Schlagzeugschule

Endlich auf die Pauke hauen

Total niedlich, einfach nur süß, dieser kleine Junge. Sitzt da zufrieden, zwei Jahre alt und seinen Schnuller im Mund, und schaut aus großen braunen Augen sanftmütig in die Welt. Und dann drischt er auf sein Schlagzeug ein, gnadenlos.

Natürlich ist sein Vater stolz und hat den Clip immer dabei, auf seinem iPhone. Der einzige, der nicht so begeistert von der Aufnahme ist, das ist Noah. Noah hat sich, seitdem sein Papa die Aufnahme machte, auch künstlerisch weiterentwickelt. Er ist jetzt vier Jahre alt. Er hat professionellen Schlagzeug-Unterricht, und Schnuller trägt er auch nicht mehr.

Ein Souterrain, zweiter Hinterhof in der Glogauer Straße. Die Türen sind tresordick, Lärmschutz für die Nachbarn. Hier hat Noahs Vater Mirko Schmitt, 42, seine Schlagzeug-Schule, "The Planet Drum". Er unterrichtet auch Kinder von gerade drei Jahren: "Es gibt keine andere Schule, wo die Schlagzeuger so früh anfangen." Es gibt allerdings einige Bedingungen: Nur, dass der Vater selber einmal gerne Schlagzeuger geworden wäre, und das Kind so cool aussieht, das reicht nicht. Mirko: "Es gibt gerade unter den Eltern einen Trend zum Schlagzeug-Unterricht, so wie früher zu Klavier oder Violine. Aber das Wichtigste ist, das Kind muss drummen wollen. Sonst bringt es nichts, das merken wir spätestens nach drei Monaten."

Ein Schlagzeug mit zwei Jahren

Mirko war drei Jahre alt, als sein Vater ihm aus Italien sein erstes Kinderschlagzeug mitbrachte. Der Vater war Steinmetz, arbeitete mit soliden Dingen wie Marmor und Granit und führte das Familienunternehmen. Später studierte Mirko in Los Angeles bei Ralf Humphrey, dem Schlagzeuger von Frank Zappa und Al Jarreau. Und er schenkte seinem Sohn ein Kinderschlagzeug, als Noah zwei Jahre alt war.

Marian ist da zum Unterricht. "Ey, Marian", sagt Noah. "Ey, Noah", sagt Marian. Marian redet sowieso nicht so viel. Er trommelt. Er grüßt "Hallo" und verabschiedet sich mit "Tschüss", erzählt seine Lehrerin Anni Müller, 27. Und während des Unterrichtes antwortet er nur mit "Ja" oder "Nein". Marian will aber dieses unnütze Geschwätz endlich auch noch abstellen. Er hat mit Anni ausgemacht: Ein Schlag auf die Drums heißt "Ja". Zwei Schläge heißen "nein". Kompliziertere Fragen ("na, wie geht's?") erübrigen sich damit auch. Marian ist gerade fünf Jahre alt geworden.

Dam-Dam-Dam-Dam gibt er jetzt vier gemessene Schläge vor, Noah steigt genau zeitgleich ein. Dann variiert er zu Marians Takt, umspielt dessen ständige Schläge mit kleinen Wirbeln. Fällt wieder zurück ins Marians Dam-Dam, und jetzt darf Marian spielen und improvisieren. Zum Schluss der Vorstellung springt Noah auf und hält die Drumsticks in die Höhe, das macht sein Vater auch im Unterricht, weil die Kinder daran Spaß haben. Marians Eltern und Anni applaudieren und johlen. Marian sitzt gelassen am Schlagzeug, er trägt ein schwarzes T-Shirt, Aufdruck "The Beatles", und er hält die Sticks vor sich auf der kleinen Trommel gekreuzt. Das hat Ringo Starr auch so gemacht.

