Bildung

Wenn Maschinen zu Vögeln werden

Eine Schmargendorfer Schulte teilt im Roboterunterricht Mädchen und Jungen in verschiedene Gruppen auf. Ihre Bedürfnisse sind zu unterschiedlich

Foto: Marion Hunger

Die Feder will einfach nicht richtig sitzen, aber die Mädchen lassen nicht locker. "Schließlich soll der Roboter ja nicht grau und wie eine Maschine aussehen", erklärt die zehnjährige Elisabeth. Passend zum gelb beklebten Korpus braucht der Roboter eine angemessene Kopf-Deko, finden die Fünfklässlerinnen der Carl-Orff-Grundschule. Die Jungen der Klasse wollen dagegen gerade das Roboterhafte betonen. Ihr Roboter soll aussehen wie die Disney-Figur "Wall-E".

In diesem Schuljahr gibt es an der Carl-Orff-Grundschule erstmals Roboterunterricht. Nach Geschlechtern getrennt lernen die Kinder, aus einem Grundmodell von Lego einen Roboter zu bauen und zu programmieren. Im ersten Halbjahr waren die Mädchen dran, jetzt die Jungen. Für Lehrer Thorsten Messer ist es erstaunlich, wie unterschiedlich Mädchen und Jungen mit den kleinen computergesteuerten Maschinen umgehen. "Es gibt verschiedene Sensoren, und die Jungen wollen am liebsten gleich alle dranbauen - sofort", erzählt er. Auch ein Arm dürfe am Roboter nicht fehlen - "zum Fußballspielen". Die Mädchen dagegen gestalteten ihre Roboter gern als Tiere oder Puppen und personalisierten sie. So stellten sie einen Bezug zwischen dem Roboter und ihrer persönlichen Umwelt her.

Interesse für Technik wecken

Zwölf Robotermodelle inklusive Baukästen und Anleitungen für je etwa 300 Euro hat die Schmargendorfer Schule angeschafft - gesponsert vom Bezirk und dem Förderverein der Schule. Der Roboterunterricht orientiert sich an dem vom Fraunhofer-Institut entwickelten Roberta-Konzept, dessen Idee ursprünglich war, bei Mädchen mehr Interesse für Technik zu wecken und sie verstärkt für Ingenieur- und naturwissenschaftlich-technische Berufe zu gewinnen. Doch heute richten sich die Roberta-Kurse in den Schulen an Mädchen und Jungen gleichermaßen. In Berlin haben nach Angaben des Senats inzwischen etwa 50 Schulen am Roberta-Projekt teilgenommen.

Die Carl-Orff-Grundschule setzt das Roboterprojekt als Teil des naturwissenschaftlichen Unterrichts (Nawi) in den fünften Klassen um. Für die Kinder ist es der Höhepunkt der Woche. Schließlich läuft der Unterricht ganz anders ab als die sonstigen Stunden. Thorsten Messer und die elf Jungen stellen sich erst einmal vor dem Klassenzimmer im Kreis auf, um den kleinen Lego-Roboter herum. Der Lehrer erklärt das Ziel der Unterrichtsstunde: Der Roboter soll so ausgestattet werden, dass er Hindernisse erkennen und ihnen ausweichen kann. Er soll sich durch ein Labyrinth von Büchern bewegen ohne anzuecken. Messer berät mit den Jungen, wie dieses Ziel erreicht werden könnte. Alle Schüler beteiligen sich mit Ideen.

In Dreier-Gruppen setzen sich die Jungen dann mit ihrem Roboter, ihrem Laptop und dem Baukasten zusammen und programmieren und probieren aus. Im Raum herrscht konzentrierte Stille, nur unterbrochen von gelegentlichen Rufen nach Thorsten Messer, der immer mal wieder Ratschläge und Hilfestellung geben muss. Die meisten Jungen spielen zu Hause zwar mit Lego und auch gern mal am Computer, aber einen Roboter hat vorher noch keiner zum Laufen gebracht. Leon merkt man die Erfahrung mit den Lego-Teilchen an, wenn er mit professionellem Griff dem Roboter einen Sensor verpasst. Und auch Lukas ist ganz bei der Sache: "Da kann man selbst etwas tun, muss nicht nur zuhören."

