Ernährung

Naschen ohne Grenzen

Osterhasen, wohin man sieht. Feinherb, zartbitter oder zuckersüß. Im Supermarkt konnte man den Viechern in den vergangenen Tagen gar nicht entkommen. Sie thronten dort, wo jeder lang muss: direkt vor der Kasse. Es gibt Mütter, die sich dabei ertappen, dass sie ihren Schritt beschleunigen, wenn sie die Paletten mit den Süßigkeiten passieren.

Eine davon ist Sandra Labitzke. Es könnte passieren, dass sie sonst in Erklärungsnot geriete. Ihre Töchter Cara, 10, und Leana, 7, lieben Schokolade. Doch genascht wird bei ihnen nur an den Wochenenden - oder an Ostern oder Weihnachten.

Sandra Labitzke legt Wert auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Und Süßigkeiten, findet die Erzieherin, gehörten nicht zwangsläufig dazu. Zu Hause gibt es Müsli mit Milch gegen den kleinen Hunger zwischendurch, einen Apfel oder auch mal ein Wurstbrot. Damit die Kinder gar nicht erst in Versuchung geraten, bleibt das Fach für Kekse und Schokolade unter der Woche leer.

Glaubt man der 31-Jährigen, dann geht ihr Kalkül auf: Nein, Schokoholics habe dieser Süßigkeitenentzug nicht aus ihren Töchtern gemacht, versichert die Mutter. Wie zum Beweis zeigt sie auf eine Schale mit Halloren-Kugeln, die auf dem Esstisch in ihrem Wohnzimmer steht. Eltern von Kindern aus ihrer Kita haben sie ihr zu Ostern geschenkt. Die Schüssel ist noch randvoll. Doch kann das nicht auch daran liegen, dass Cara und Leana die Ost-Pralinen nur deshalb nicht angerührt haben, weil sie lieber Kinderschokolade mögen? Sandra Labitzke lacht auf. Sie ist genauso schlank und sportlich wie Cara und Leana - und sich ihrer Sache absolut sicher.

Verbote sind zwecklos

Sollte sich ihre Strategie bewähren, wird sie wohl als Wunder in die Geschichte der Ernährungswissenschaften eingehen. Rechtzeitig zu Ostern hat eine Studie der britischen Universität Surrey nämlich bestätigt, wovor Psychologen schon häufig gewarnt haben: Es hat wenig Zweck, Kindern den Zugang zu Süßigkeiten zu erschweren. Wer es trotzdem versucht, um zu verhindern, dass eine Generation von Moppel-Ichs heranwächst, erreicht in der Regel das Gegenteil.

Für ihre Untersuchung haben die britischen Forscher vor dem vergangenen Osterfest eine Gruppe von 37 Kindern im Alter zwischen vier und elf Jahren zweigeteilt: Die Kinder in der ersten Gruppe bekamen nur nach dem Mittagessen eine bestimmte Anzahl an Schokoladeneiern zugeteilt. Der Rest wurde in einem Regal außerhalb der Reichweite der Kinder deponiert. Dagegen waren die Süßigkeiten für die Kinder der zweiten Gruppe jederzeit erreichbar. Sie durften so viel naschen, wie sie wollten. Das Ergebnis: Die Kinder der zweiten Gruppe griffen zwar anfangs häufiger zur Schokolade. An den Ostertagen selbst aber futterten sie weniger Süßigkeiten als die Kinder, denen man ihre Rationen nur in homöopathischen Dosen zugeteilt hatte. Der Unterschied schlug sich sogar auf der Waage nieder: Der Body-Mass-Index, der Richtwert für die Bewertung des Körpergewichtes in Relation zur Körpergröße, war bei den Kindern der zweiten Gruppe niedriger.

