch trotz aller anfänglichen Widerstände haben sich die Geburtshäuser etabliert - auch wenn der Anteil der Babys, die hier zur Welt kommen, deutschlandweit konstant bei lediglich zwei Prozent liegt. In den Geburtshäusern setzten sich vor allem alternativen Gebärpositionen durch, sagt Heike Luther, die damals selbst einen Gebärhocker nachgebaut hatte. Er steht noch heute in ihrem Haus in Kladow.

Seit vier Jahren ist Heike Luther nun im Ruhestand, gibt keine Kurse mehr, betreut keine Frauen mehr im Wochenbett. Die Umstellung fiel ihr zunächst schwer, als plötzlich der Anrufbeantworter stumm und ihre Tage frei blieben. Schließlich hat sie ihren Beruf immer geliebt: "Wenn ich noch mal am Anfang stehen würde - ich würde wieder Hebamme werden." Vor allem diese Nähe zu den Menschen hat sie an ihrer Arbeit begeistert. Und noch heute freut sie sich, wenn sie in Kladow Menschen trifft, die sie vor 20 Jahren in ihren ersten Lebenstagen betreut hat.

Als Rentnerin hat Heike Luther ihre Energie erst einmal in ihre Beine gesteckt und lief beim Berlin-Marathon mit. Es war ihr erster - "und wird wohl auch mein einziger bleiben", sagt sie lachend, obwohl sie noch immer voller Energie steckt. Heute kümmert sich Heike Luther vor allem um ihre Enkelkinder - das fünfte kommt in diesen Tagen zur Welt. Und sie ist stolz darauf, dass ihre Schwiegertochter sie gebeten hat, bei der Geburt dabei zu sein.