Berliner helfen

Schule nach der Schule

Blickwinkel: Das Wort aus großen, gelben Buchstaben leuchtet auf blauem Grund. Es ist weithin sichtbar über einem Schaufenster an der Sonnenallee 64 in Neukölln. Auf der Schultafel im Schaufenster steht zu lesen: "Wer, wie, was, warum, wer nicht fragt, bleibt dumm."

Bildung und damit gute Chancen für eine Lehre oder ein Studium will der Verein den Mädchen und Jungen aus Neuköllner Migrantenfamilien bieten.

Dieses ehrgeizige Ziel haben sich zwei Menschen gestellt, die seit Jahren in Neukölln leben und die sozialen Probleme kennen: die Erziehungswissenschaftlerin Susanne Nadapdap und der Politikwissenschaftler Folke Burghoff. Sie kennen sich seit langem durch soziale Arbeit. "Wir wissen beide, dass in Neukölln etwas verbessert werden muss", sagt Susanne Nadapdap. "Dass die Kinder von Migranten nicht automatisch Hartz-IV-Empfänger werden sollten, nur weil ihre Eltern es sind." Vor drei Jahren gründeten sie deshalb den Blickwinkel e.V. Schnell fanden sich Gleichgesinnte, die ehrenamtlich helfen wollten. Viel Werbung macht Blickwinkel bis heute nicht, aber das Angebot hat sich in arabischen und asiatischen Familien herumgesprochen. Mehr als 60 Mädchen und Jungen kommen zum Nachhilfeunterricht oder zur Prüfungsvorbereitung, die meisten an drei Tagen in der Woche für jeweils zwei Stunden. Dafür zahlen die Eltern 30 Euro im Monat. Fünf Tage Hilfe pro Woche kosten monatlich 45 Euro. Die Mädchen und Jungen werden individuell gefördert.

"Momentan sind wir in der Lage, fast eine 1:1 Betreuung zu gewährleisten", sagt Folke Burghoff. Nur bei der Vorbereitung für den mittleren Schulabschluss geschieht das nicht. "Da nehmen wir die Zehntklässler zusammen." Die meisten Kinder kommen aus Familien, die ihre Wurzeln im Libanon, in Palästina, in der Türkei, in Sri Lanka, Ghana und Indien haben. Insgesamt sind 18 Nationalitäten vertreten. Die größten Wissenslücken der Schüler liegen in den Hauptfächern Mathe, Deutsch und Englisch. "Wir fangen immer mit den Hausaufgaben an, danach arbeiten wir an den individuellen Defiziten", sagt Folke Burghoff. Jedes Kind führt einen Schnellhefter. Den Erfolg ihrer Bemühungen können Susanne Nadapdap und Folke Burghoff von den leuchtenden Gesichtern ihrer Schützlinge ablesen. "Am schönsten ist es, wenn die Kinder ganz stolz erzählen, dass sie in der Schule wieder eine Prüfung geschafft oder eine Eins geschrieben haben", sagt Folke Burghoff. Wie sinnvoll die Arbeit ist, hat sich schon kurz nach der Gründung von Blickwinkel gezeigt. "Da kamen zwei Zehntklässlerinnen von einer Gesamtschule zu uns", erzählt der Politikwissenschaftler. "Iman und Souad hätten nie damit gerechnet hätten, dass sie es schaffen, die Punkte fürs Abitur zu bekommen." Blickwinkel half ihnen, auch bei der Präsentation, die Bestandteil der Prüfung war. Betreut wurden die arabischen Mädchen von Debbie, einer Medizinstudentin. "Sie hat ganz viel mit ihnen geübt, sogar am Wochenende." Dann hatten sie plötzlich die Punkte zusammen. "Jetzt machen sie das Abitur."

Fast 30 Betreuer arbeiten für den Verein, darunter ein Biologe, ein Restaurator, ein ehemaliger Schulrektor, eine Rettungssanitäterin. "Es ist eine kunterbunte Mischung", sagt Susanne Nadapdap. Die Ehrenamtlichen kommen aus Schöneberg, Kreuzberg und Neukölln, ein Abiturient sogar aus Brandenburg. Viel Geld hat der der Blickwinkel e.V. nicht. Er bekommt keine öffentliche Förderung und ist auf Spenden und Mitgliedsbeiträge angewiesen. Die Tische und Stühle haben Schulen zur Verfügung gestellt, ein Baumarkt ermöglichte die Renovierung der Räume. Auch Computer und Bildschirme sind gespendet. Die Musikanlage hat ein Anwaltsbüro vom Kottbusser Damm geschenkt. "Wir hatten viel Glück. Anders hätten wir das Projekt auch nicht stemmen können", sagt Susanne Nadapdap.

Doch der Verein ist mehr als nur die Schule nach der Schule. Die Betreuer unternehmen auch Feste und Fahrten mit den Kindern, so kostengünstig wie möglich. Das Herbstfest konnte auf einem Schulhof gefeiert werden. Zur Halloween-Party in den Vereinsräumen an der Sonnenallee hingen Lampions und Spinnweben aus Watte im Keller an der Decke. "Unten haben wir gespielt, oben war ein Buffet aufgebaut, jedes Kind hat etwas mitgebracht", erzählt Susanne Nadapdap. Auch ein kostenloser Besuch im Museum wird organisiert oder preisgünstiges Schlittschuhlaufen. Das geht nur, weil die Betreuer ihre Kontakte und persönlichen Netzwerke nutzen. Die jungen Neuköllner danken es ihnen. "Einige sind jetzt in der Berufsausbildung und kommen trotzdem noch regelmäßig her", erzählt Folke Burghoff. "Weil sie eine Frage haben und auch, weil sie sich im Verein zuhause fühlen." Manche schauen nach der Arbeit vorbei, um Hallo zu sagen und einen Tee zu trinken. "Das hat eine Superwirkung auf die Kleinen", sagt er. "Die sehen dann, dass da jemand ein Kopftuch trägt oder eine dunkle Hautfarbe hat und es trotzdem geschafft hat, den Lieblingsberuf zu ergreifen." In den Familien erzählen sich die Geschwister von der Hilfe bei Blickwinkel. Der junge Libanese Ali zum Beispiel hätte keinen Nachhilfeunterricht nötig. Er geht aufs Gymnasium und hat gute Leistungen. Dennoch kommt er regelmäßig in die Sonnenallee 64, weil seine beiden Brüder und seine Schwester dort lernen.

Oft sind es Mütter, die ihre Kinder am Nachmittag bei Blickwinkel abgeben und sofort wieder gehen. Auch diese Frauen will der Verein erreichen. Susanne Nadapdap weiß auch, wie das funktionieren kann. "Man muss nur mal den ersten Schritte tun und sich mit ihnen unterhalten", sagt sie. "Manche sind unsicher, weil sie nicht gut Deutsch sprechen." Aber wenn sie ermutigt werden, erzählen sie von Zuhause, von ihrer Familie. Deshalb hat Blickwinkel etwas Neues geplant: Im Laden an der Sonnenallee soll es bald ein regelmäßiges Müttercafé geben.

www.blickwinkel-berlin.de , Tel. 86 43 69 12.

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