Kindermusicaltheater

"Das könnte auf dem Schulhof spielen"

Gepolter dringt aus dem Umkleideraum der City-Grundschule in Kreuzberg. Reflexartig würden die Lehrkräfte normalerweise die Tür aufreißen und für Ruhe sorgen. Aber diesmal bleiben die Lehrer gelassen - im Gegenteil, sie bestärken die vier Jugendlichen darin, noch ein wenig lauter zu werden.

Aber hier wird auch kein normaler Unterricht praktiziert, hier probt das Kindermusicaltheater Berlin. Felix, Sebastian, Akarsan und Maxi befinden sich auf einer imaginären Müllhalde. Nur das Abflussrohr, das Sebastian in der Hand hält und auf das Felix und Akarsan wie wild einschlagen, ist echt.

Hier wird gerade eine Szene aus dem Musical "Im Reich des King Aresias" geprobt, das bis Ende Dezember im Russischen Haus in Mitte aufgeführt wird. Ein Stück über Demokratie, Streit, Cliquen und Zusammenhalt. Die Story dreht sich um abgeliebte Puppen, die auf dem Müll gelandet sind. Hier regiert der böse König Aresias, ein mächtiger Zauberer. Jedes Jahr zur Weihnachtszeit wählen die Puppen unter sich eine aus, die herausgeputzt wird und wieder zurück in ihre alte Welt darf. Doch an Aresias kommen sie dabei nicht vorbei, denn er besitzt alle Kleider und Ersatzteile der Puppen. Ihn zu entmachten ist eine Herausforderung, an der auch ein Mäusemeer, ein Drachen und einige Kobolde beteiligt werden.

Das klingt nach Märchen, aber Regisseur Volkmar Neumann sagt: "Das könnte auch auf dem Schulhof nebenan spielen - gezeigt werden hier all die Konflikte, die Kinder heute erleben." Und es geht dabei auch um Integration und Migration. 30 Prozent der zurzeit 93 Darsteller des Musicaltheater-Ensembles haben wie der 16-jährige Akarsan einen Migrationshintergrund, andere kommen aus sozial schwachen Elternhäusern, es gibt Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten und welche mit körperlichen Beeinträchtigungen. Ihnen allen wollen Neumann und sein Team eine Bühne geben.

Ausgelacht wird hier niemand, das ist eine goldene Regel. Und ein Casting gibt es auch nicht. Erst einmal kann jeder zwischen fünf und 18 Jahren mitmachen, der Spaß an der Darstellung hat - und der die Disziplin aufbringt, das ganze Jahr über zweimal in der Woche zu den Proben zu kommen. Dahinter steckt Neumanns Wunsch, Kindern eine "sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu geben", und seine Überzeugung, "dass in jedem Kind künstlerische Talente schlummern". Die zu wecken hat er sich zur Aufgabe gemacht. 40 Euro zahlen die Eltern im Monat, dafür bekommen ihre Kinder eine Ausbildung in allen Bereichen der Bühnendarstellung: Schauspiel und Sprecherziehung, Gesang und Tanz. Aber auch wenn eine Familie das Geld nicht aufbringen kann, findet sich meist eine Lösung, sagt Neumann.

Seit fast 40 Jahren befasst sich Neumann mit Kindertheater. Von 1973 an hat der Regisseur, Schauspieler und Theaterwissenschaftler 20 Jahre lang das Kinderensemble im Friedrichstadtpalast geleitet. Und vor sechs Jahren hat er gemeinsam mit anderen Künstlern und der Unterstützung von Sponsoren den Verein Kindermusicaltheater in Berlin gegründet. Er selbst lehrt dort den Bereich Schauspiel und Sprecherziehung, obwohl er inzwischen jenseits der 70 ist - Genaueres gibt er über sein Alter nicht preis, vielleicht nur so viel: "Bis 80 will ich noch dabei sein." Ein Künstler im Unruhestand.

Sebastian, Felix und Akarsan haben sich inzwischen umgezogen. Sie tragen Uniformen, die an den "Nussknacker" erinnern. In der Turnhalle proben sie zusammen mit Kira, die in dem Stück die Hauptfigur spielt, sowie Emma und Alexandra, den Kobolden. Volkmar Neumann gibt ihnen Anweisungen, wie sie sich in die Augen schauen sollen, korrigiert ihre Gesten. Danach haben sie bei Irmhild Kaufer, einer ehemaligen Palucca-Schülerin, Tanzunterricht. Alle lernen alles, das ist die Devise im Kindermusicaltheater. Eine Abgrenzung zwischen Tanz, Chor und Schauspiel gibt es bei ihm nicht.

Die Kinder und Jugendlichen kommen aus ganz Berlin zu den Proben in der Kreuzberger Schule, viele sind schon seit Jahren dabei und kennen sich durch die intensive Probenarbeit sehr gut. Und darum geht es Neumann auch: dass die Kinder Zusammenhalt entwickeln und dass über das Gemeinschaftserlebnis Theater ihr Selbstbewusstsein gestärkt wird.

"Im Reich des King Aresias" (ab 5 Jahre), bis 29. Dezember im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in der Friedrichstraße 176. Karten (ab 9 Euro) gibt es dort an der Kasse der Kneifzange, unter Tel. 47 99 74 80 oder Tel. 204 18 95. Weitere Informationen unter www.kindermusicaltheater-berlin.de

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