Kinder

Ein Kuss für Papa

| Lesedauer: 8 Minuten
Elmar Krekeler

Foto: Silke Brix/JUMBO Verlag

Unser Autor verzweifelte fast, weil sein Sohn nur noch Mama wollte. Doch er hielt durch

Wann genau es losging, weiß ich nicht mehr. So früh jedenfalls, das weiß ich noch, hatte ich nicht damit gerechnet. So mit Fünfzehn vielleicht. Wenn er vor dem Spiegel steht, sich zum ersten Mal rasiert und, was er an diesem Morgen unterm Seifenschaum freilegt, ihm sehr bekannt vorkommt und sehr erschreckt - mein Gesicht nämlich. Den darauffolgenden Schrei, überhaupt die darauf folgende pubertär-ödipale Vaterhassphase, hatte ich eingeplant, die musste sein, die kannte ich.

Nicht geplant jedoch war jener Morgen, als ich mit einer Milchflasche morgens in sein Zimmer kam. Licht fiel durch die Tür in sein Bettchen. Er sah die Milch. Er sah mich. Und er schrie: "Hau ab!" Dass Mama ihm die Milch bringen sollte, schickte er noch im Kasernenhofton lauthals hinterher. "Nur Mama!"

Mein Sohn ist nicht fünfzehn, er hat keinen Bartwuchs und was es mit Ödipus und mit Mythologie, mit Freud und Psychoanalyse auf sich hat, davon hat er keine Ahnung. Jonathan ist nicht mal drei. Er liegt mit zwei Kuschelhunden, Esel, Püppi und drei Petzi-Büchern im Bett. Und er kann mich nicht leiden.

Er kann mich schon lange nicht leiden. Das war nicht immer so. Es hatte sich gesteigert. Über Monate. Auf dem Spielfeld seines Lebens hatte er mich trotz absolvierter Elternzeit immer stärker degradiert, vom Co-Spielführer auf die Ersatzbank, am Schluss hatte er mich ins Publikum verbannt.

Nichts durfte ich machen, nichts machte ich ihm recht. Waren wir allein miteinander, ging's mit uns halbwegs. Stieselig war er zwar. "Mama soll mich abholen", schallte mir des Nachmittags im Kindergarten entgegen. Aber ich durfte immerhin vorlesen, wenn wir allein zusammen waren, durfte ihn - unter Geschrei - wickeln. War Mama aber da, hätte ich bestenfalls auch in Timbuktu sein können, so ignorierte er mich. Schlimmstenfalls beschimpfte er mich, spielte virtuos mit den losen Enden meiner Nerven, brachte mich zur Weißglut. Und er muss sich gemerkt haben, womit ihm das am besten gelang, denn bald beherrschte er die Tricks, mit denen er mich wirklich und am besten ins Mark meines väterlichen Selbstverständnisses treffen konnte, mit einer staunenswerten Perfektion.

Nimm es nicht persönlich, gebetsmühlte ich mir vor. Der meint das doch gar nicht so. Er ist noch nicht mal drei. Er probiert sich aus. Er weiß noch nicht, wohin mit seinen Gefühlen, kann sie nur auf einen konzentrieren, und das bist halt nicht du, sondern die, von der er - so lange ist das ja noch nicht her - die Milch bekommen hat. Also nahm ich es nicht persönlich. War demütig, gleichmütig, selbstvergessen. Und hätte ihn, ich gesteh's, trotzdem manchmal schlagen können.

Es war zum Verzweifeln. Mit Pauline war das doch alles ganz anders gewesen damals. Da lief doch so ein Männerding ab. Und wo sollte es noch hinführen? Wir standen kurz davor, einen Sparplan aufzulegen, um den Therapeuten finanzieren zu können, zu dem wir beide, Vater und Sohn, unweigerlich noch vor der Schule hätten gehen müssen, wenn dieses Postsäuglingsödipussyndrom noch länger gedauert hätte. Das haben wir dann gelassen. Weil wir irgendwann feststellten, dass wir nicht allein sind. Kaum fingen wir nämlich an, unser Leid zu klagen, war es, wie es häufig ist, wenn man etwas gesteht, das einem ziemlich peinlich ist. Anderen ging es nämlich ganz genauso, und denen war es auch peinlich. So ziemlich jedem Jungsvater in unserer Umgebung. Und davon gibt es viele. Leicht und schnell hätten wir eine ziemlich umfangreiche Selbsthilfegruppe ödipal versehrter Väter gründen können. Täglich kamen mehr dazu. Und keiner wusste sich, außer mit Langmut, zu helfen. Weil einem da im Moment auch keiner helfen kann. Denn es gibt das Phänomen, aber es gibt keine Ratgeberliteratur. Merkwürdigerweise. Sonst gibt es zu jeder neuverlegten Nervenbahn von Zweijährigen, zu jedem Wissens- und Wachstumssprung irgendwelche Besserwisserbücher.

