Erziehung

Wie es ist, eine Jungsmutter zu sein

Sie machen sich schmutzig, prügeln sich und versagen in der Schule: So betrachten viele mitleidsvoll den männlichen Nachwuchs. doch unsere Autorin sieht mehr Vor- als Nachteile darin, Söhne zu haben. Eine Liebeserklärung

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Wissen Sie, in welchem Verwandtschaftsverhältnis Boba Fett zu Jango Fett steht? Wie, Sie glauben, Boba Fett sei der Sohn Jangos? Ich bitte Sie, das ist ja lächerlich! Boba ist natürlich der erste Klon, der aus Jango gewonnen wurde, das weiß nun wirklich jedes Kind. Beide von Beruf Kopfgeldjäger, das muss ihnen im Blut liegen.Boba hatte natürlich eine schwere Kindheit, das kann man vielleicht zu seiner Entschuldigung anführen. Schon im Alter von Zehn war er fast ganz allein auf dem ziemlich öden Planteten Geonosis unterwegs, nachdem sein Klon-Vater von Meister Mace Windu enthauptet wurde. Mein Verdacht ist aber, dass der Mandalorianer an sich sowieso zur Gewalttätigkeit neigt, miese Kindheit hin oder her.

Ach so, Sie haben gar keine Söhne? Nun, in dem Fall: Willkommen in meiner Welt.

Wenn man die allmächtige Suchmaschine fragt, dann gibt es zwei Arten von Eltern: die, die Mädchen haben - und die, die Jungen haben. Jungsmütter, liest man in den meisten Beiträgen, leiden. Es ist eine Qual. In der Schule klappt es nicht, 72 Prozent aller Schulabbrecher sind Jungs. Bevor es dazu kommt, werden sie ständig beim Direktor vorstellig, hauen, schubsen, schlagen, zwiebeln und stänkern - und versagen im Unterricht so sehr, dass die Mädchen auf die Trödler warten müssen.

Ich weiß ja nicht. Ich bin immer mit dem ganz glücklich, was ich habe. Ich möchte nicht mal lange, blonde Locken haben. Lange, glatte und dunkle Haare sind mir lieber. Und ich möchte auf keinen Fall eine Tochter. Ich liebe es, eine Jungsmama zu sein.

Die Vorteile liegen auf der Hand. So muss selten bis nie etwas angeschafft werden, das rosa ist. Oder glitzert. Keine "Prinzessin Lillifee"-Köfferchen, keine funkelnden Sternchen, keine Ponys. Stattdessen Laserschwerter, Cowboys und schweres Gerät (zum Beispiel eine sehr hübsche Kettensäge). Nach dem Abendessen gibt es eine Runde Abhotten zu AC/DC (oder Tower of Power, je nachdem, welcher der beiden Kerle die Musik wählen darf). Kein Gejammer über ein Loch in der Lieblingsstrumpfhose, sondern praktisches Zupacken: "Eine kurze Strumpfhose kann ich im Sommer unter die Piratenhose ziehen. Falls die mal nass wird." Rrratsch. Überhaupt, das Zupacken. Hindernisse werden kurzerhand aus dem Weg geräumt, zum Beispiel die Dogge des Nachbarn: "Geh' weg, du bist überhaupt kein Jedi." Ich habe mir den Satz notiert für den Fall, dass mir mal einer blöd kommt.

"Geh' weg, du bist kein Jedi"

Ich gebe zu, dass es gewisse Nachteile gibt. Die Lautstärke zum Beispiel. Wenn vier Jungs da sind, die Verkleidungskiste ausgepackt ist und ein Angriff der Devaronianer unmittelbar bevor steht, gleichzeitig aber das Telefon klingelt, an dessen anderem Ende einem der Steuerberater eine ungeheuer wichtige Nachricht überbringen will - dann kann das schon mal zu einer akuten Stresssituation führen. Oder die Schule. Ja, Mädchen sind schneller. Aber, liebe Mädcheneltern, das bedeutet nicht, dass die Jungs blöder sind! Jungs sagen dafür Dinge wie "Ich baue eine Rakete, die schneller fliegt, als das Weltall sich ausdehnt." Nehmt das, ihr Barbie-Puppen-Spieler!

Es herrscht ja Krieg zwischen den Parteien, das liest man immer wieder. Jungs haben keine Lobby, heißt es. Jungsmütter würden mit vorauseilendem Entschuldigungsdrang durchs Leben kriechen: "Er hat den Backstein gar nicht absichtlich in Ihr Fenster geworfen! Er entdeckt nur gerade seine Kraft! Ich bin aber super versichert!" Während die Mädchenmütter mit gezückten Beschwerdebrief-Schreibutensilien in der Ecke stünden: "Da, ich habe genau gesehen, wie er Charlotte-Sophie an den Haaren gezogen hat! Sie brauchen wohl mal Erziehungsunterricht für sich und Ihr rüpelhaftes Kind!"

