Hochzeit

Vor dem Traualtar sind alle Menschen gleich

Zwei Milliarden Menschen verfolgten am Freitag die Vermählung von William und Kate. Tomris und Ercan nicht - sie waren mit ihrer eigenen Hochzeit beschäftigt

Foto: Glanze

Die vergangenen Tage waren ziemlich stressig für die Braut: Allein die Entscheidungen, die sie noch treffen musste: Haare hoch oder doch lieber offen? Und die vielen Termine: Friseur, Maniküre, eine letzte Anprobe für das Kleid. Die Telefonate: Wann soll die Trauzeugin kommen? Wann die Blumenkinder? Kein Wunder, dass die Braut ein bisschen außer Atem ist. Und trotzdem ist da dieses ganz besondere Strahlen, die Fröhlichkeit, mit der sie die Menschen um sich herum einfach mitreißt in ihrer Vorfreude auf den 29. April. Das ist bei Tomris Misirlioglu nicht anders als bei Kate Middleton, mit der die 42 Jahre alte Berlinerin den Hochzeitstermin teilt. Während die ganze Welt heute zusehen wird, wie Kate ihrem William das Jawort gibt, wird Tomris in Berlin Ercan heiraten.

Genau wie Kate und William haben sich Tomris und Ercan an der Uni kennengelernt - an der Technischen Universität, an der Tomris Architektur studierte und Ercan Elektrotechnik. 1988 war das, seitdem sind die beiden ein Paar und da erscheint es doch fast ein bisschen ungerecht, dass Kate sich jahrelang als "Waity Katie" belächeln lassen musste, als Kate im Wartestand. Schließlich hat sich das royale Paar erst 2003 gefunden, 15 Jahre nach Tomris und Ercan. Andererseits musste Kate bis November 2010 auf den Antrag ihres Prinzen warten. Ercan dagegen hat Tomris seit Jahren immer wieder gefragt, ob sie ihn heiraten will: "Ich weiß gar nicht mehr, wann der erste Antrag war", sagt Tomris und versichert: "Ich hab' immer 'Ja' gesagt." Aber geheiratet wurde trotzdem nicht. Das Paar hatte einfach keine Zeit. Nach dem Studium starteten beide erst einmal im Job durch, und dann entschied sich Tomris, ihren Traum von einem Medizinstudium doch noch wahr zu machen: "Mein Vater ist Arzt, ich habe schon als Kind immer in der Praxis geholfen."

Diesmal hat sie "Ja" gesagt

Im vergangenen Jahr schloss sie das Studium ab. Und als Ercan sie wieder fragte, ob sie heiraten wollen, beschlossen die beiden: Diesmal wird es auch wirklich etwas. Seit einem Jahr sind sie verlobt, Anfang April gingen sie zum Standesamt, um tatsächlich einen Termin zu vereinbaren. Am 29. April hatten Brautpaar, Trauzeugen und der Standesbeamte Zeit - damit stand der Tag fest. "Wir haben in dem Moment gar nicht daran gedacht, dass es ja auch der Hochzeitstag des britischen Prinzen ist", sagt Tomris. Sondern nur daran, dass ihnen gerade einmal dreieinhalb Wochen bleiben, um eine Hochzeit zu planen. "Eine kleine, mit nicht so vielen Gästen", betont Tomris, nur 100 bis 120 Verwandte und Freunde. Verglichen mit den 1900 Gästen, die eine Einladung zur britischen Hochzeit bekommen haben, ist das ja nun wirklich eine sehr kleine Feier. Trotzdem hatte das Paar in den vergangenen Wochen viel zu tun, schließlich haben sie keinen Privatsekretär, der ihnen die Arbeit abnimmt. Jamie Lowther-Pinkerton hatte die Oberaufsicht bei allen Entscheidungen rund um die Hochzeit von William und Kate, das Brautpaar musste nur noch zustimmen. Aber viel Spielraum blieb da nicht immer - die Etikette muss schließlich ebenso beachtet werden wie royale Traditionen: Das Ring-Gold stammt aus einer walisischen Mine, in den Brautstrauß gehört ein Zweig Myrte. Und dann muss das Brautpaar auch noch aufpassen, weder national noch international für Irritationen zu sorgen - schließlich werden zwei Milliarden Menschen die Hochzeit beobachten.

