"Schreibende Schüler"

Ann Franzine Loof: Es wird Winter

"Es wird Winter", sagt Gregor, er steht am Fenster und sieht nach draußen. Die Mutter sitzt am Tisch, sie beobachtet Gregor, sie nickt. Auf dem Sims liegt ein dicker Teppich aus Staub, darunter kann man kaum noch das Holz erkennen.

"Gibt es zu Weihnachten dieses Jahr Gans", will Gregor wissen, er dreht sich um und schaut die Mutter an, sie lächelt. "Gans doch nicht. Gans ist fettig, weißt du das denn nicht." Gregor schleift die Füße über den Boden, als er aus der Küche geht. Hinter sich hört er die Schranktüren knallen. Gregor harkt Laub. Als er noch kleiner war, ist er in die Haufen hineingesprungen, aber dafür ist er längst zu alt. Er ist nun der Mann im Haus, sagt die Mutter, und noch einen braucht sie auch gar nicht, deswegen hat Gregor auch keinen Vater. Er kann aber hören, wenn die Mutter ausgeht und einen Mann mitbringt. Er kann sie im Flur flüstern hören, manchmal sagt sie: Sei leise, der Gregor schläft schon. Gregor sieht die großen Laubhaufen, er zieht die Handschuhe an und füllt das Laub in Müllsäcke, die muss man wegfahren, zum Verrotten wegfahren. (...)

Die Mutter liegt nackt auf dem Boden und regt sich nicht. Gregors Herz setzt für eine Sekunde aus, er denkt, sie sei tot, aber dann sieht er, wie sich ihre Brüste heben und senken. Sie atmet. Er kniet sich neben sie auf den Boden und schaut in ihr Gesicht. Darin sind plötzlich einige Adern zu sehen, die sich von den Lidern aus über die Wangen ziehen, sie bilden ein wirres Muster. Er packt die Mutter an den Schultern und rüttelt daran, bis sie hustet und blinzelt. Als sie die Augen aufschlägt, zuckt Gregor erschrocken zusammen. Sie sind fast ganz und gar rot, in der weißen Iris sind lauter kleine Äderchen geplatzt. Auf ihrer Stirn steht der Schweiß. "Du bist ohnmächtig geworden", sagt Gregor der Mutter mit belegter Stimme. Sie richtet benommen den Oberkörper auf und Gregor wendet den Blick ab, der nackte Körper der Mutter ist hässlich. Man könnte die Rippen zählen und die Haut ist überall weißblau. Die Adern schimmern durch. Sie wirkt so zerbrechlich, so will Gregor die Mutter nicht sehen. Sie sagt nichts. Sie kümmert sich nicht um ihre Nacktheit oder um Gregor, sie steht einfach langsam auf und geht wankend aus dem Bad heraus. Gregor bleibt kniend auf dem Boden sitzen, bis er hört, wie sie ihre Schlafzimmertür hinter sich schließt, dann schaltet er das Licht aus und gehr zurück in sein eigenes Zimmer. Er legt sich wieder in sein Bett und drückt die Daumen auf die Augen, bis lila Punkte entstehen, bis er nichts mehr sehen kann als diese Punkte. Sie legen sich vor das Bild der Mutter, vor ihre Hässlichkeit.

Gregor sitzt am Frühstückstisch und schaut auf sein Brot. Er ist müde. Die Mutter kommt gut gelaunt zu ihm in die Küche und streicht ihm über das Haar. "Hast du gut geschlafen", fragt sie ihn, er sagt nichts. Sie öffnet das Fenster und atmet die kühle Luft ein und aus. Vor ihrem Mund bildet sich Nebel. "Du hast Recht, Gregor", sagt die Mutter. "Es wird Winter." Er lässt das Brot liegen und stellt sich zu ihr. Sie atmen zusammen Nebel aus. "Gibt es zu Weihnachten Gans dieses Jahr", will Gregor wissen. Die Mutter lächelt. "Gans doch nicht, Gregor." "Die ist fettig, ich weiß", antwortet er und schließt das Fenster.

Ann Franzine Loof (18) aus Zeuthen ist Siegerin in der Altersklasse 16 bis 19 Jahre