Osterbotschaft

Wieso hat Gott Jesus nicht geholfen?

Die Osterbotschaft ist für Kinder schwer zu verstehen. Ein Religionspädagoge erklärt, wie Eltern sie vermitteln können

Foto: Glanze

Ostern verbinden die Kinder vor allem mit dem Ritual der Ostereiersuche. An Jesu Kreuzigung und Auferstehung denken sie dabei weniger. Die Geschichte ist allerdings auch nicht leicht nachzuvollziehen. Ein Unschuldiger, der sich ans Kreuz nageln lässt, ein Toter, der aufersteht. Der katholische Religionspädagoge Albert Biesinger befasst sich mit der religiösen Erziehung in der Familie und hat sich intensiv mit den Fragen der Kinder zu Gott und zum Osterfest auseinandergesetzt.

Berliner Morgenpost: Ostereier und Osterbotschaft - wie passt das zusammen?

Albert Biesinger: Ich bin ein Fan von Ostereiern. Im Ei steckt das neue Leben. Und Ostern heißt ja neues Leben. Auch wenn das Leben abgebrochen ist, entsteht neues Leben. Insofern haben Ostereier durchaus viel mit Ostern zu tun. Ostern kommt von Osten - aus dem Osten kommt jeden Tag neues Licht. Und auch die Hasen stehen für neues sprießendes Leben. Nach einem harten Winter kamen die Hasen aus dem Wald wieder zurück zu den Menschen.

Berliner Morgenpost: Weihnachten ist ein schönes Fest und Kinder können die Geburt Jesu leicht nachvollziehen. Die Osterbotschaft ist da viel schwieriger. Wie kann man sie Kindern vermitteln?

Albert Biesinger: Kinder sind mit dem Thema Tod beschäftigt, wenn der Opa stirbt, wenn sie Bilder hungernder Kinder sehen, wenn sie in den Nachrichtensendungen von den Opfern des Tsunamis hören. Der Tod gehört zur Lebenswelt der Kinder, und Ostern hängt genau damit zusammen. Es geht um das Leben über den körperlichen Tod hinaus. Im Christentum steckt die große Vision, dass Jesus in die Welt gekommen ist, dass er gestorben ist und dass er aus dem Tod verwandelt wurde. Und das ist der Schlüssel für Kinder: So wie Jesus nicht im Tod geblieben ist, sondern verwandelt wurde in die göttliche Welt, so werden auch wir, wenn wir sterben, verwandelt. Ich bin mehr als mein Körper, ich verlasse meinen Körper und nehme mein ganzes Leben, alles, was ich erlebt habe, mit in die andere Welt, in die Welt Gottes. Das ist die Auferweckung. Ich komme zu Gott, aber ohne meinen Körper. Ostern ist das Fest, dass wir Menschen weiterleben, auch wenn wir gestorben sind. In diese Richtung kann man Kindern Ostern erklären.

Berliner Morgenpost: Macht diese Vorstellung, seinen Körper zu verlassen, Kindern nicht Angst?

Albert Biesinger: Es macht ihnen insofern keine Angst, weil die Alternative heißt: Du kommst ins Grab und da ist es ganz dunkel, da ist nichts mehr. Es beruhigt Kinder eher, wenn sie wissen, dass nicht der Mensch, sondern nur sein toter Körper beerdigt wird. Als Diakon gehe ich bei Beerdigungen manchmal mit den Kindern allein ans offene Grab und sage ihnen: Der tote Körper von Eurem Opa ist jetzt hier im Grab, aber der Opa ist da nicht mehr da drin, er ist bei Gott. Und Gott kann man ja nicht sehen und darum kann man den Opa, wie er jetzt ist, auch nicht sehen. Diese Vorstellung führt Kinder oft ein Stück aus der Verzweiflung heraus.

Berliner Morgenpost: Die Geschichte der Kreuzigung ist dennoch schwierig nachzuvollziehen. Was bereitet Kindern vor allem Probleme?

Albert Biesinger: Vor allem fragen sich die Kinder, wieso Gott Jesus nicht geholfen hat: Warum hat er es zugelassen, dass böse Menschen Jesus ermordet haben? Und wenn Kinder Gebete hören wie "Ich danke Dir Herr Jesus Christ, dass Du für mich gestorben bist" fragen sie: "Wieso ist er für mich gestorben? Das hätte er doch nicht müssen." Kinder können nicht verstehen, dass Jesus am Kreuz stirbt für die Sünden der Menschen. Aber das muss man an Kinder noch nicht herantragen. Man sollte Kinder nicht überfordern. Ich würde zweijährigen Kindern nicht die Geschichte der Kreuzigung aus der Bibel vorlesen.

Berliner Morgenpost: Aber was verstehen kleine Kinder dann überhaupt von Ostern?

Albert Biesinger: Das Symbol Kreuz begegnet den Kindern sehr früh. Sie wollen wissen, was es mit dem Mann am Kreuz auf sich hat. Und Kinder verstehen sehr wohl, dass böse Menschen Jesus umbringen wollten und ihn deshalb ans Kreuz geschlagen haben. Das reicht vielen Kindern erst einmal. Später kommen dann weitere Fragen: Wieso haben sie das mit dem Jesus gemacht? Dann können Eltern antworten: Die wollten ihn umbringen, weil sie Angst hatten, dass Jesus alles durcheinanderbringt, und sie wollten nicht auf seine Botschaft hören. Aber Ostern sagt uns: Gott hat Jesus aus dem Tod gerettet.

