Erziehungstipps

Wilde Kerle brauchen Aufgaben

Jungs sind ein Problem. So wird es gern dargestellt. Vor allem in der Schule haben die Mädchen sie längst abgehängt. Der gerade veröffentlichte Gender Report des Senats hat gezeigt: 48 Prozent der weiblichen Schulabgänger haben 2009 in Berlin Abitur gemacht, allerdings nur 39 Prozent der Jungen erlangten im selben Jahr die Allgemeine Hochschulreife.

Bei den Jungen zeigen sich auch im Schulalltag mehr Auffälligkeiten als bei Mädchen, kurz gesagt: Sie stören. Während bei Mädchen die Mitteilungshefte oft blütenweiß bleiben, häufen sich bei vielen Jungen die Einträge.

Als eine Ursache für die vermeintlichen Probleme der Jungen wird oft genannt, dass Jungen zu wenig männliche Vorbilder haben. Immer mehr wachsen bei ihren alleinerziehenden Müttern auf, in Kitas und Grundschulen arbeiten fast nur weibliche Pädagogen. Nicht zuletzt deshalb war es Ziel des gestern erstmals bundesweit veranstalteten "Boys Days", Jungen einen Einblick in diese Arbeitsbereiche zu geben und bei ihnen Interesse für Berufe wie Erzieher oder Grundschullehrer zu wecken.

Jungen scheinen fremden Wesen zu sein. Die Regale in den Buchhandlungen sind voll mit Titeln wie "Was Jungen brauchen", "Die neuen Sorgenkinder". Von der "Jungenkatastrophe" ist gar die Rede. Und nun gibt es auch noch eine "Gebrauchsanweisung", so der Untertitel des neuen Buches von Reinhard Winter. Natürlich ist das eine Provokation, denn - auch wenn manch einer gern mal den Aus-Knopf drücken würde - Jungen sind keine Maschinen, die es nur richtig zu bedienen gilt, damit sie funktionieren. Der Diplompädagoge Winter, der seit Jahren in der Jungenforschung arbeitet, ruft in seinem Buch vielmehr zu mehr Gelassenheit im Umgang mit Jungen auf. Die Dramatisierungen hätten viele Eltern und auch die Jungen selbst verunsichert und würden statt zur Problembewältigung eher zu Passivität verleiten.

Jungen sind heute oft zerrissen zwischen den unterschiedlichsten Ansprüchen: Einerseits sind sie noch immer geprägt von männlichen Stereotypen, auch die meisten Spielsachen sind am Bild des mutigen, starken Wilden orientiert, gleichzeitig gibt es aber gerade auch bei Müttern und Erziehern eine große Empfindlichkeit gegenüber vermeintlich typisch männlichen Verhaltensweisen. Jede Größenfantasie werde zurechtgestutzt, so der Pädagoge, jeder Anspruch auf Dominanz zum Problem erklärt. Auch im Schulalltag werden Jungen oft genug buchstäblich ruhiggestellt. Während ein Mädchen, wenn es die regulären Aufgaben erfüllt hat, meist gern ein Mandala ausmalt, haben viele Jungen daran nur wenig Freude. "Oft genügen bereits kleine Korrekturen, um Schule jungenfreundlichen zu gestalten", sagt Winter. Kaum werde zum Beispiel zur Leseanimation mit Comics gearbeitet, kaum können Jungen zum Begreifen bestimmter Sachverhalte ihre motorischen Fähigkeiten einsetzen.

Im zweiten Teil des Buches, in dem Winter praktische Tipps für den Umgang mit Jungen aufzeigt, geht es daher vor allem darum, Jungen selbst in Aktion treten zu lassen. Handeln sei die Form, wie Jungen in Beziehung kommen. In Bewegung könnten sie viele Dinge besser nachvollziehen, als an der Tafel. Den Handlungstrieb würden Jungen mitbringen, aber sie würden viel zu oft durch die Ängstlichkeit der Eltern oder zu konkrete Vorgaben ausgebremst. Wichtig sei es, den Jungen Aufgaben zu geben, die sie selbst meistern können, die aber vor allem echt sind. "Aufgaben haben mit der Wirklichkeit zu tun, es geht um den Ernst, ums Echte. Das ist vor allem ein Kontrast zu dem, wie Jungen Schule erleben", erklärt Winter, "dort sind die Aufgaben oft nur Scheintätigkeiten oder lästiges Üben für eine ferne Zukunft".

Reinhard Winter: "Jungen - eine Gebrauchsanweisung", Beltz Verlag, 16,95 Euro.