Immerhin ein Kinderbuch gibt es. "Ein Kuss von Papa Igel" heißt es. Und es handelt von einem Igelpapa, der seinem Sohn so richtig gar nichts recht machen kann, dem sein stacheliger Sohn jegliche Liebesbezeugung verweigert, weil er angeblich und tatsächlich kratzt, der Vater. Geht am Ende gut aus, das Drama.

Am Ende geht es meistens gut aus. Es ist tatsächlich eine Phase. Ich weiß es, weil unsere allmählich zu Ende geht. Sie beginnt - so war es jedenfalls bei den Ödipussen unserer Umgebung -, wenn die Junioren so um die zwei Jahre alt sind. Sie dauert höchst unterschiedlich lange. Unsere dauerte fast ein Jahr. Bei anderen hat es bald zwei Jahre gedauert, bis sich die Verhältnisse wieder normalisierten.

Wo sie herkommt, was sie auslöst, darüber spekulieren wir seit Monaten mit allen Mitgliedern unserer ambulanten Selbsthilfegruppe - alles engagierte, bewusste Väter, die sich Zeit nehmen für ihre Söhne, soviel sie eben haben. Vielleicht reicht die Zeit, die wir uns nehmen, gerade in dieser Phase nicht. Eine Stunde am Abend und eine am Morgen, ein Familienwochenende haben noch nie gereicht, den Papa-Mama-Gefühlshaushalt im Ödipussel in eine Balance zu bringen. Jetzt kommt vielleicht erstmals tatsächlich Eifersucht ins Spiel, der Versuch, einen männlichen Nebenbuhler ums Herz von Mama auszustechen.

Zu Fatalismus besteht allerdings kein Grund. Präpubertäre Ödipussitis ist heilbar. Durch geschicktes Zeitmanagement und Langmut, Demut und Selbstvergessenheit. Ich glaube nämlich nicht an ein genetisches Programm, das da abläuft. Ich glaube an die Macht der Hartnäckigkeit - man darf einfach nicht aufgeben, man muss sich treten, beschimpfen, nass spritzen lassen auf dem Wickeltisch, man darf aber nicht aufgeben, klein beigeben, das Feld der Mama überlassen, den Triumph in seinen Augen immer wieder, wenn ich gedemütigt das Weite suchte, seh' ich heute noch aufblitzen. Vor allem glaube ich aber an die Macht von Ritualen, daran, dass Väter und Söhne (Väter und Töchter übrigens auch, es gibt auch Fälle von weiblicher Ödipussitis) sich Räume, Reservate schaffen müssen, die nur ihnen gehören, die sie verteidigen müssen.

Jonny und mich zum Beispiel hat das Schwimmen gerettet. Das haben wir uns anfangs geteilt. Mal ging Mama mit, mal ich. Jetzt haben wir ein Männerding daraus gemacht. Er taucht mit mir, springt in meine Arme, geht - der größte Liebesbeweis, weil er das mehr hasst als jemals das Vonmirgewickeltwerden - sogar mit mir duschen. Vertrauen hat er gelernt, haben wir gelernt. Inzwischen kuscheln wir miteinander, ohne dass auch ich ihm abends vorlese, schläft er nicht ein. Seine Familie hat sich erweitert. Ich gehöre dazu. Ich bin wieder auf dem Spielfeld.

Mama ist trotzdem Kapitän, Trainer und Vereinspräsident in einem, Mama kann alles besser. So ist es halt. Da muss man als Jungsvater sein Leben lang Langmut zeigen. Aber wer weiß. Bald wird ja Sommer. Und dann gehen wir Fußballspielen. Wir beiden Jungs.