Patchwork-Familien

Das Geheimnis von Nähe und Distanz

Patchwork ist Bürde und Bonus zugleich: Eine Berliner Familie und der dänische Therapeut Jesper Juul zeigen, wie das Zusammenleben klappt

Foto: Massimo Rodari

Wenn Astrid Koch an ihre Familie denkt, dann sieht sie ein Mobile. Es müsse immer wieder neu austariert werden - je nachdem, von wo gerade der Wind kommt. Ihre Familie, das sind Vater und Mutter, drei Kinder. Die Familie Koch/Ilisch ist eine Patchworkfamilie. Astrid Koch, 47, hat ihren Sohn Nicolas, 13, mit in die Beziehung gebracht, Christian Ilisch, 46, Tochter Paula, ebenfalls 13. Und seit knapp drei Jahren gehört noch Pflegekind E., 8, dazu. Aus rechtlichen Gründen dürfen sein voller Name nicht genannt und sein Gesicht nicht gezeigt werden. Paula ist zwei Tage in der Woche und an jedem zweiten Wochenende da, sonst lebt sie bei ihrer Mutter, Nicolas lebt ganz bei seiner Mutter, trifft seinen leiblichen Vater etwa alle zwei Wochen. Allein dadurch sind die Tage in der Friedenauer Familie bunt - und voller Herausforderungen.

Genaue Zahlen zu Patchworkfamilien in Deutschland gibt es nicht, geschätzt wird aber, dass inzwischen etwa in jeder sechsten Familie zumindest ein Partner ein Kind aus einer früheren Beziehung eingebracht hat Und die Akzeptanz gegenüber dieser Familienform wächst. Nach einer GfK-Umfrage können sich inzwischen mehr als ein Drittel der Deutschen vorstellen, in einer Patchworkfamilie zu leben. Der renommierte Familientherapeut Jesper Juul sieht Patchwork-Eltern gar als Bonus-Eltern - so der Titel seines neuesten Buches, in dem er beschreibt, wie Kinder und Eltern daraus einen Mehrwert ziehen können.

"Bonus-Eltern - das klingt ja ganz schön positiv", kommentiert Astrid Koch lachend. Es gebe Tage, an denen sie sich tatsächlich so sieht, aber da sind auch die Tage, die mehr Belastung als Bereicherung bringen. Dennoch, das Positive überwiegt, sonst wären Astrid Koch und Christian Ilisch nach acht Jahren wohl nicht mehr zusammen. Und sonst würden sie nicht morgen, an Christian Ilischs 47. Geburtstag, vor den Standesbeamten treten und heiraten. Begegnet sind sich die beiden Lehrer erstmals 2002, im Stadtbad Schöneberg. Das heißt: wiederbegegnet, denn sie waren schon zusammen auf dem Gymnasium gewesen. Beide waren sie im Schwimmbad mit ihren damals vierjährigen Kindern, beide lebten sie gerade in Trennung. Sie vereinbarten, sich mal zu treffen. "Aber, so ein Mist, im Wasser hat man natürlich keinen Stift und Zettel dabei", sagt Astrid Koch. Ein Jahr später trafen sie sich zufällig wieder, beim Falafelessen, und natürlich waren Stift und Zettel jetzt sofort parat. Im Herbst 2003 war das und aus dem einen Treffen wurden schnell viele - und aus den beiden ein Paar.

Gleich zu Beginn ihrer Beziehung stand die Frage im Raum: Wie bringen wir es unseren Kindern bei? Christian Ilisch hatte Astrid Koch mit ihrem Sohn zum Essen zu sich in die Wohnung eingeladen. "Christian und ich waren furchtbar aufgeregt, aber es hat keine 20 Minuten gedauert, da saßen die beiden Kinder einträchtig in Paulas Zimmer, haben Schlumpfmusik gehört und Bilder ausgemalt", erinnert sich Astrid Koch. Die Annäherung an den jeweiligen Partner des Elternteils war langwieriger. Die ersten zwei Jahre waren neben den logistischen Herausforderungen geprägt von Eifersucht, Abweisung, Annäherungsversuchen. Das zehrte an allen Beteiligten. Nicolas erinnert sich, dass er anfangs manchmal seine Mutter gefragt hat: "Können wir nicht wieder zu zweit sein?" Für Astrid Koch war es schwierig, wie selbstverständlich Paula neben Papa auf dem Sofa saß, den Platz, den sonst sie einnahm. Paula ging es umgekehrt nicht anders. Dazu kamen unterschiedliche Auffassungen über die Erziehung. Christian Ilisch ist in vielem strenger als Astrid Koch. Sie hat sich immer sehr zurückgehalten gegenüber Paula, er sich öfter eingemischt in Nicolas Erziehung.

