Geburtsklinik

Freundlicher Empfang für den Säugling

Die Klinik Maria Heimsuchung in Pankow wird von der WHO und Unicef als "Babyfreundliches Krankenhaus" ausgezeichnet

Foto: Massimo Rodari

Der kleine John Matti Kolme hat Hunger. Leise fängt er zu wimmern - mit großem Erfolg: Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit nimmt seine Mama Sylvia Bardo ihn vorsichtig aus seinem Bettchen und legt ihn an ihre Brust. Draußen vor dem Fenster singen Vögel, der Blick fällt auf die hellgrünen Blätter der Bäume. In dem kleinen Krankenhauszimmer, wie auf der ganzen Geburtenstation ist es ruhig - keine Hektik, kein Lärm. Der kleine John Matti Kolme trinkt - und schläft nach wenigen Minuten ein.

Die 36-jährige Erzieherin aus Prenzlauer Berg hat sich entschieden, ihren Sohn in der Maria Heimsuchung Caritas-Klinik Pankow zur Welt zu bringen. Hier legt man besonders viel Wert auf Stillen - es gibt keine Fläschchen, keine sogenannten Muttermilchersatzprodukte, nicht einmal Schnuller sind zu finden. Das ist eine der Anforderungen, die die Klinik erfüllen musste, bevor sie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und dem Kinderhilfswerk Unicef zum "Babyfreundlichen Krankenhaus" ernannt werden konnte. Jetzt ist es so weit: Am 4. Mai wurde die Auszeichnung verliehen, damit trägt das Caritas-Klinik als siebte Berliner Klinik diesen Titel. Er gilt einem Betreuungskonzept, dessen wichtigstes Ziel es ist, die Mutter-Kind-Bindung in den ersten Lebenstagen zu fördern. So wollen WHO und Unicef dazu beitragen, dass Kinder gesund größer werden die Gefahr von Vernachlässigung und Gewalt verringern.

Ärzte und Schwestern sind stolz auf die Auszeichnung, schließlich haben sie sich sehr bemüht, den Titel zu bekommen. Vor zwei Jahren erfuhren die beiden Kinderärztinnen der Geburtenstation auf einer Fortbildung von dem Zertifikat und brachten die Idee in ihrer Klinik ins Gespräch. Die Vorgaben sind streng. Drei Tage lang waren vor einem Monat eine Hebamme und eine Kinderkrankenschwester von der WHO im Haus, waren bei Geburten dabei, haben mit Patienten gesprochen und sich den Umgang mit den Kindern angesehen. Und auch auf Kleinigkeiten geachtet: Kein Plakat, kein Kalender, keine Werbung von Milchpulverherstellern durfte zu sehen sein.

Die Wöchnerinnen werden von den sechzehn auf der Station in drei Schichten arbeitenden Schwestern intensiv betreut und beraten. "Die Schwestern leisten eigentlich die meiste Arbeit", erklärt Kinderärztin Anja Guddat (48). "Wir haben Richtlinien, nach denen sie die Wöchnerinnen beraten." Ganz oben auf der Liste: Die Kinder werden nur mit der eigenen Muttermilch ernährt und bekommen keine Schnuller. Das soll verhindern, dass die Babys durch den Unterschied zur Brust irritiert sind.

Die Schwestern, Ärzte und Hebammen erklären ihren Patientinnen immer wieder, warum das Stillen so wichtig ist: Es schafft körperliche und emotionale Nähe und ist besonders gesund für die Säuglinge. Besonders in der Zeit unmittelbar nach der Geburt enthält die Milch wichtige Abwehrstoffe, die das Immunsystem des Kindes stärken. "Stillen vermindert die Gefahr, dass das Kind Allergien ausprägt", sagt Anja Guddat. Doch gerade die ersten Tage können sehr anstrengend sein. Die Milch kommt vielleicht noch unregelmäßig, das Stillen kann weh tun, die Brust schmerzt und drückt. Die Wöchnerinnen sind erschöpft, die Kinder häufig unruhig. Ärzte und Schwestern müssen stark motivieren, damit die Mütter nicht aufhören zu stillen und doch auf Fläschchen umsteigen. Bei Sylvia Bardo war das jedoch kein Problem. "Bei mir rennt man da offene Türen ein" sagt sie. "Ich bin überzeugt davon, dass ausschließliches Stillen das Beste ist für mein Kind." Natürlich ist niemand gezwungen, dem Schema zu folgen. "Wenn ein Säugling wider Erwarten stark abnimmt oder eine Mutter auf die Fläschchengabe nicht verzichten will, geht das natürlich", sagt Anja Guddat, die auch Stillberaterin ist.

Sylvia Bardo hat vor John Matti Kolme bereits zwei Kinder in der Pankower Klinik zur Welt gebracht und begrüßt die Veränderung durch die "Babyfreundlich"-Initiative. "Ich finde vor allem toll, dass man mir mein Kind nach der Geburt eine Zeit alleine überlassen hat - das war sehr schön", erzählt sie. "Wir waren erschöpft und konnten uns so erst einmal übereinander freuen."

Die Nähe direkt nach der Geburt gehört auch zum "Babyfreundlich"-Programm. Normalerweise werden die Babys zwar der Mutter gleich auf die Brust gelegt, nachdem sie geboren sind, aber für die ersten Untersuchungen schnell wieder weggenommen. "Wir sehen natürlich auch nach, wie viel das Kind wiegt, wie groß es ist und ob alles dran ist - die normalen Untersuchungen", sagt Anja Guddat. Aber es vergeht erst ein bisschen Zeit. "Zeit, die Mutter und Kind unbedingt brauchen", sagt Anja Guddat. Eine Stunde liegt das Kind nackt bei der Mutter auf der Brust. "In dieser Zeit können sich beide erst einmal kennenlernen und ausruhen und sich vor allem beruhigen."

Sylvia Bardo freut sich vor allem über das 24-Stunden-Rooming-in. Mutter und Kind werden nie getrennt, nicht einmal beim Wickeln und Wiegen. "Früher gab es hier ein Kinderzimmer, aus dem einem die Kinder gebracht wurden. Heute sind sie immer bei den Müttern - das ist sehr schön. Ich empfinde es nicht als anstrengender, ich kann mich trotzdem gut ausruhen." Auf der Station ist wenig Kindergeschrei zu hören. Auch die Väter dürfen mit in den Zimmern wohnen, wenn ein Zwei-Bett-Zimmer frei ist.

John Matti Kolmes Vater allerdings ist bei den beiden älteren Kindern zu Hause. Gemeinsam mit Jola (9) und Leon (14) kommt er täglich vorbei. Es gibt keine festen Besuchszeiten. Da ist das Krankenhaus nicht nur baby-, sondern auch ganz familienfreundlich.