Was Jugendliche über Schönheit denken

Nicht ohne meinen Kajal

Ungeschminkt würde Marianne nie das Haus verlassen. Selbst wenn sie morgens verschlafen hat, geht sie nicht ohne einen prüfenden Blick in den Spiegel und ein wenig Korrektur zur Schule. "Da würde ich lieber ein paar Minuten zu spät kommen", gesteht die 15-Jährige aus Kreuzberg, oder sie würde sich notfalls in der U-Bahn schminken, wenn sie einen wichtigen Termin hätte.

Dabei schminkt sich Marianne dezent, Kajal und ein bisschen Wimperntusche reichen ihr meist. "Ich mag eher den natürlichen Typ", sagt sie, grell geschminkte Lippen, übertriebener Lidschatten, das gefalle ihr nicht. Seit zwei Jahren schminkt sich Marianne. Damals hatte sie sich immer den Kajalstift ihrer Mutter geschnappt, bis die der Tochter irgendwann einen eigenen kaufte. Auch Mariannes Freundin Sara braucht nur wenig Schminke. "Kajal und fertig" heißt bei ihr morgens die Devise, für mehr hat sie auch kaum Zeit, immerhin hat sie zwei Schwestern, die auch ins Bad wollen.

Schönheit hängt für Marianne und Sara ohnehin nicht von der Schminke ab. "Schön ist jemand, wenn er eine gute Ausstrahlung hat", sagt Sara, und Marianne ergänzt: "Eine gute Ausstrahlung hängt viel mit Natürlichkeit zusammen." Schönheitsmerkmale gibt es aber trotzdem für die beiden 15-Jährigen: Große Augen, schöne Haare, volle Lippen sind es für Marianne, Sara schaut vor allem auf die Augen und die Figur. Danach müssten die beiden Teenager eigentlich zufrieden mit ihrem Äußeren sein - und doch gehen sie mit sich besonders kritisch um: "Ich hätte gern größere Augen", sagt Marianne, "und ein bisschen größer wäre ich auch gern".

So wie Marianne geht es vielen Jugendlichen, sie wünschen sich ein besseres Aussehen, meist nicht komplett anders, aber ein bisschen: ein paar Kilo weniger, gelockte statt glatte Haare oder umgekehrt, weniger Pickel. Auch in vielen Umfragen kommt dieser Wunsch nach einem besseren äußeren Erscheinungsbild zum Ausdruck. In einer Umfrage für "Eltern family" äußerten 38 Prozent der Mädchen, dass sie gern besser aussehen würden, bei den Jungen waren es 24 Prozent.

Diäten gehören dazu

Diesen Eindruck hat auch Jung-Autorin Katharina Weiß. Vor einem Jahr hatte sie mit ihrem ersten Buch "Generation Geil" einen Bestseller gelandet, nun hat die 16-Jährige nachgelegt und präsentiert in ihrem neuen Buch "Schön!?" 25 Porträts von Jugendlichen - ihren Vorstellungen, Zwängen und Leidenschaften rund um das Thema Schönheit. "Mädchen haben mehr Komplexe", ist Katharina Weiß überzeugt. Auch wenn sie meist keinen Grund dafür hätten. "Ein Junge kann einem Mädchen im Streit noch so viele Schimpfwörter an den Kopf werfen, wenn er zu ihr sagt: Du dicke Tussi - dann ist es das Schlimmste, dann bleibt nur hängen: Ich bin zu dick".

Katharina Weiß kennt kein Mädchen, das nicht schon mal eine Diät gemacht habe. Das sei auch letztlich eine Folge des Leistungsdrucks: So wie man gute Noten schreiben müsse, so müsse man auch diszipliniert mit seinem Körper umgehen. Und eine Diät müsse man auch schon deshalb mal gemacht haben, um mitreden zu können. Diät - das sei fast schon so etwas wie ein Accessoire. Auch Sara hat schon mal eine Diät probiert. "Bis zur achten Klasse konnte ich alles essen, ich nahm nicht zu. Aber dann klappte das nicht mehr, ich bekam Komplexe und nahm kein Essen mehr mit in die Schule." Mittags hatte sie allerdings so einen großen Hunger, dass sie dann viel zu viel gegessen hatte, erinnert sie sich. Mit Sport hat sie letztlich ihr Gewicht wieder so in den Griff bekommen, dass sie sich heute wohlfühlt. Und ein wenig war es wohl auch ihre Einstellung, an der sie gearbeitet hat: "Ein Kilo zuviel ist kein Weltuntergang".

