Wenn Teenager Kinder kriegen

Die Sehnsucht nach Geborgenheit

Wenn Teenager ein Baby bekommen, ist das oft keine Verhütungspanne. Sie wünschen sich ein Baby, um aus ihrer Familie zu fliehen

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Die Frauen sitzen um einen gedeckten Frühstücktisch, plaudern zwischen Kaffee, Brötchen, Tomate-Mozarella und Tulpenstrauß über den Alltag mit Kind. Im Hintergrund döst der kleine Marlon unter einem Mobile. Dann betritt Hanni mit ihrem Paul* auf dem Arm das helle Altbauzimmer. Paul ist eine Woche alt und der jüngste in der Runde. Alle bewundern seinen fülligen blonden Schopf: "Ganz die Mama!" Was aussieht wie ein normaler Mütter-Brunch nennt Kerstin Heier "ein Stück nachgehender Sozialisierung." Die 49jährige Sozialpädagogin ist eine von vier Betreuerinnen am Tisch. Der steht im Mutter-Kind-Projekt von "Leben Lernen e.V." Und genau das tun die neun Mütter in der Runde: Leben lernen - mit Kind. Sie alle wurden schwanger und Mütter als sie selbst noch mehr oder minder Kinder waren. Manche mit 15 wie die stille Hanni. Andere, wie die quirlige Doris, waren ein, zwei Jahre älter. Im Projekt tasten sie sich vor in eine Lebensform, die die meisten der Teenager-Mütter selbst nie erlebten: funktionierende Familie. Dazu gehört den eigenen kleinen Haushalt und die Finanzen zu regeln. Gemeinsame Mahlzeiten in großer Runde und das Kochen für mehrere. Die jungen Frauen üben stabile Beziehungen aufzubauen, Streit auszuhalten und Verantwortung für ihr Kind zu übernehmen. "Ich wollte das alles besser machen als meine Mutter", sagt Zora auf die Frage, warum sie mit 17 ihr Wunschkind Edward auf die Welt bringt. "Und ich wollte geliebt werden - von meinem Partner und meinem Kind. Ich habe immer geben müssen, ich kenne das gar nicht, Liebe zu bekommen."

Fast alles Wunschkinder

Wenn Kinder Kinder kriegen, ist das oft kein Zufall. "Bis auf eines sind alle elf Kinder im Projekt Wunsch- und keine Zufallskinder", sagt Kerstin Heier. Die Theorie, Jugendliche könnten nicht zuverlässig verhüten, erklärt auch nach Erkenntnissen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung allenfalls 60 Prozent der frühen Schwangerschaften. Kerstin Heier erklärt die Wunschkinder: "Die jungen Frauen haben meist keine intakte Ursprungsfamilie. Das eigene Kind ist dann das Mittel herauszukommen und sich selbst zu retten." Nach einer Langzeitstudie an 2300 Teenager-Schwangeren hat auch "pro familia" ein niedriges Bildungsniveau und soziale Benachteiligungen in der Ursprungsfamilie als Hauptgründe für frühe Schwangerschaften und Geburten ausgemacht.

Doris ist 20 und lebt am längsten in der Wohngruppe. Tochter Luna bringt sie mit 16 zur Welt, Sohn Markus vor zwei Monaten. Die Oma ignoriert Enkelin Luna Jahre lang, bis Doris ihre Tochter einfach in Omas Schwimmkurs anmeldet. Beim Markus ist die Großmutter dann schon bei der Geburt dabei. Das zähe Ringen, mit einem eigenen Kind die Anerkennung der eigenen Mutter zu erzwingen, kann Jahre dauern. Erfolg ungewiss. Doris hat sich viel Gedanken gemacht im Projekt. "Vom Kind Liebe zu bekommen, ist als Wunsch der falsche Weg", bekennt sie. Und spekuliert, dass ihre Mutter die Omarolle nicht annahm, "weil ich mehr geben kann."

Ob sie mehr geben kann, wird sie noch beweisen müssen, wenn ihre Zeit im Mutter-Kind-Projekt abläuft. Das wird im Sommer der Fall sein, wenn Tochter Luna sechs wird. Dann endet das Aufenthaltsrecht bei "Leben Lernen", denn finanziert wird diese "professionelle Mütterlichkeit" über das Jugendamt. Das arbeitet mit dem "Kinder- und Jugendhilfegesetz" und sieht das betreute Wohnen nur bis zum sechsten Lebensjahr vor. Danach kümmern sich Sozialarbeiter um die Teenage-Moms in deren Wohnung.