Der Unterricht soll aber nicht nur den Spaß an der Technik fördern. Thorsten Messer versucht, den Kindern auch Sozialkompetenzen zu vermitteln: "Sie übernehmen Verantwortung, lernen selbstständig zu arbeiten und trainieren ihre Teamfähigkeit", erklärt der Lehrer. Jede Gruppe muss sich um ihren eigenen Roboter kümmern und im Baukasten Ordnung halten. Zudem müssen sich die Kinder immer wieder neu einigen, wer programmiert und wer baut. "Das klappt bei den Jungen nicht immer", hat Messer festgestellt, da käme es schon mal zum Streit. Die Mädchen hätten hier im vergangenen Halbjahr viel schneller und konstruktiver Lösungen finden können. Deshalb findet es Messer auch so schade, dass immer noch so viele Mädchen um naturwissenschaftliche und technische Themen einen Bogen machen: "Gerade hier werden doch weibliche Fähigkeiten abgefragt wie Teamfähigkeit, Kreativität, Talent zur Konfliktlösung."

Die Scheu überwinden

Festgestellt hat der Nawi-Lehrer aber auch, dass die Mädchen oft eine gewisse Angst überwinden müssen, wenn sie sich mit Technik beschäftigen. Sie seien zunächst vorsichtiger, arbeiteten dann aber oft strukturierter als die Jungen. Daher befürwortet Messer auch, dass die Kinder im Roboterunterricht nach Geschlechtern getrennt werden. Überhaupt würde er sich wünschen, dass phasenweise auch in anderen Fächern Mädchen und Jungen getrennt würden. "Dann könnte man den verschiedenen Bedürfnissen besser gerecht werden." Einer generellen Trennung steht er jedoch skeptisch gegenüber: Schließlich würden die Mädchen und Jungen auch viel voneinander profitieren.

Im Schulgesetz ist die Koedukation, also der gemeinsame Unterricht, fest verankert. In der Bemühung um Gleichberechtigung wurde sie in den 50er- und 60er-Jahren hart erkämpft. Danach galt die Geschlechtertrennung lange Zeit als reaktionär. Doch inzwischen erlebt sie eine Renaissance - zumindest in einzelnen Bereichen. Im Berliner Schulgesetz heißt es: "Sofern es pädagogisch sinnvoll ist und einer zielgerichteten Förderung dient, können Schüler zeitweise nach Geschlechtern getrennt unterrichtet werden." Vor allem im Fach Sport werden Mädchen und Jungen in den Sekundarstufen I und II getrennt, teilweise auch in den naturwissenschaftlichen Fächern. Dies liegt in der Eigenverantwortung der Schulen.

Surya, Hubert und Lukas probieren unterdessen auf den Schulflur aus, wie gut ihre Programmierung funktioniert. Gespannt beobachten die drei Jungen, wie ihr Roboter auf die Wand zuläuft. Er läuft und läuft und läuft - hält plötzlich inne, dreht sich um 45 Grad und läuft dann weiter. Begeistert reißt Lukas die Arme in die Luft und stürmt auf Thorsten Messer zu: "Es klappt!" Auch der Lehrer schaut nun gespannt auf die kleine Maschine und freut sich mit den Jungen. Roboterunterricht - das ist eben auch für ihn oft genug ein Erfolgserlebnis. Besonders, wenn er am Ende der Doppelstunde, die für die Kinder wieder einmal viel zu schnell vergangen ist, von Leon gefragt wird: "Herr Messer, können wir nicht immer Roboterunterricht haben?"