Thomas Ellrott wundert dieses Ergebnis nicht. Der Mediziner leitet das Institut für Ernährungspsychologie der Universität Göttingen. Seine Einrichtung erforscht das menschliche Essverhalten im Spannungsfeld zwischen Ernährungswissenschaft, Psychologie, Pädagogik und Medizin. Und sie setzt ihr Know-how in Schulprojekte wie "PowerKids" um, ein Training für übergewichtige Kinder. Ellrott wird nicht müde, an Eltern zu appellieren: "Hört endlich auf, euren Kindern Vorträge über gesundes Essen zu halten." Schließlich, sagt der Mediziner, lösten schon allein die Worte "Ernährung" und "gesund" bei vielen Kindern eine Trotzreaktion aus. "Gesund bedeutet: Ich muss das essen, obwohl ich es nicht will." Dabei, weiß der Familienvater aus eigener Erfahrung, gehe es doch gar nicht nur um die Frage, "was" Kinder essen oder nicht essen sollten, sondern auch um das "wie", also das Ambiente, das soziale Miteinander und das Geschmackserlebnis.

In Bezug auf den Konsum von Süßigkeiten heißt das: Den Osterhasen aus Schokolade per se zu verteufeln, ist absurd. Gesundheit und Wohlbefinden hingen schließlich nicht von einem einzelnen Lebensmittel ab, sondern vom gesamten Ernährungsplan. Und darin, fordert Ellrott, müsse eben auch Platz für Süßigkeiten sein. Er sagt, Kakao und Nüsse lieferten sogar lebensnotwendige Nährstoffe wie Vitamine und Mineralien.

Bewusster Konsum

In den Ohren von Kindern klingt das beinahe zu schön, um wahr zu sein. Man muss an die Werbung für einen beliebten Schokoladenaufstrich denken. Und daran, dass hierzulande inzwischen jedes fünfte Kind zu dick ist. Trotzdem weigert sich Thomas Ellrott, Eltern vorzuschreiben, welche Mengen an Gummibärchen sie ihren Kindern täglich zuteilen können. Er sagt, einen Grenzwert gebe es ebenso wenig wie eine Definition von Süßigkeit. "Wann ist ein Müsliriegel noch Müsli - und wann schon Naschwerk?" Festlegen lassen will er sich nur auf zwei Regeln: Süßigkeiten dürfen nicht die Basis der täglichen Ernährung bilden. Und sie sollten bewusst konsumiert werden, und nicht nebenher vor der Flimmerkiste. Ellrott plädiert dafür, dass Kinder selbst auf Süßes zurückgreifen können - wenn auch unter Kontrolle. "Bei uns zu Hause gibt es dafür einen Schrank, aber die Kinder haben gelernt, vorher zu fragen."

Seine Tipps klingen vernünftig, doch sie haben einen Haken: Der Mediziner geht vom Bild des aufgeklärten Verbrauchers aus, der sich selbst regelmäßig wiegt und für seine Gesundheit sorgt. Sandra Labitzke passt in dieses Muster. Groß wurde sie in der DDR. Sie sagt: "Zu Hause gab es nur selten Schokolade." Genascht wurde nur, wenn ein Paket von Verwandten aus dem Westen kam. Als die Mauer fiel, habe sie halb staunend, halb überfordert vor dem Süßigkeitenregal gestanden - und wahllos alles in sich hineingestopft. Ihren Töchtern möchte die alleinerziehende Mutter diese Erfahrung ersparen.

Katrin Heyl lässt die Zügel etwas lockerer. Auch sie achtet darauf, dass ihre Kinder Jasmin, 7, und Julian, 5, jeden Tag Obst und Gemüse bekommen. Aber sie dürfen auch naschen - wenn sie zuvor gefragt haben. Streit um Süßigkeiten oder Knabberkram gibt es bei den Heyls nur dann, wenn Jasmin feststellt, dass es Papa Andreas abends vor dem Fernseher ganz ohne ihre Hilfe geschafft hat, die Chipstüte zu leeren.

Mehr als eine Handvoll Süßes oder Salziges pro Tag würden die Kinder ohnehin nicht futtern, sagt Katrin Heyl. So war das schon immer: Die Nachfrage regelt das Angebot. Dementsprechend gelassen ist die Krankenschwester aus Grünau auch an den Ostertagen. Sie sagt, wenn sie nicht aufpasse, müssten die Osterhasen überwintern. Es erginge ihnen dann so wie den Weihnachtsmännern. Die hat sie allerdings noch rechtzeitig vor Ostern zu Schokosoße verarbeitet.