Sexualität und Erotik

Was Frauen wollen

| Lesedauer: 9 Minuten
Antje Hildebrandt

Foto: Gabriele Bärtels/promo

Sophie Andresky ist Deutschlands erfolgreichste Sex-Autorin. Sie schreibt für ein weibliches Publikum

Zur Erotik hat sie ein Verhältnis, wie es Chirurgen zu einem komplizierten Knochenbruch pflegen. Ihre Freunde denken sich jedenfalls nichts mehr dabei, wenn sie Anrufer mit dem Hinweis vertröstet, jetzt passe es gerade nicht so gut: Sie müsse noch schnell "einen Dreier auf der Waschmaschine fertigmachen". So viel Disziplin muss sein - auch beim Sex. Sophie Andresky hätte es schließlich nicht zu Deutschlands erfolgreichster Porno-Autorin gebracht, wenn sie die schönste Nebensache der Welt nicht mit einer Routine verarzten würde, die man wohl professionell nennen muss.

Die Autorin erzählt die Geschichte von dem flotten Dreier auf der Waschmaschine in normaler Zimmerlautstärke, linst aber aus dem Augenwinkel zum Nachbartisch, um sich zu vergewissern, dass niemand mithört. Dabei, versichert sie, sei dieser Ort genau der richtige, um mit ihr über ihre Arbeit zu sprechen. Über weibliche Lust und darüber, wie man sie beschreibt, ohne den Lesern die Illusion zu rauben, es ginge dabei um mehr als um den bloßen Austausch von Körperflüssigkeiten.

Lust und Illusionen

Als Treffpunkt hat sie ein Café in Kreuzberg vorgeschlagen. Es ist ein Ort, so hellhörig wie ein S-Bahn-Wartesaal. Aber im Frühstücksraum nebenan, dort, wo am frühen Mittag noch eine letzte Weintraube auf der geplünderten Käseplatte ausharrt, ist man beinahe unter sich. "Das Personal ist diskret", sagt Sophie Andresky und nickt der Kellnerin zu. Und wenn diese sich bei ihrem letzten Besuch doch beim Anblick des riesigen Dildos erschrocken haben sollte, den ein Hersteller von Sex Toys mitten im Gespräch plötzlich demonstrativ auf den Tisch "gepümpelt" habe, dann lässt sie sich wenigstens nichts anmerken.

Sophie Andresky lacht laut auf - nicht das erste Mal während dieses Gesprächs. Keine Frage: Diese Frau liebt ihr Leben und das, womit sie ihr Geld verdient. Auch wenn sie die Frage nach ihrem Beruf in der Regel mit den Worten beantwortet, sie arbeite als freie Journalistin.

Die Offenheit, sie hört eben da auf, wo die eigene Privatsphäre anfängt. Sophie Andresky sagt, sie hätte jedenfalls keine Lust, schon frühmorgens beim Bäcker nach ihrem Lieblingsvibrator gefragt zu werden. Keine abwegige Sorge: Es sind überwiegend Männer, die ihr schreiben. Sie sagt, einige würden sogar ein Foto von ihrem erigierten Penis in den Umschlag stecken.

Die rechte Augenbraue schnellt in die Höhe. Es ist ein brenzliges Thema. Als Porno-Autorin muss sie fürchten, selbst als Zielscheibe für die sexuellen Fantasien ihrer Leser herhalten zu müssen. Wahrscheinlich liegt es in der Natur der Sache, dass sie diesen Gedanken verdrängt. Nein, sagt Sophie Andresky, davor fürchte sie sich nicht. Eher habe sie Angst, dass sie den Erwartungen der Leser nicht entspreche. "Ich bin viel langweiliger als die Frauen in den Büchern."

Es gibt wohl kaum Menschen, die ihr für diese Diskretion dankbarer ist als ihre Eltern. Sie sagt, ihr Vater habe in dem Moment aufgehört, erotische Romane zu lesen, als sie selbst damit begonnen habe, ihre Fantasien zu Papier zu bringen. Und nein, sie möchte sich auch lieber nicht den Gesichtsausdruck ihrer Mutter vorstellen, sollte sie vielleicht eines Tages in einer TV-Talkshow aufschlagen, um Moderatoren mit schütteren Haaren, aber mit hohem Testosteronspiegel zu erklären, warum man einen Cunninlingus leichter beschreiben kann als Gruppensex mit mehr als drei Personen. Da nämlich könne es passieren, dass ihr der Lektor an den Rand schreibe: "Diese Körperöffnung ist schon besetzt! "

Sie sagt, ihre Eltern lebten in einer Kleinstadt, wo jeder jeden kenne. Wo ihnen ein Spießrutenlauf drohte, wenn herauskäme, dass sie, die Kunstgeschichte studiert hat, gar nicht daran denkt, den Weg einzuschlagen, mit dem sich auch ihre Mutter arrangieren könnte. "Kind, ich wünschte, Du würdest Arztromane schreiben."

