Boys' Day

Rollentausch: Jungen testen Frauenberufe

1500 Berliner Schüler haben sich beim ersten Boys' Day den Berufsalltag in Kitas und Heimen angeschaut - einer davon ist Henrik Discher

Foto: Glanze

"Alle spielen gegen Henrik", ruft der rothaarige Merlin. Der Fünfjährige hängt sich an den Arm eines jungen Mannes mit Sommersprossen, zieht ihn Richtung Garten der Kindertagesstätte "I Cuccioli" im Neuköllner Stadtteil Britz. "Naja, euch schaffe ich wohl noch", sagt Henrik Discher zu den ihn umringenden Jungs und grinst breit. Jubel bricht aus - die Kinder sind schlagartig riesige Fans von dem 14-Jährigen. "Schade, dass der nicht immer hier ist", meint der fünfjährige Ibo.

Henrik Discher findet es selbst schade, dass er nur an diesem Donnerstag in der Kita ist und von den Kindern als Fußballheld gefeiert wird. Grund seines Besuches ist der Boys' Day. Dabei lernen Schüler einen Tag lang einen Beruf kennen, den Männer nur selten ergreifen. Henrik Discher will wissen, wie Erzieher arbeiten. Dafür hat der Schüler vom Werner-Siemens-Gymnasium in Zehlendorf sogar einen wegen Abiturprüfungen schulfreien Tag geopfert. Anders als seine Klassenkameraden, nutzt der 14-Jährige den Boys' Day und informiert sich über einen sozialen Beruf, in dem zu über 95 Prozent Frauen arbeiten.

Der Boys' Day findet erstmals berlinweit statt, außerdem ist die Aktion, die es im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf seit drei Jahren gibt - auf das Bundesgebiet ausgeweitet worden. Etwa 1500 junge Männer nahmen in Berlin teil, nach Angaben des Familienministeriums hatten sich bundesweit 35 000 Schüler angemeldet. Die meisten Veranstaltungen bieten die Berliner Kitas an. Der Boys' Day findet parallel zum bereits elften Girls' Day statt. Dabei schnuppern Schülerinnen vor allem in technische Berufe.

"Mehr Männer in die Erziehung"

Aufgeregt war Henrik Discher am Morgen vor seinem Kita-Besuch schon. Dass ihn die Kinder mögen, dass sie ihn keine Minute mehr aus den Augen lassen würden, mit ihm spielen wollen und auch mal kuscheln, hat ihn dann überrascht. "Positiv natürlich." Henrik Discher mag Kinder und würde später gerne einen sozialen Beruf ergreifen. "Sozialarbeiter vielleicht oder Arzt", sagt der Schüler.

Die Kindertagesstätte "I Cuccioli" beteiligt sich zum ersten Mal am Boys' Day. "Es müssen viel mehr Männer ins Erzieherwesen", meint Kita-Leiter Henry Korpys. Wobei in Berlin die Männerquote in den Kindergärten noch vergleichsweise hoch sei. 4,3 Prozent der Beschäftigten sind Männer, im bundesweiten Durchschnitt sind es nur 2,4 Prozent. Männliche Kollegen, so meint der Erzieher und Heilpädagoge, werden in den Kitas zur Entwicklung eines neuen Rollenverständnisses notwendig. Den Kindern fehle das "Modell Mann", männliches Verhalten könnten sie in den Kitas nicht lernen. Ein Manko, meint Henry Korpys.

Warum so wenige Männer in Erziehungsberufe gehen, kann sich Henry Korpys denken. "Schon in den Schulen werden Männer eher zu technischen Dingen gedrängt." Kindererziehung falle hingegen in den Bereich der typisch weiblichen Aufgaben. Männer glaubten, im Erziehungsbereich weder Ruhm noch Ehre ernten zu können. Zudem seien Männer von den geringen Verdienstmöglichkeiten abgeschreckt. Nach der Ausbildung verdient ein Erzieher etwa 1200 Euro netto. Davon, so denken viele, kann Mann keine Familie ernähren. Und das wiederum falle in den Bereich der als typisch männlich wahrgenommenen Aufgaben.

Mittelalterliche Ansichten? "Leider Realität", meint Henry Korpys. Er könne von Glück sagen, dass in der Kita "I Cuccioli" unter den insgesamt 21 Erziehern zumindest zwei männliche Kollegen sind. "Es ist es für Männer oft gar nicht so einfach, ernst genommen zu werden", weiß Korpys aus eigener Erfahrung. Oder sie werden zum Schränkerücken statt zur Lösung pädagogischer Aufgaben eingesetzt.

Die Kinder im "I Cuccioli" backen mittlerweile Osterhasenköpfe aus Quarkteig. Auch Henrik steht an der Seite, alleine bleibt er aber nicht lange. Die vierjährige Josefine läuft herbei. "Häni, spielen wir Räuber?" fragt sie. Natürlich macht Henrik mit. "Den Kindern ist es egal, ob da ein Mann oder eine Frau vor ihnen steht", meint die Erzieherin Carolin Leykauf. Die würden sich nehmen, was sie bräuchten. Natürlich beobachtet die 25 Jahre alte Kindergärtnerin, dass Kinder manchmal differenzieren. Fußball ordnen auch sie eher den Männern zu, gekuschelt wird dann mit den Frauen.