Andererseits: So ganz ohne Diplomatie geht es auch bei einer ganz normalen Hochzeit nicht. Denn schließlich ist die Entscheidung, ob man lieber Großtante Frieda oder doch die Kindergartenfreundin einlädt, auch nicht unbedingt leichter als die zwischen den Obamas und alten Freunden. (Kate und William entschieden sich übrigens für die alten Freunde.)

Auch für Tomris und Ercan ging es nicht ohne Fingerspitzengefühl. "Wir haben uns für eine moderne Interpretation einer türkischen Hochzeit entschieden", so fasst Tomris das Konzept für den großen Tag zusammen. Braut und Bräutigam stammen aus türkischen Familien. Eigentlich bereitet die Elterngeneration die Hochzeit vor, Tomris und Ercan übernahmen die Planung lieber selbst. "Aber wir haben trotzdem viele traditionelle Elemente eingeplant", sagt Tomris, "zum Beispiel gibt es kleine Geschenke für die Gäste". Natürlich hat ihr Zukünftiger bei den Eltern um ihre Hand angehalten. Und Tomris hat neben ihrer Freundin, die selbst Modedesign studiert hat, auch ihre Mutter und ihre Schwestern mitgenommen, als sie ihr Kleid ausgesucht hat. Denn auf ihren Rat wollte sie keinesfalls verzichten. Entschieden hat sie sich am Ende für zwei Kleider, eines für das Standesamt und eines für die Feier am Abend im "Hotel de Rome". Damit liegt Tomris ganz im königlichen Trend: Auch Kate wird sich angeblich vor der Feier am Abend im Buckingham Palace umziehen.

Die erste gemeinsame Wohnung

Ganz anders als die Royals hat sich das Berliner Brautpaar in Sachen Geschenke entschieden: Während Kate und William um Geschenke für wohltätige Organisationen bitten, haben Tomris und Ercan einen Hochzeitstisch im KaDeWe. Schließlich muss auch der gemeinsame Haushalt noch ausgestattet werden: "Wir haben noch nie zusammen gewohnt", erzählt Tomris. Kate und William zogen schon als Studenten in eine gemeinsame WG, seit fast einem Jahr teilen sie sich ein Haus in Wales.

Heute um 13 Uhr werden Tomris und Ercan vor dem Standesbeamten im Palais am Festungsgraben Ja sagen - etwa zur selben Zeit wie Kate und William in Westminster Abbey. Aus Kate wird dann Prinzessin Catherine. Wenn Prinz William, wie sein Vater und seine Onkel, am Tag der Hochzeit einen Herzog-Titel bekommt, wird auch sie diesen Titel zusätzlich im Namen tragen. Tomris wird den Nachnamen ihres Mannes dem eigenen Nachnamen hinzufügen und den Doppelnamen Misirlioglu-Özer tragen.

Mit der künftigen Prinzessin tauschen möchte Tomris nicht: "Je mehr Leute ihre Meinung zu den Hochzeitsvorbereitungen sagen, desto stressiger wird es", ist sie überzeugt. Und erst das Gerede danach: "Alle werden über die Hochzeit diskutieren - da ist immer die Gefahr, dass der Tag zerredet wird."

Dass jede Minute der Hochzeit dokumentiert wird, ist Tomris dagegen wichtig. Und weil bei ihnen eben nicht Fotografen und Kameraleute aus aller Welt dabei sein werden, hat das Brautpaar selbst vorgesorgt: Eine Reportage über den ganzen Tag hinweg ist der Auftrag an den engagierten Fotografen. "Fotos sind superwichtig!", sagt Tomris. "Auch wenn wir irgendwann alt und schrumplig sind, haben wir immer noch die Bilder als Erinnerung."