Tatsächlich ernten Mütter, die nach dem ersten noch einen zweiten Sohn bekommen, hauptsächlich Mitleid. "Ach, macht nichts, dann müsst ihr eben noch ein drittes bekommen, das wird bestimmt ein Mädchen!" Ob dahinter ein ausgeklügeltes Fortpflanzungsprojekt der Regierung steckt? "Durch Demoralisierung der betreffenden Mutter erreichen wir trotz nicht vorhandenen Kinderwunsches, dass sie sich erneut befruchten lässt. Gez. Schrottmann, Staatssekretär." Ja, das klingt durchaus logisch. Warum einem keiner sagt: "Herzlichen Glückwunsch, noch so ein Kerl, der die Tiermastanlagen profitabel hält!", das werde ich nie verstehen. Dabei gilt doch die Wirtschaft fast alles in diesem Land. Was den Schnitzelverzehr betrifft, sind Jungs eindeutig diejenigen, auf die man als Fleischproduzent bauen sollte. Mädchen entdecken zu Beginn der Pubertät nämlich Schlankheitswahn und Kaninchenaugen ("Och, die sind sooo niedlich"), und dann war es das mit dem Fleischkonsum.

Aber es geht auch andersherum. "Meine Schwägerin war regelrecht erleichtert, als sie erfuhr, dass ich noch einen Jungen bekomme", berichtete die Freundin L. "Sie hatte wohl Angst, dass ihre kleine Prinzessin entthront werden könnte." Auch solche Reaktionen können durchaus für Spannungen sorgen, auch innerhalb der Familie. Für ein Mädchen kann man Kleider kaufen, und man kann ihm die Haare flechten. Einem Jungen schenkt man zur Geburt am besten eine Haftpflichtversicherung. Das scheint die Wahrnehmung zu sein, wenn es um die Geschlechterrollen geht.

Laut, aber robust

Aber was soll ich sagen: Ein Junge ist einfach angenehmer, was das Nervenkostüm angeht. Ein männliches Kind ist eines, dem man einen guten Start ins Leben geben kann. Vorausgesetzt, man findet einen Mann, der dem Jungen als männliches Vorbild dienen kann und bereit ist, ihn nicht bis zur Unkenntlichkeit zurecht zu stutzen, sondern mit ihm tatsächlich "in Beziehung" zu gehen, wie Psychologen sagen - wobei letzteres auch für die Mutter gilt. Männliche Kinder leiden zwar auch unter sozialem Druck innerhalb der Gruppe, aber er scheint sie prozentual gesehen nicht so sehr zu beschädigen wie weibliche Kinder. Körperwahrnehmungsstörungen wie Magersucht oder Selbstverletzungen beispielsweise treffen Jungs seltener.

Reine Mädchenmütter, so heißt es, würden zu Überprotektion und Hysterie neigen. Ich kann das nur bestätigen. Selbst in einem Alter, in dem Mädchen noch nicht in die Disco gehen, schreien Mädchenmütter schnell mal herum: "Püppi, lass das! Das ist viel zu hoch!" - "Aber Mama, der Hannes geht doch auch!" - "Das ist mir egal. Erstens hast du dein gutes Kleid an und zweitens ist der Hannes ein Junge." Was sich anhört wie ein Gesprächsfetzen aus den Fünfziger Jahren, ist erst wenige Tage alt. Ich muss aber gestehen: Das Kleid war echt hübsch.

Ich suche Klamotten ja ausschließlich nach Hieb- und Rissfestigkeit aus. Und nach Taschengröße, damit man etwas hineinstopfen kann. Steine zum Beispiel oder kleine Stöckchen. Stöckchen scheinen ein unterschätztes Gut zu sein, vielleicht gibt es auch einen schulinternen Schwarzmarkt. Oder das Kind hat vor, einen Brennholzhandel zu eröffnen, ich weiß es nicht. Die ideale Farbe für Jungsklamotten ist übrigens ein ins Grünliche spielendes Braun. Oder, wie eine Mädchenmutter kürzlich bemerkte: "Ach, bin ich froh, dass ich Töchter habe. Die kann man immer so schön hell anziehen, die sind ja nicht so schmutzig." Ich habe a) sehr treffende Dinge zu der Dame gesagt, ihren Intellekt betreffend, und möchte b) anmerken, dass man Jungs sehr wohl farbenfroh anziehen kann, nur eben mit einem Schuss Baumwoll-Fatalismus.

Die Frage ist natürlich: Was wollen wir? Wollen wir Jungs, die leise spielen und vollkommen widernatürlich gedeckelt aufwachsen? Die, ja, zu so etwas wie weiteren Mädchen werden, nur eben mit Penis? Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich würde meiner Tochter, wenn ich eine hätte, später einen Mann wünschen, der erfahren durfte, was es bedeutet, ein Junge gewesen zu sein.

Es mag laut sein und es mag schmutzig sein, vielleicht geht sogar mal eine Scheibe zu Bruch. Aber eines ist sicher: Es fühlt sich an wie das blanke Leben. Und das ist ziemlich schön.