Seine Eltern sind ausgebildete Opernsänger, stammen aus Japan. Yumiko Sato, 44, Sopranistin, Vater Seiya Kitano, 43, Tenor. Sie lieben Mozart und haben ihren Sohn deswegen Peter Paul Marian Theophiels getauft, schon als Baby hat er bei ihren klassischen Konzerten zugehört. Yumiko gibt ihm auch Klavierunterricht. Aber sein Vater ist außerdem ein großer Beatles-Fan. Und so hat Marian, statt viel zu reden, inzwischen fast alle Beatles-Songs nachgetrommelt. Zuhause stellt er sich fünf IKEA-Hocker zum Schlagzeug zusammen und übt. Jetzt, zum Ende seines Unterrichts, ist er ein wenig ausgelaugt. Er ist ja doch immer noch erst fünf Jahre alt - und so eine coole Kopfbewegung, Kinn vor, ganz versunken im Takt und ganz fließend, wie Marian, die hat ein Ringo Starr erst spät hinbekommen, als er die meisten Haare schon verloren hatte. Zum Schluss des Unterrichts lässt Anni Marian "I'm so tired" von den Beatles trommeln, ganz sachte.

Mirko war auf Tour, mit "The Prodigy", "Imagination". Als seine Frau Sokate gerade mit Noah schwanger war, hat sie ihn auf einer Schweiz-Tournee mit einer russischen Band begleitet, den "Bolshoj Bandits". Trotzdem überlegen die Eltern manchmal, ob es damals schon zu spät war für alle anderen Instrumente. Ihr Sohn mag aber am liebsten: "Michael Jackson. Und die Jackson Five." Wanja, 8, der jetzt zum Unterricht kommt, trommelt am liebsten zu einem Lied, das so ähnlich heißt, sagt er, wie: "Snake in de wotha". (Seine Mutter gibt, lachend, den Hinweis: "Von Deep Purple"). Aber trommeln kann er das. Er kommt seit vergangenem August zum Unterricht. Anfangs war das Schlagzeug für ihn, wissenschaftlich ausgedrückt, durchaus auch eine Möglichkeit zum gesellschaftlich akzeptablen Wutabbau, das hat er gründlich analysiert: "Wenn die anderen in der Schule daneben waren. Oder mal wieder das Taschengeld ausfiel. Was früher ja durchaus häufiger vorkam", erklärt er mit einem vorwurfsvollen Seitenblick zu seiner Mutter. Und warum? Wanja sagt: "Ich muss jetzt zum Unterricht." (Hinweis von Mutter Antje Kirmes: Wanja bekommt einen Euro Taschengeld pro Woche; wenn er von den Erwachsenen besonders unverschämt Bedienung forderte, wurde das Geld einbehalten. Die Zahlung ist, nach Wanjas Einsicht und Entschuldigung, in jedem Fall nachträglich erfolgt. Und: "Ich hätte nie gedacht, dass Wanja sich daran noch erinnert...") Jetzt will er einfach nur trommeln, dieses Intro, das er im Kopf hat, "und den Refrain, den kann ich auch."

Lieber Drummer als Bundeskanzler

Die Kinder sollen auch auftreten, Sie proben mit Band, und am Ostersamstag trommelten sie zum Beispiel am Potsdamer Platz für einen Kinderfilm, der "HOP - Osterhase oder Superstar" heißt, im Cinemaxx. Der Hauptdarsteller-Hase möchte am liebsten Drummer sein, nicht mehr Osterhase. Keine Frage, finden alle. Das wäre auch ihre Wahl gewesen. Sie wären auch lieber Drummer als Bundeskanzler, Raumfahrer, Sänger.

Jetzt sollen die Drei zusammen drummen. Aber Noah ist sauer, er muss, als Einziger, Schlagstöcke für Kinder nehmen: "KINDER-Drumsticks? Ich klapp' zusammen!" Wanja will den kleinen, kindergerechten Hörschutz nicht. Die Schlagzeug-Schule kauft sie bei einer schwedischen Firma, sie dämpfen den Lärm auf 18 Dezibel. Trägt aber keiner von den Großen, und Wanja deshalb jetzt gerade auch nicht.

Marian hat gar nichts gesagt, er hat sanft getrommelt, immer den gleichen Rhythmus, zwei kurz, eins lang. Wanja fällt ein, Noah fällt ein. Jetzt können die Eltern nichts mehr sagen. Oder alles, was sie wollen - es hört ja keiner mehr.