Berliner Morgenpost: Und wie geht man mit den Zweifeln der Kinder um?

Albert Biesinger: Auch die sollte man thematisieren. Zweifel sind wichtig, gerade über sie können Kinder weiterkommen in ihrer Glaubensentwicklung. Ich war zehn Jahre, als meine Oma gestorben ist. Sie wurde eine Nacht im Wohnzimmer aufgebahrt. Am Abend habe ich sie im Sarg gesehen und habe ganz lange zu Gott gebetet: "Lieber Gott, ich weiß zwar, dass das eigentlich nicht geht, aber bei meiner Oma könntest Du doch mal eine Ausnahme machen, damit sie wieder aus dem Sarg hüpft." Am Morgen bin ich aufgewacht und die Oma lag immer noch im Sarg. Das hat mich in die erste große Gotteskrise geführt. Wenn die Oma tot ist, hilft Beten gar nichts. Aber ich habe gerade durch den Schock in diesen Tagen auch gelernt, mir die Auferweckung anders vorzustellen. Die Oma ist im Himmel, aber ihr Körper bleibt im Sarg.

Berliner Morgenpost: Und was machen Eltern mit ihren eigenen Zweifeln?

Albert Biesinger: Ich bin hier für große Offenheit. Ich rate Eltern, ihren Kindern das zu vermitteln, was sie wirklich glauben. Wenn sie keine Antwort auf eine Frage haben, können sie ihren Kindern ruhig auch sagen, dass sie darüber selbst erst noch mal nachdenken müssen. Wichtig ist, im Dialog zu bleiben. Und letztlich müssen Kinder ihren eigenen Glaubensweg finden.

Berliner Morgenpost: Wir wollen, dass unsere Kinder starke Persönlichkeiten sind, dass sie sich wehren, wenn jemand ihnen Unrecht tut. Wie passt das dazu, dass Jesus die Kreuzigung erduldet hat?

Albert Biesinger: Für die Kinder ist es eine ungeheure Situation, dass ein lieber Mensch wie Jesus umgebracht wird. Aber sie wissen bereits, dass auch heute, zum Beispiel in Kriegszonen, unschuldige Menschen umgebracht werden. In diesem Zusammenhang kann es Kinder aufrütteln, gegen das Böse, die Bosheit zu kämpfen.

Berliner Morgenpost: Der Begriff Opfer hat auch einen negativen Beigeschmack, bei Jugendlichen ist er ein Schimpfwort. Wie vermittele ich, dass Jesus' Verhalten stark ist?

Albert Biesinger: Ganz kleine Kinder können und müssen das noch nicht nachvollziehen. Aber Fünf-, Sechsjährigen kann man schon vermitteln, dass Jesus uns zeigen wollte, dass wir auch sterben müssen, aber dass Gott uns aufweckt und dass am Ende des Tunnels ein großes Licht ist und wir bei Gott im Himmel sind, auch wenn wir nicht mehr in unserem Körper sind. Jesus hat das alles durchgemacht für uns, darum war er ein starker Jesus.

Berliner Morgenpost: Ist es nur Aufgabe der Eltern, Kindern den Sinn von Ostern und andere religiösen Festen zu vermitteln?

Albert Biesinger: Das müsste auch in den Kitas stattfinden, zumindest auf der religionskundlichen Ebene: Was bedeutet das Kreuz, was feiern wir an Weihnachten, was an Ostern? Das Mindeste, was auch eine kommunale Kita machen müsste, ist, dass sie religionssensibel die Feste und die religiöse Praxis integriert, die es in unserer Gesellschaft gibt. Das heißt aber auch, dass Feste wie Ramadan und Pessach thematisiert werden. Kinder sollen erfahren: Warum feiern die einen so und die anderen so? Nur so gelangen sie zur religiösen Verständigung. Auch die Gottesdienste müssten sich mehr auf Kinder und junge Familien ausrichten. In Berlin gibt es da aber schon sehr engagierte Gemeinden.

Berliner Morgenpost: Kinder vollziehen vieles besser über Rituale als über Worte nach. Welche Rituale eignen sich hier an Ostern?

Albert Biesinger: Zum einen können Eltern mit Kindern am Karfreitag zu einem Kinderkreuzweg gehen - aber nur wenn er wirklich speziell auf Kinder ausgerichtet ist. Zum anderen empfehle ich, Kinder schon früh in die Osterliturgie mitzunehmen: Die Osterkerze wird in die dunkle Kirche hineingetragen, und die Kinder dürfen sich von der Osterkerze ihr eigenes Osterlicht holen. Am Ende ist die ganze Kirche voller Lichter. Das Licht Gottes löst die Dunkelheit des Todes auf - das ist das Intensivste, was Kinder erleben können. Auch die Ostereiersuche ist ein schönes Ritual: Kinder können doch mit Begeisterung Ostereier suchen und zuvor mit Begeisterung zur Feier der Osternacht in die Kirche gehen. Das ist schließlich kein Widerspruch.

Religionspädagoge Albert Biesinger ist Professor für Religionspädagogik an der Universität Tübingen. Der 62-Jährige, der selbst vier Kinder und fünf Enkelkinder hat, gründete vor zehn Jahren die "Stiftung Gottesbeziehung in Familien" ( www.stigofam.de ). Er hat zahlreiche Bücher zum Thema religiöse Erziehung geschrieben, zum Beispiel "Verbinde dich mit dem Himmel" (14,95 Euro), "Gibt's Gott?" (15,95 Euro) sowie den Bestseller "Kinder nicht um Gott betrügen" (9,90 Euro).

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