Jeder bringt ein, was ihn stört

Als sie trotz dieser Schwierigkeiten ein Jahr später zusammenzogen, war die Logistik zwar einfacher, die Probleme im Miteinander aber blieben. Dass sie dennoch durchgehalten haben, liegt auch daran, dass sich das Paar früh Hilfe bei einer Erziehungsberatungsstelle geholt hat. Seitdem gibt es jede Woche eine Familienkonferenz. Eine Kommunikationsform, die auch Jesper Juul für sehr wichtig hält. Jeder bringt da ein, was ihn stört, "was ihm auf der Seele brennt", erklärt Astrid Koch. Ihr fiel das nicht schwer, sie ist ein sehr offener Typ, ihr Sohn auch, Paula war zunächst zurückhaltender. Aus Sicht des Familientherapeuten ist das aber kein Problem. "Wenn ein Familienmitglied die Möglichkeit nutzt zu erklären: ,Ich will heute nichts sagen', ist es wichtig, das zu respektieren", schreibt Juul. Auch ein "Nein" sei ein Ausdruck großer Offenheit und erfordere Mut.

Die Familienkonferenzen, das Zuhören, die Offenheit gegenüber der Hilfe von außen, das sind für Christian Ilisch die Schlüssel zur Stabilität ihrer Familie. Und sicher haben auch die Rituale geholfen, die die Familie eingeführt hat: Neben den Konferenzen ist das der Spieleabend einmal in der Woche, und es sind die gemeinsamen Mahlzeiten, mindestens einmal am Tag. Und da ist noch etwas: Astrid Koch und Christian Ilisch haben immer versucht, sich als Paar nicht aus den Augen zu verlieren: "Wir gehen regelmäßig abends zusammen weg und zweimal im Jahr fahren wir für ein paar Tage ohne die Kinder weg", sagt sie.

Christian Ilisch und Astrid Koch haben nie versucht, für das Kind des Partners die zweite Mutter oder der zweite Vater zu sein. Astrid Koch hat sogar den Kontakt zu Paulas Mutter gesucht, um nicht das Gefühl von Konkurrenz aufkommen zu lassen. In die Elternrolle zu schlüpfen gehe auch fast immer schief, sagt Jesper Juul: "Kinder und Jugendliche kennen nichts Schlimmeres als Stiefeltern, die ihre ,Elternmuskeln' spielen lassen". Vertrauen zu den Kindern aufzubauen, sei ein langer Prozess. Auch zwischen Paula und Astrid Koch hat es wohl einige Jahre gedauert, bis wirklich Vertrauen entstanden ist, bis sie jetzt mit viel Spaß zu zweit das Hochzeitskleid für Astrid Koch ausgesucht haben. Die Eifersucht kommt noch manchmal hoch, aber die beiden haben gelernt, mit ihr umzugehen, sie ein Stück weit einfach zu akzeptieren.

Gemeinsam und getrennt

In vielen Situationen hat die Familie gelernt, pragmatische Lösungen zu finden. Christian Ilisch stört es zum Beispiel, wenn die Jungen in der Wohnung Ball spielen. Astrid Koch ist da toleranter, aber sie erwartet, dass ihr Sohn Rücksicht auf ihren Partner nimmt. Jetzt dürfen die Jungen drinnen Ball spielen, wenn er nicht da ist. "Und wir müssen noch klären, ob man Pizza nun mit der Hand essen darf oder nicht", wirft Nicolas ein. Christian Ilisch besteht auf Messer und Gabel, Nicolas reichen die Finger. Vielleicht ein Thema für die nächste Familienkonferenz.

So sehr die Familie zusammengewachsen ist, so viele eigene Wege geht aber auch jeder: Die beiden Erwachsenen versuchen immer wieder, mal etwas mit ihrem leiblichen Kind allein zu unternehmen, jeder hat auch seine eigene Welt. Astrid Koch und Christian Ilisch hatten irgendwann das Bedürfnis nach einem gemeinsamen Band, und so kam vor drei Jahren ihr Pflegekind dazu. Der damals fünfjährige Junge hatte die Familie erst einmal ganz schön aufgemischt, er hatte ja seine eigene Vorgeschichte und rang erst einmal um seine Position in der neuen Familie. Das Pflegekind und die Auseinandersetzungen mit ihm haben letztlich auch Stärke in die Familie gebracht.

Mit der Hochzeit morgen geben Astrid Koch und Christian Ilisch ihrer Familie nun noch ein zweites Band, das vor allem dem Paar Sicherheit gibt, das Familienmobile immer wieder entwirren zu können, falls sich mal wieder im Wind des Familienalltags verheddert.