So eine selbstbewusste Haltung ihrem Körper gegenüber haben nicht alle Mädchen in Saras Alter. 17 Prozent der 14- bis 17-Jährigen würden der Emnid-Umfrage zufolge eine Schönheitsoperation an sich vornehmen lassen, wenn sie es könnten. Und bereits jedes dritte Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren leidet laut einer Erhebung des Robert-Koch-Instituts unter Symptomen einer Essstörung. Das führt zwar nur in wenigen Fällen zu einer richtigen Magersucht, doch bei den Eltern schrillen die Alarmglocken, wenn die aus ihrer Sicht schlanke Tochter abnehmen will. "Bei Diäten reagieren die meisten Eltern allergisch", hat Katharina Weiß beobachtet, "da haben sie gleich Angst, dass ihr Kind magersüchtig wird". Aus ihrer Sicht gibt es dazu meist keinen Grund: "Das Schönheitsideal ist schlank, aber nicht dürr. Man will gesund aussehen."

Während es um das Gewicht häufiger zum Streit zwischen Eltern und Jugendlichen kommt, sind Eltern in Stilfragen entspannter. "Ich darf eigentlich alles anziehen, was ich will", sagt Marianne. Sie glaubt nicht einmal, dass sie Ärger bekommen würde, wenn sie ihr naturgewelltes braunes Haar grün färben würde. Wahrscheinlich wissen die Eltern aber auch, dass ihre Tochter wohl nie auf diese Idee kommen würde. Mariannes Kleidungsstil ist eher dezent: Jeans, T-Shirt oder Hemd, darin fühlt sie sich am wohlsten. "Wenn ich Klamotten kaufe, schaue ich, ob sie mir stehen und ob ich mich da drin wohlfühle. Was gerade Mode ist, ist mir nicht so wichtig." Auch Fernsehformate wie "Germany's Next Topmodel" dienen ihr nicht als Vorbild. Die Sendung schauen sich Marianne und Sara zwar gern an, aber nur zur Unterhaltung, betonen sie.

Als Moderatgeber dienen meist Freunde, bei Sara auch die ein Jahr jüngere Schwester, mit der sie gern gemeinsam shoppen geht. Eltern werden eher nicht zu Rate gezogen, weiß auch Katharina Weiß: "Die haben ja einen ganz anderen Blick: Ich will vielleicht wissen, ob ich heiß aussehe in einem bestimmten Teil, und die Eltern schauen, ob ich süß aussehe".

Die Autorin hat für ihr Buch auch viele Jugendliche getroffen, die in ausgefallen Klamotten und Rollen schlüpfen. Um ein Paradiesvogel zu sein, brauche man aber viel Mut, sagt sie: Mit jedem Stil gebe man ja auch ein Stück Charakter von sich preis. Das sei eine Gratwanderung: "Man will zu einer Szene-Gruppe gehören und uniformiert sich daher ein Stück weit, gleichzeitig will man aber ganz individuell sein."

"Second-Hand ist cool"

Dabei würde die Zugehörigkeit zu einer Gruppe in ihrer Altersgruppe weniger von bestimmten Kleidungsmarken geprägt, hat die Elftklässlerin beobachtet: "Es ist cool, no-name zu tragen und in Second-Hand-Läden und auf Flohmärkten zu shoppen oder sogar selbst zu nähen." Bei Jüngeren sei das allerdings anders und sie verweist auf das "Achtklässler-Syndrom": Vor allem bei 13-jährigen Jungen sei der Hang zu Skater-Klamotten verbreitet, "die dann mit einem bewusst männlichen Gang zur Schau gestellt werden".

Dieser Einheitslook, das Verstecken hinter Markenklamotten hängt stark mit dem Selbstbewusstsein zusammen und das wiederum mit dem Alter, wie auch aus der Emnid-Umfrage hervorgeht: Von den 14-jährigen Jungen fanden demnach nur etwa ein Drittel ihren Körper schön, bei den 17-Jährigen war es jeder zweite. Bei den Mädchen zeigt sich auf etwas niedrigerem Level eine ähnliche Entwicklung.

Der Konkurrenzdruck in Sachen Aussehen und Auftreten lässt bei Jugendlichen offenbar mit der Zeit wieder nach. Ganz so weit ist Marianne noch nicht. Sie gibt zu: "Wenn ich ein anderes Mädchen sehr schön finde, bin ich schon ein bisschen neidisch und fühle mich kleiner, unbedeutender." Aber dann sagt sie sich: Die ist bestimmt auch nicht glücklicher als du. Manchmal funktioniert das und manchmal empfindet sie diesen Gedanken nur als Ausrede - je nachdem wie kritisch sie gerade ihr Spiegelbild sieht. Und manchmal hilft einfach der Griff zum Kajalstift.

Katharina Weiß: "Schön!? Jugendliche erzählen von Körpern, Idealen und Problemzonen", Schwarzkopf & Schwarzkopf, Euro 9,95