Psychologie

Das Gefühl von Sicherheit

Partnerschaften und Familienbeziehungen können diffuse Ängste lindern, sagt der Psychologe Tim Hagemann. Ein Gespräch

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Durchsagen in der U-Bahn, bewaffnete Polizisten auf den Bahnhöfen: Was der öffentlichen Sicherheit dienen soll, sorgt im Alltag bei vielen Menschen für ein unbestimmtes, aber doch sehr präsentes Gefühl der Bedrohung. Tim Hagemann, Professor für Arbeits-, Organisations- und Gesundheitspsychologie an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld, beschäftigt sich seit Jahren mit Familien- und anderen engen sozialen Beziehungen, die besonders in Zeiten äußerer Unsicherheit Sicherheit geben. Mit Tim Hagemann sprach Judith Innerhofer.

Berliner Morgenpost: Viele Menschen fühlen sich - beispielsweise im Flugzeug - sicherer, wenn ihr Partner neben ihnen sitzt. Woran liegt das?

Tim Hagemann: Man hat jemand neben sich, dem man absolut vertraut. Dieses Konzept lernen wir schon in der Kindheit. Eltern würden letztendlich alles für ihr Kind tun. Man kann sich viel herausnehmen, da man weiß, die Eltern boxen einen schlussendlich aus jeder Situation wieder heraus. Dieses Muster überträgt man dann im Erwachsenenalter auf Beziehungen. Man lernt, dass man Menschen vertrauen kann, dass Menschen für einen da sind und sehr altruistisch handeln können.

Berliner Morgenpost: Ich suche mir also in einer Partnerschaft genau dieses Gefühl aus meiner Kindheit wieder?

Tim Hagemann: Ich lerne in Partnerschaften zumindest, dass ich vertrauen kann und dass ein Mensch tatsächlich zu mir steht. Das ist eine Gewissheit, die ich bekomme und suche.

Berliner Morgenpost: Das ist der Idealfall. Bei wie vielen Menschen ist es denn wirklich so?

Tim Hagemann: Wenn jemand diesen Rückhalt in der Kindheit nicht erlebt hat, sind natürlich die Bindungsmuster ganz andere. Man baut Partnerschaften nach dem Muster der Beziehung zu den Eltern und zu den Geschwistern auf. Menschen, die in ihrer Kindheit dieses Urvertrauen nicht bekommen haben, fällt es in der Regel auch sehr viel schwerer, eine Beziehung aufzubauen - und tatsächlich Vertrauen und Sicherheit zu fühlen.

Berliner Morgenpost: Aber können sich Menschen, denen dieses Urvertrauen der Kindheit fehlt, dann jemals sicher und geborgen fühlen?

Tim Hagemann: Es ist zwar sehr schwierig, Vertrauen im Nachhinein zu erlernen, doch auch eine gute Freundschaft kann zeigen, dass jemand selbstlos - ohne einen eigenen Vorteil daraus zu ziehen - jemand anderem hilft. Man hat die Sicherheit, dass es jemanden gibt, der immer für einen in die Bresche springen würde.

Berliner Morgenpost: Wenn ich das Gefühl der Sicherheit durch eine zwischenmenschliche Beziehung erst im Erwachsenalter erfahre, habe ich dann nicht noch größere Angst, dieses Gefühl wieder zu verlieren?

Tim Hagemann: Ja, das ist ein wichtiger Punkt, denn das ist meist eine Facette, die in Beziehungen eine Rolle spielt. Diese Menschen tendieren dann dazu, besonders zu klammern oder extrem eifersüchtig zu sein. Damit zerstören sie die Tatsache, dass Partnerschaften sich in alltäglichen kleinen Sachen sehr positiv auf das Sicherheitsgefühl auswirken. Sie kennen das Konzept des Urvertrauens aus der Kindheit nicht. Normalerweise bringt man genau das in die Partnerschaft ein, und das bewährt sich dann ja auch - blindes Vertrauen.

Berliner Morgenpost: Und wie sind da die Grenzen definiert? Wer rettet mich wirklich: Blutsverwandte, die große Liebe, der beste Freund?

Tim Hagemann: Die stärksten Bande gibt es zwischen Blutsverwandten - familiäre Bande also, und dabei vor allem Eltern gegenüber Kindern. Das ist definitiv das stärkste altruistische Konzept in einer extremen Situation. In Katastrophensituationen haben die Menschen, die Familie bei sich haben, die größere Chance zu überleben. Je höher der Verwandtschaftsgrad ist, desto größer ist die Chance der Person zu überleben. Selbst alte Leute kommen eher lebend aus einem brennenden Gebäude heraus als ein junger kräftiger Mann, wenn sie in dieser Situation Familie und Freunde um sich haben.

