Kinderwagenkino

Happy End am Wickeltisch

Das Kino Babylon in Mitte bietet Filmvorführungen für Eltern mit Babys. Da stört es keinen, wenn eines quäkt

Es ist eine Versammlung sehr zufriedener Babys. Es ist dunkel, und die Mamas sind da. Die Kleinen geben zufrieden knarzende Laute von sich, die schnittigen Kinderwagen sind am Gang geparkt - jeden Mittwoch am Vormittag ab 11 ist Babykino am Rosa-Luxemburg-Platz. "Von Windeln verweht", nennen die Mitarbeiter des Babylon das. Heute läuft ein sehr anspruchsvoller Historienfilm, irgendetwas mit Freiheit, die sich durchsetzt, und Russland kurz vor dem Ersten Weltkrieg und der Revolution. Die Babys sitzen auf dem Schoß der Mütter (ein vereinzelter Vater ist auch da, aber der ist meist am Wickeltisch - auf der Toilette gegenüber durchs Foyer). Lilly, ein halbes Jahr alt, findet das offensichtlich zu floskelhaft - die will raus. Natürlich springt ihre Kinderwagen-Chauffeurin sofort auf und ist dienstbereit.

"Ich werde dich nie verraten", sagt gerade ein Mann auf der Leinwand zu einer Frau. Die Babys finden das eher unspannend. Anton schaut sich die Nase seiner Mutter an und tippt mal auf die Spitze. Faszinierend. Die anderen gähnen.

Die Rassel zur Untermalung

Anton ist fast schon sieben Monate alt und liebt das Kino. Noch mehr liebt er seine Mama und ihre Nase. Er hat seine Rassel mitgebracht und untermalt die dramatischen Szenen damit. Ein Cineast wird er aber wohl eher nicht - die Leinwand interessiert ihn gar nicht. Seine Mutter Joséphine Vittel ist heute zum ersten Mal im Babykino. Der größte Vorteil: "Zuhause könnte ich nie einen Film sehen, ich wäre zu unruhig." Und Anton hat auch seine Ansprüche ans Dienstpersonal, früher hießen die mal Vater und Mutter. "Aber hier im Kino, da macht man einmal etwas für sich allein. Man trifft andere Mütter, aber nicht wie in der Krabbelgruppe, wo es nur ums Baby geht. Hier geht es um uns, und die Babys sind dabei."

Die haben auch ziemlich viel Spaß. Sie krabbeln unter den Kinositzen herum, und wenn sie gerade nicht weiterwissen, weil das Babylon auch gut putzt und sie noch nicht einmal altes Popcorn und versteinertes Weingummi auf dem Boden finden, so gar nichts, was man in den Mund stecken kann, brüllen die Süßen eben, damit die Mutter sie wieder abholt.

Auf der Leinwand feiern die russischen Adeligen vor der Revolution gerade so etwas wie eine Strandparty.

"Äährgh", machen die Babys, und Bäuerchen. Dann gehen sie wieder ihren eigenen Angelegenheiten nach; drei von ihnen müssen jetzt draußen neu gewickelt werden.

"Du bist blind, du weißt nicht, was den Menschen ausmacht", schreit jetzt eine Frau in langem Kleid auf der Leinwand. Es geht ja immer noch um Revolution und die höheren Fragen der Menschheit.

Julius kotzt.

Julius ist auch fünf Monate alt und segelt jetzt gerade ganz zufrieden auf dem Unterarm seiner Mutter. Nee, sagt die Mutter, so schlecht ist der Film jetzt auch nicht, während sie den Julius in saubere Klamotten steckt. Aber Überlänge, 130 Minuten, das ist doch immer schlecht mit Babys.

Joséphine Vittels Sohn rasselt. Anton ist völlig übermüdet, aber all die anderen Babys hier und der Film halten ihn wach - "sonst könnte man ja etwas verpassen, das geht nicht", sagt seine Mutter.

Jetzt reitet das Mädchen auf der Leinwand ("Das muss eine Hauptfigur sein", erzählt eine der Mütter, so genau hat das keine mitbekommen) durch den Wald - sie ist aus gutem Hause, hat aber einen Anarchisten bei sich versteckt, das ist bei den Müttern angekommen. Das Kinobild ist ein Mädchen auf Pferd, das weiße Kleid weht hinter ihr her, und im Hintergrund macht eine Frauenstimme mit viel Hall ein dramatisches "Hahaaa". "Haaaaaa", machen die Babys im Kinosaal fröhlich.

"Ja nun", sagt Joséphine: "Das war wohl jetzt die Schlüsselszene". Sie glaubt, dass man am besten romantische Liebeskomödien aus Hollywood mit dem Baby sehen könnte - "da macht es nix, wenn man die Hälfte nicht mitbekommt." Nur: "Die will man ja gar nicht sehen, dafür geht man nicht ins Kino". Corinna, 35, die Designerin im Kinosaal, ist mit Jasper (fünfeinhalb Monate) da. Sie fand es nicht so passend, dass eine der Hauptfiguren im Film auch noch Wissenschaftler ist - und zwischendurch beim Babykino eine ganze Reihe von Einmachgläsern mit konservierten toten Babys darin gezeigt wurde. Jasper fand das jetzt nicht bemerkenswert, er hat da einfach nicht hingeschaut und sich gewundert, dass er Händchen hat und sich die mal genauer angeguckt.

Jetzt gerade wirft im Film einer die Regale mit der ganzen wissenschaftlichen Sammlung um, die toten Babys in Einmachgläsern und alles. Anton ist beeindruckt - der kann viel mehr Lärm machen, so Dolby Surround, als Anton mit seiner Rassel. Er schaut hilfesuchend seine Mutter an. Die streichelt ihm über den Kopf - und Anton findet den Film, so insgesamt gesehen, auch wieder ganz okay. Alle anderen Hauptfiguren, die lärmen ja nicht so schön wie er.

"Die Welt verändert sich"

Es ist ein wirklich guter Film, finden die Babys, sie schreien auch nur manchmal zwischendurch. Zwischen 18 und 22 Mütter sind im Raum, einige Babys verlassen unter Protest den Saal, wenn im Kinofilm besonders banale Dinge schwermütig gesagt werden ("Die Welt verändert sich").

Der Film, wie auch immer er hieß und was auch immer passierte, der wurde übrigens als Rückblende erzählt. Zum Schluss gibt die alt gewordene weibliche Hauptfigur noch ein paar Gedichtverse zum Besten und etwas von Leben und Tod und so weiter.

Das können sich die Mütter und die Babys aber nicht mehr anhören. Sybille, 35, zum ersten Mal mit Hannah (fünf Monate) im Babylon, erklärt, warum: "Wir müssen jetzt alle zum Wickeltisch." Und die Babys sagen zufrieden: "Hääääh".

Kinderwagenkino im Babylon in Mitte, jeden Mittwoch 11 Uhr. Eintritt: 6,50 Euro. Programm unter www.babylonberlin.de