Integrations-Schule

Eine Schule für alle

Von schwerstbehindert bis hochbegabt: In Schöneberg lernen Grundschüler von- und miteinander

Foto: Massimo Rodari

Sophie strengt sich an. Mit aller Kraft versucht das schwer behinderte Mädchen, etwas von der Spreu in die Hand zu nehmen, die Mitschüler ihr in einem kleinen Karton hinhalten. Die Neunjährige will unbedingt wissen, wie sich dieses Zeug anfühlt, auf dem sich ein Meerschweinchen wohlfühlen soll. Als sie endlich ein paar Krümel davon in der Hand hat, juchzt sie fröhlich. Die anderen Kinder haben inzwischen auf dem Fußboden des Klassenzimmers einen kleinen Stall aufgebaut. Mittendrin sitzt ein Meerschwein aus Plüsch. Sophie soll sehen können, wie so eine Anlage funktioniert.

Sachkunde steht auf dem Stundenplan der Klasse 3a der Fläming-Grundschule in Schöneberg. Die Kinder beschäftigen sich mit dem Thema Haustiere und lernen alles, was dazu gehört, von der Pflege über die Fütterung bis hin zur Unterbringung. Dabei müssen sie unterschiedlich schwere Aufgaben lösen. Während einige einen Zooladen besucht und den Verkäufer interviewt haben, legen andere ein Aquarium an. Der Bau des Meerschweinchenstalls für Sophie gilt als Spezialaufgabe.

Neben Sophie, die schwerstmehrfach behindert ist und im Rollstuhl oder auf dem Schoß von Betreuerin Marianne Zank-Weber am Unterricht teilnimmt, gehören noch drei andere Kinder mit sonderpädagogischem Betreuungsbedarf zur 3a. Sie haben Probleme mit dem Lernen oder der Sprache. Klassenlehrerin Susanne Lankow sagt, dass darüber hinaus weitere fünf ihrer 23 Schüler Schwierigkeiten mit dem Lernen sowie Verhaltensauffälligkeiten zeigen. "Diese Kinder haben zwar keinen Förderbedarf, brauchen aber eine intensive Betreuung." Die sei gewährleistet, da die 3a zu den Integrationsklassen der Fläming-Grundschule gehöre und deshalb gut mit Lehrern und Sonderpädagogen ausgestattet sei. "Von diesem besonderen Status profitieren alle Kinder der Klasse", sagt Susanne Lankow.

Das Konzept wird ausgeweitet

Die Fläming-Grundschule ist eine von etwa zehn Berliner Grundschulen, an denen bereits seit Jahrzehnten gemeinsamer Unterricht stattfindet. Schulleiterin Rita Schaffrinna ist stolz auf dieses Konzept. "Wir haben das ganze Leben an unserer Schule, von schwerstmehrfach behinderten bis zu hoch begabten Kindern", sagt sie. Etwa 14 Prozent ihrer 580 Schüler hätten einen Förderbedarf. "Wobei das vielen nicht gleich anzusehen ist."

Rita Schaffrinna ist überzeugt davon, dass die Schule der Zukunft so aussehen wird wie ihre Grundschule. Deshalb ist sie auch eine begeisterte Anhängerin der so genannten Inklusion, des gemeinsamen Lernens von behinderten und nichtbehinderten Kindern, das jetzt bundesweit umgesetzt werden soll. Hintergrund ist eine UN-Konvention, die Deutschland im vergangenen Jahr unterschrieben hat. Jetzt ist es an den Ländern, die nötigen Gesetze auszuarbeiten, damit behinderte Kinder keine Sonderschulen mehr besuchen müssen, sondern neben gesunden Kindern in Regelschulen sitzen können, wenn ihre Eltern das wollen.

In Berlin warten Eltern, Lehrer und Sonderschulpädagogen bereits seit Monaten auf ein entsprechendes Konzept. Das liege noch immer zur Mitunterzeichnung bei der Finanzverwaltung, heißt es im Büro von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Wie bereits bekannt wurde, plant der Senat offenbar, zunächst alle Schüler mit einer Lern- oder Sprachbehinderung sowie mit emotional-sozialen Schwierigkeiten in die Regelschule zu integrieren. Die Zahl der Förderzentren soll reduziert, die Sonderpädagogen sollen an den regulären Schulen angestellt werden. In einem zweiten Schritt könnten dann auch geistig und körperlich behinderte Kinder mehr und mehr an den normalen Schulen aufgenommen werden. Dieses Vorhaben stößt vor allem bei Schulleitern und Lehrern in Problemkiezen, in denen es ohnehin viele Schwierigkeiten gibt, auf Skepsis - aber auch bei vielen Sonderschulpädagogen und Eltern. Kostenneutral sei Inklusion nicht zu machen, warnen sie und fordern eine deutlich bessere Personalausstattung der Schulen.

Schulleiterin Rita Schaffrinna hebt vor allem die Vorteile des Konzepts hervor: "Unsere Schüler lernen von Anfang an, dass Kinder mit Behinderung ganz selbstverständlich dazu gehören, und profitieren sehr von dem gemeinsamen Lernen", sagt sie. Selbst Eltern, die zunächst befürchtet hätten, dass ihre Kinder in einer integrativen Gruppe zu kurz kommen könnten, seien längst anderer Meinung. "Nichtbehinderte Kinder lernen einfach viel vom Umgang mit den behinderten Mitschülern und erwerben Kompetenzen, die ihnen in ihrer gesamten Schullaufbahn nützen."

Wer sich in der großen Pause auf dem Schulhof der Fläming-Grundschule umsieht, merkt schnell, was die Schulleiterin meint: Kinder im Rollstuhl werden von ihren Klassenkameraden herumgefahren und zwischendurch umarmt und gedrückt. Und auch, dass eine Schülerin im Laufgestell über den Schulhof stürmt, ist hier ganz normal.

Verantwortung und Teamgeist

Die Vorsitzende der Gesamtelternvertretung der Fläming-Schule, Sanna von Zedlitz, hat bei ihrer Tochter Marie erlebt, wie der Umgang mit behinderten Klassenkameraden deren Teamgeist, Verantwortungsbewusstsein und soziales Denken geprägt hat. "Es ist eine Form der inneren Reife, die Marie nun am Gymnasium sehr zu Gute kommt", sagt Sanna von Zedlitz. Sophies Mutter Daniela Klein wiederum ist froh, dass ihre Tochter an der Fläming-Grundschule lernen kann. Zwar schreibe sie kein Diktat mit und könne auch die Arbeitsbögen nicht ausfüllen, dafür erwerbe sie aber lebenspraktisches Wissen, das ihr bei der Orientierung im Alltag helfe. Sophie gehe jeden Tag begeistert zur Schule, berichtet die Mutter. Und auch ihr eigener, größter Wunsch hat sich an der Fläming-Schule erfüllt: "Sophie", sagt sie, "soll so normal wie möglich aufwachsen."

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