Die Welt der Kunst - mit Kinderaugen betrachtet

"Kinder sehen oft mehr, als sie sprachlich ausdrücken können"

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Foto: Massimo Rodari

Bilder und Skulpturen lösen bei jedem etwas anderes aus. Tom Riens und Massimo Rodari sind mit Mädchen und Jungen vom „Atelier Bunter Jakob" in der Berlinischen Galerie auf Entdeckungstour gegangen. Beate Gorges ist die künstlerische Leiterin des Ateliers. Als Künstlerin und Kunsthistorikerin weiß sie genau, wie Kinder sich mit Kunst auseinandersetzen.

Berliner Morgenpost: Frau Gorges, können sich Kinder Kunst überhaupt erklären?

Beate Gorges: Da gibt es ein klares Ja und ein klares Nein. Kinder kennen sich gut mit Kunst aus, weil sie Werke auf ihr Leben beziehen. Das ist ein kreativer Vorgang. Kinder betrachten Kunst assoziativ. Auf dieser Ebene beobachten und werten sie sehr persönlich und treffend. Da gibt es einen schöpferischen Augenblick, in dem Kinder zur Kunst eine Beziehung stiften. Sie wählen aus, was ihnen gefällt und etwas sagt. Und sie sind ehrlich. Wir hören oft: "Das ist Krickel-Krakel" oder "Warum bezahlt ihr so viel dafür - das kann ich auch malen." So was trauen sich Erwachsene oft gar nicht mehr - oder erst wieder, wenn sie viel über Kunst wissen. Aber auf der Ebene der Assoziation sind Kinder die Experten.

Berliner Morgenpost: Und das Nein?

Beate Gorges: Wir können unsere Fähigkeit zu sehen und zu verstehen natürlich weiterentwickeln. Wenn Kinder viel Kunst erleben, schärft sich auch ihr Blick. Wir können fragen: "Wie hat der Künstler die Welt interpretiert?" Diese Frage und diese Sicht können Kindern erläutert werden. Denn das verbindet Kind und Künstler: Beide erobern sich eine Deutung der Welt. Beide versuchen die Phänomene des Lebens zu deuten. Wissen über Kunst ist eine der vielen Methoden, sich der Kunst zu nähern. Interessierte Kinder fragen nach wichtigen Informationen. Manchmal geben wir auch eine unterhaltsame Vorlage, um auf die eine oder andere Frage zu kommen.

Berliner Morgenpost: Ab welchem Alter können Eltern Kinder an bildende Kunst heranführen?

Beate Gorges: Kinder zwischen drei und sechs Jahren, manchmal auch ältere, haben ein magisches Denken, das der Welt der Bilder oft sehr nahekommt. Auf dieser Ebene gibt es oft kein Zu-früh. Bilder lösen hier ganz eigene Gefühlswelten und ein Mitfühlen aus. Tiere sind zum Beispiel gleichberechtigt mit Menschen. Ab fünf Jahren können Kinder in der Regel gut ausdrücken, was sie beim Betrachten erkennen und fühlen. Kinder sehen und verstehen oft mehr von einem Bild, als sie sprachlich ausdrücken können. Darum bieten wir über den Verein "Jugend im Museum" und das "Atelier Bunter Jakob" allen Kindern die Chance, ihre Kunsteindrücke noch einmal selbst kreativ im Atelier umsetzen.

Berliner Morgenpost: Wie können Eltern ihre Kinder dabei unterstützen?

Beate Gorges: Auch Eltern sollten ihren Kindern diesen Raum bieten, die Inspiration noch einmal auszuleben. Zusätzliches Wissen zu vermitteln ist auch gut. Aber das Wissen sollte die Inspiration in diesem Alter nicht zudecken. Die Frage nach dem Alter ist auch eine an die Museen. Ab welchem Alter können Museen etwas mit Kindern anfangen? Nicht alle sind auf Familienbesuch eingerichtet. Die Berlinische Galerie geht hier mit großen Schritten voran.

Berliner Morgenpost: Können Eltern von Kindern etwas zum Thema Kunst dazulernen?

Beate Gorges: Unbedingt. Es fördert den Kunstgenuss ungemein, sich von Kindern die Kunst und damit die Welt erklären zu lassen. Mich lüftet das durch. Kinder haben ganz andere Perspektiven und einen sehr klaren Blick. Sie vereinfachen, gehen dabei aber in die Tiefe und kommen zum Wesentlichen. Kunst bearbeitet ja existenzielle Fragen zum Beispiel nach Gewalt oder Konflikten. Wo wir Gemälde mit Gedanken und Vorstellungen überfrachten, finden Kinder etwas Erfrischendes oder Komisches. Da kommen elementare Fragen: "Ist das böse?" oder "Warum ist der Mann nackt? Dürft ihr so was zeigen?" oder auch mitfühlend: "Kann der nicht besser malen?"

Berliner Morgenpost: Überfordert man Kinder mit moderner Kunst nicht?

Beate Gorges: Nein. Die Kunst gehört zum Leben. Die moderne Kunst hat sehr dynamische und spannende Formen hervorgebracht, die Kinder anziehen. Die zeitgenössische Kunst beschäftigt sich mit Themen von heute. Kinder leben in dieser Gegenwart. Sie werden die Zukunft gestalten. Darum ist zeitgenössische Kunst, mit ihren modernen Medien, nicht nur sehr interessant, sondern auch gewinnbringend für Kinder und ihr Weltverständnis. Aber Vorsicht - welche Kunst wie und auf wen wirkt, ist letztendlich nicht berechenbar. Man sollte Kinder aussuchen lassen, was man sich gemeinsam anschaut. Mit Kindern über Kunst zu reden, ist ein Prozess. Sie dürfen selbst das Tempo und das Maß in einer Ausstellung bestimmen können.

( Interview: Tom Riens )