Berliner Morgenpost: Heißt das, auch Eltern würden ihr Leben für ihr Kind einsetzen?

Tim Hagemann: Nicht alle Eltern, aber ganz klar, wenn überhaupt, dann opfern Eltern ihr Leben für ihre Kinder. Es sind aber auch Fälle bekannt, zum Beispiel aus Konzentrationslagern, in denen Leute, die sich nicht kannten, das Leben für jemand anderen auf das Spiel setzten.

Berliner Morgenpost: Wie ist das bei Partnerschaften?

Tim Hagemann: Liebe und Zuneigung sind durchaus auch ein ganz wichtiges Band. Man muss vor allem eine längere Zeit zusammen sein, um tatsächlich dieses Vertrauen aufzubauen.

Berliner Morgenpost: Gibt es andere Faktoren, die zu einem Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit führen? Zum Beispiel Selbstverwirklichung?

Tim Hagemann: Zufriedenheit und Glücklichsein sind Themen, die gerade sehr intensiv untersucht werden. Auf jeden Fall ist Bildung ein entscheidender Faktor, außerdem korreliert eine gewisse Summe an Einkommen mit Sicherheit und Glück und somit weniger Ängsten.

Berliner Morgenpost: Geld lässt also Ängste schwinden?

Tim Hagemann: Bis zu einer gewissen Grenze. Daniel Kahnemann, der einzige Psychologe, der bisher den Nobelpreis bekommen hat - übrigens für Wirtschaftswissenschaften -, hat sich mit diesem Thema auseinandergesetzt. Es gab eine sehr große Studie, bei der 450 000 Fragebögen in den USA ausgewertet wurden, um zu sehen, ob Glücklichsein und Sicherheit vom Einkommen abhängen. Die Faktoren korrelieren positiv bis zu einem Jahreseinkommen von 75 000 Dollar, was nicht so viel ist. Danach gibt es keine Korrelation mehr zwischen Glücklichsein, Geld und Sicherheit.

Berliner Morgenpost: Was gibt mir also mehr Sicherheit: die Liebe meines Lebens zu finden oder Geld zu haben?

Tim Hagemann: Dazu hat man ein 100 000-Dollar-Jahreseinkommen mit einer glücklichen Ehe verglichen. Man kann das aber nicht aufrechnen. Viel Geld kann einen kurzfristig über eine unglückliche Partnerschaft hinwegtrösten. Längerfristig sind Menschen mit einer stabilen Partnerschaft glücklicher. Einsamkeit ist der gravierendste Indikator für negative Gefühle und Unsicherheit. Ohne soziale Einbettung wird niemand - auch nicht mit viel Geld - glücklich.

Berliner Morgenpost: Fühlen sich Menschen in der Stadt oder auf dem Land sicherer?

Tim Hagemann: Auf jeden Fall auf dem Land. Man ist dort viel mehr in das soziale Geschehen eingebettet. Würde ein Fremder auftauchen, würde man es sofort merken. Terroristische Ereignisse vermutet man in großen Städten, auf einem Weihnachtsmarkt in Berlin, aber nicht auf dem kleinen Weihnachtsmarkt auf dem Land.

Berliner Morgenpost: Aber Weihnachten ist dafür in Beziehungen eine besonders heikle Zeit, was Sicherheit angeht: Da passieren die meisten häuslichen Morde.

Tim Hagemann: Die meisten Morde passieren sowieso unter Menschen, die sich kennen oder die sich sehr, sehr nahe sind.

Berliner Morgenpost: Die Zahl der Ein-Personen-Haushalte nimmt zu, in unserer Gesellschaft wohnen kaum noch mehrere Generationen unter einem Dach. Wir haben uns doch zum größten Teil vom 'System Familie' verabschiedet. Und Sie sagen, dass genau diese Strukturen Sicherheit und Glück bedeuten?

Tim Hagemann: Ja, da haben Sie recht. Vor allem der Fakt, dass Paare zum größten Teil nur mehr ein Kind bekommen. Es läuft darauf hinaus, dass wir irgendwann keine Tanten und Onkel mehr haben werden. Wir gehen vor allem in den Großstädten dahin, dass uns die Selbstverwirklichung wichtiger ist als die Familie. Singles wiederum fangen sich mit einem starken sozialen Netzwerk aus Freunden auf. Aber wenn es sich um virtuelle Kontakte handelt, stehen diese Menschen dann in den wichtigsten Lebenssituationen nicht leibhaftig neben einem und vermitteln das Gefühl von Sicherheit.