Lars Groß betreut Laila (18) und deren einjährige Tochter in Marzahn: "Sie sucht wie wir alle das kleine Glück", sagt der Sozialarbeiter. "Nur die Reihenfolge ist anders. Heute bekommen die meisten um die dreißig Kinder, wenn Ausbildung, Studium, Partner und Job das sichere Nest abgeben. Diese Mädchen bekommen erst Nachwuchs und sollen dann das Nest drum herum bauen." Lailas Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Wohnnest liegt im 12. Stock. Schrankwand, Sofa, Glastisch, Einbauküche bezeugt den Nesting-Wunsch. Laila balanciert Kaffe und Kekse aus der Küche. Lars Groß schaut sie über den Brillenrand fragend an. Das Sicherheitsgitter klemmt nicht wie besprochen in der Küchentür, sondern vor dem Kinderzimmer. Mit 18 allein erziehend zu sein, ist knallhart. Weil das Kind die eigene Freiheit so stark beschneidet, ist die Gefahr groß, es einzugittern. Teenage-Moms sind so lange für ihre Altersgenossinnen cool, so lang sie schwanger sind. Mit der Geburt kommt die Einsamkeit. Die Väter springen meist nur sporadisch ein. Die Clique verbringt die Nächte im Club, die Mutter am Wickeltisch.

Eine frühe Schwangerschaft bringt mehr durcheinander als die Freizeitplanung. Auf den Schulhöfen sind sich die ebenfalls sexuell aktiven Mitschüler sicher: "Mit 16 ein Kind? Dann ist dein Leben vorbei." Drei von 1000 Teenagern machen jedes Jahr die Erfahrung, dass zwar das Leben nicht endet, wenn man als Fast-noch-Kind selbst eines zu bekommt, aber die eigene Kindheit. Mit dem Säugling auf dem Arm die Schule oder eine Ausbildung zu schaffen, ist schwer. Viele junge Mütter bleiben darin stecken, weil sie neben dem Alltag mit Kind den sozialen Einstieg nicht schaffen.

Ein Leben als Teenager

Alle Mutter-Kind-Wohngruppen arbeiten an einer Doppelaufgabe. Zunächst muss die Mutter-Kind-Beziehung laufen lernen. Bei "Leben Lernen" bedeutet das die obligatorische Teilnahme an Spiel- und Babygruppen und die Kontrolle der Haushaltsführung in den projekteigenen Kleinwohnungen. Um die Jungmütter und ihren Nachwuchs zu fördern, bietet das Projekt Kitaplätze im Haus an. "Die Kita ist das Herzstück", sagt Kerstin Heier. "Hier können wir die Entwicklung der Kinder verfolgen und auch die Mutter mit ihrem Kind im Spiel sehen." Gelungene Erziehung heißt dabei auch, der Mutter zumindest stundenweise Freiräume zu geben, die auch ein Leben als Teenager oder Lernende zulassen. Denn die Mütter müssen selbst wieder Fuß fassen. Die Ziele sind bescheiden. Doris sucht mit ihren beiden Kindern eine eigene Wohnung. Das wird Hartz IV bedeuten. Danach will sie einen Job suchen. Was genau, weiß sie nicht. Zora ist dem selbstständigen Leben einen Schritt näher. Sie hat ihren erweiterten Hauptschulabschluss an der VHS nachgeholt. Wenn es gut läuft wie bei Zora, hält der Vater zumindest den Kontakt zu seinem Kind. Unterhalt oder eine gemeinsame Zukunft gibt es meist nicht. Über Ehemaligentreffen beobachtet Kerstin Heier bei "Leben Lernen" die großen und kleinen Erfolge. Hier holt eine Frau ihren Realschulabschluss nach, eine andere schafft eine Ausbildung oder übers Oberstufenzentrum gar das Abitur. Andere leben stabile Partnerschaften. Eine Garantie fürs Lebensglück können Mutter-Kind-Wohngruppen nicht bieten: "Manche schaffen s, andere nicht", sagt die Sozialpädagogin.

*die Namen der Mütter und Kinder wurden von der Redaktion geändert