Jugend

Meine Mutter, das Toastbrot

Für die Ausstellung "Weltgeschichte im Klassenformat" zeichneten Neuköllner Schüler ganz persönliche Comics. Dabei lernten sie viel über sich selbst

Foto: Buddy Bartelsen

Ein Strichmännchen mit dickem Bauch sitzt auf einem Gabelstapler und transportiert Kisten von einem Ort zum anderen. "Seine Arbeit war sehr anstrengend", steht daneben. "Er musste Kartons verladen, von morgens bis abends, wofür er wenig Lohn bekam. Trotzdem war es genug, um davon zu leben." Das Bild ist Teil eines Comics, den die 15-jährige Jasmin Valy gezeichnet hat.Das Strichmännchen auf dem Gabelstapler ist ihr Vater. Jasmin aus Neukölln stellt in den Bildern ihre Familiengeschichte vor. Ihre Zeichnungen und die von rund 25 anderen Neuköllner Schülerinnen und Schülern bilden die Ausstellung "Weltgeschichte im Klasse(n)format", die derzeit im Museum Neukölln zu sehen ist.

Wissenslücken füllen

"Ich habe mich für simple Figuren entschieden, damit ich möglichst schnell fertig werde", sagt Jasmin. Mit einfachen Zeichnungen und wenigen Sätzen erklärt sie in ihrem Comic, dass ihr Vater nach dem frühen Tod seines Vaters schnell erwachsen werden musste. Jung fing er an zu arbeiten. Da es in Mosambik nicht genug Arbeit gab, entschied er sich nach Deutschland auszuwandern. In Berlin angekommen, musste er für wenig Geld hart schuften. Er fand schnell Freunde und lernte eine Frau kennen, die er heiratete und mit der er drei Kinder bekam. Damit endet Jasmins Comic.

Als das Mädchen aus der 9. Klasse der Albert-Einstein-Oberschule damit beginnen wollte, die Vergangenheit ihrer Familie darzustellen, stellte sie fest, dass sie große Wissenslücken hatte. "Ich wusste vorher gar nichts über die Geschichte meiner Großeltern und musste bei allem nachfragen", so die Schülerin. Doch ihre Mutter gab bereitwillig Auskunft. Keiner in der Familie empfand Scheu davor, dass die Familiengeschichte danach für alle Welt zu sehen sein sollte.

Vor dem Problem, nur wenig zu wissen, stand der 18-jährige Yannick nicht. Er malte einen Comic über seinen Großvater. "Er erzählt bei Familienfeiern und an Weihnachten ohnehin immer viel von früher ", sagt Yannick. Eigens befragen musste er ihn deshalb nicht. Den Schüler fasziniert, wie viel sein Opa in seinem Leben erlebt hat. "Er ist Halbjude und musste sich während der Nazi-Zeit verstecken. Später war er Bäcker und hat Mehl durch das geteilte Berlin geschmuggelt", erzählt der junge Neuköllner. Sein Opa, sagt Yannick, hat sich schon lange vorgenommen, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Also würde er es bestimmt gut finden, dass auf diese Weise "wenigstens einige seiner Geschichten erzählt werden", so Yannick. Doch dies kann der Schüler nur vermuten, denn bislang konnte er seinem Großvater die Comics noch nicht zeigen.

Die 16-jährige Lisa Voß hat ihren Comic "Traveltoast" genannt. Ihre Mutter tritt in ihrer Geschichte als Toastbrot auf, der Vater als Schoko-Muffin. "Das Interessanteste war, wie sie sich getrennt haben und wie unterschiedlich sie jetzt leben", erklärt Lisa rückblickend. Sie widmet sich in ihrer Familiengeschichte ausschließlich der Beziehung ihrer Eltern. Auf einem Bild hat sie einen Streit zwischen den beiden gemalt. Am Rand steht: "Als ich fünf war, wollten wir alle nach Afrika auswandern. Nach einem Jahr wurde es meiner Mutter zu blöd und sie flog allein mit uns zurück nach Berlin." In dem nebenstehenden Comicstreifen sagt das Toastbrot zum Muffin: "Schatz, ich will nicht mehr!" Der Muffin antwortet: "Was kann ich dafür, dass unser Auto geklaut ist." Auf dem nächsten Bild ist ein Flugzeug zu sehen, aus dem eine Sprechblase kommt: "Und Tschüss!" Der Muffin unten am Boden schreit "Nein!"

Lisa habe am Anfang gesagt, sie habe gar keine Geschichte, erzählt Anna Faroqui. Die Künstlerin hat die Neuköllner Schüler zusammen mit ihrem Mann Haim Peretz betreut. "Lisa hat sich fürchterlich an etwas abgearbeitet", beobachtete die 42-Jährige. "Zunächst hat sie nur Texte geschrieben, nach und nach hat sie dafür auch Bilder gefunden." Faroqui ist stolz auf Lisas Leistung: "Das war eine große Arbeit für sie."

So wie Lisa sich in ihrem Comic mit der Trennung ihrer Eltern beschäftigt, setzen sich auch viele andere mit schwierigen Familienthemen auseinander. Auffällig sei gewesen, dass bei den älteren Schülern zu Beginn viel stärkere Vorbehalte geherrscht hätten als bei den jüngeren. "Bei den Schülern aus der 11. Klasse galt es zunächst als uncool, über die eigene Familie zu sprechen. Erst als die ersten von ihnen sehr gute Entwürfe zeichneten, verloren auch die anderen die Scham. In der 9. Klasse ging das viel schneller", erinnert sich Anna Faroqui. "Für viele Schüler war das Projekt letztlich eine Befreiung", resümiert die Künstlerin, die selbst im vergangenen Jahr einen Comic veröffentlicht hat. In "Weltreiche erblühten und fielen" lässt sie die 650 Jahre währende Geschichte Neuköllns Revue passieren.

Das Projekt als Befreiung

Die Künstlerin rannte mit ihrem Comic-Projekt beim Leiter des Museums Neukölln offene Türen ein. Udo Gösswald, der das Museum seit 1985 leitet, sagte sofort zu, die Geschichten in einer Ausstellung zu zeigen. "Mit den Comics hat man eine Ausdrucksform gefunden, von der die Kinder vorgeprägt sind, weil sie Comics lesen", so der 56-Jährige. "Außerdem können die Schüler mit ihnen sowohl negative als auch positive Erlebnisse emotional zum Ausdruck bringen." Drittens passe die Ausstellung exzellent in das Konzept seines Hauses, das viel Wert lege auf Museumsarbeit, "in der den subjektiven Aspekten sehr viel Raum gegeben wird." Noch für dieses Jahr ist eine Ausstellung geplant, in der Alltagsgegenstände von Neuköllner Bürgern vorgestellt werden sollen - und die persönlichen Geschichten, die sich hinter den Dingen verbergen.

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