Sie schmunzelt. Sophie Andresky ist nicht ihr richtiger Name. Den Nachnamen hat sie sich aus dem Film "Sissi - die junge Kaiserin" geborgt, von dem schmucken Grafen Andrassy. Hinter diesem Pseudonym versteckt sich eine große Enddreißigerin in Jeans und schwarzem Shirt mit Puffärmeln. Dunkle Haare wellen sich um ein schmales Gesicht, Lachfältchen säumen ein Paar Augen, die so dunkel sind wie Berlins Speckgürtel bei Nacht. Sie wird nicht müde zu betonen, dass sie im Grunde ihres Herzens Romantikerin sei. Es klingt, als fühle sie sich genötigt, sich für ihre sexuellen Fantasien zu entschuldigen.

Wie ihr Verlag schon vorab klargestellt hat, lässt sie sich nicht fotografieren. Stattdessen schickt die Presseabteilung ein PR-Foto. Es zeigt die untere Hälfte eines weiblichen Gesichts, das unter einem schwarzen Hut hervorlugt. Man sieht nur einen halb geöffneten Mund. Er gehört einer Frau, die lacht. Sie ist zwar nicht die Frau auf dem Foto, aber das Bild spiegelt ihr Selbstverständnis. Schreiben, das bedeutet für sie: die eigene Schamgrenze ausloten und neue Rollen auszuprobieren, als Verführerin, als Domina oder als Teilnehmerin an einem flotten Vierer.

In ihrem bislang erfolgreichsten Bestseller mit dem bezeichnenden Titel "Vögelfrei" hat sie dieses Spiel auf die Spitze getrieben: Eine Frau, die von ihrem Mann betrogen wurde, nimmt sich das Recht heraus, ein Jahr lang ins Bett zu gehen, mit wem sie will. Das klingt nach einem Alibi, um alle Spielarten des Sex durchzudeklinieren. Und tatsächlich lesen sich manche Dialoge, als hätte sie ein Mann getextet. Derb sind sie und direkt. Doch in die Abteilung Hardcore Porno passt ihr Kopfkino trotzdem nicht hinein. Ihre Männer tüten ihr bestes Stück ohne Widerstände ein. Sie wissen in der Regel, was die Klitoris ist und wo man sie findet.

Sie sagt, das unterscheide ihre Bücher eben von Pornofilmen. "Da sieht man eigentlich immer dasselbe. Zum Beispiel Mädels, die stöhnen, wenn sie Vibratoren ablecken. Das hat einfach gar nichts mit Sex zu tun."

Der Rest bleibt ihr Geheimnis

Was sie selbst erlebt hat und was frei erfunden ist, bleibt ihr Geheimnis - auch in dem Interview. Immerhin lässt sie sich das Geständnis entlocken, dass sie Bett und Schrank seit Jahren mit ein und demselben Mann teilt. Und dass sie ihm jedes ihrer Manuskripte zum Gegenlesen vorlegt: "Er soll die männliche Perspektive überprüfen."

Auch Fragen zu ihrer Herkunft beantwortet sie nur so vage, dass sich aus dem Nebel der Vergangenheit die Konturen einer Beamtentochter herausschälen, die von sich selbst sagt: "Ich war eine Spätzünderin." Immerhin will sie mit sechzehn Jahren entdeckt haben, dass sie Bücher anmachen, die da anfingen, wo ihre Mutter mit der Aufklärung stehengeblieben war. Es waren Henry Miller oder Charles Bukowski, die in sie in einen Kosmos entführten, der von dauerscharfen Frauen und Männern mit riesenhaften Penissen bevölkert wurde.

Sie sagt, das habe sie gestört. Darsteller, die auf ihre primären Geschlechtsorgane reduziert wurden. Und schlimmer noch: die völlige Abwesenheit von Humor. So kam sie auf die Idee, Sex so zu beschreiben, wie sie ihn sich in ihren Träumen ausmalte. Mit Frauen oder Männern, die alles taten, damit die weiblichen Hauptfiguren auf ihre Kosten kamen. "Im Grunde genommen war es ein masturbatorischer Akt", resümiert sie, während sie sich diskret den Cappuccino-Schaum von den Lippen leckt.

Mit zwanzig Jahren, so will es die Legende, will sie ihre Manuskripte an das Männer-Magazin Penthouse und den Taschenbuch-Verlag Bastei Lübbe verschickt haben - mit durchschlagendem Erfolg. Schon eine Woche später sollen ihr beide Adressaten Angebote geschickt haben.

Inzwischen geht die Auflage ihrer Kolumnen, Kurzgeschichten und Bücher in die Hunderttausende. Ihr erstes Buch wird gerade vom ZDF verfilmt. Es entbehrt nicht der Ironie, dass es hundertprozentig jugendfrei ist. Es heißt"Weihnachtsengel küsst man nicht".

Sophie Andresky: Fuck your Friends. Roman. Heyne Verlag, 14,99 Euro