Interview

Geborgenheit durch Rituale

Kinder brauchen Halt und Orientierung. Feste Abläufe schaffen diesen Rahmen - und erleichtern Familien zugleich den Alltag

Foto: Stiftung Lesen

Jede Familie hat ihre eigenen Rituale. Wenn Leonie (4) abends ins Bett geht, besteht sie auf einer Gute-Nacht-Geschichte. Mama freut sich die ganze Woche auf das gemeinsame Sonntagsfrühstück und für Papa ist der Ostseeurlaub feste Familientradition. Wie man Rituale einführt und warum sie so wichtig sind, erklärt Nicole Bittner im Gespräch mit Beatrix Fricke. Die 37-jährige Diplom-Pädagogin arbeitet als Dozentin und ist selbst Mutter von drei Kindern.

Berliner Morgenpost: "Familienritual" - das klingt gut. Aber was ist das genau?

Nicole Bittner: Rituale sind Verhaltensweisen mit festem Ablauf, die sich immer wiederholen. Es gibt Rituale, denen die ganze Gesellschaft folgt und aus denen sich Regeln oder sogar Gesetze entwickelt haben. So ist es in Deutschland üblich, sich per Handschlag zu begrüßen, Ostern mit der Ostereiersuche zu feiern und Kinder gewaltfrei zu erziehen. Und dann gibt es noch die ganz speziellen Rituale, die nur von der Familie oder einzelnen Familienmitgliedern zelebriert werden.

Berliner Morgenpost: Zum Beispiel?

Nicole Bittner: Da wird der Tisch auf eine ganz bestimmte Weise gedeckt oder der Geburtstag mit der immergleichen Schokotorte gefeiert. Solche Gewohnheiten vermitteln Geborgenheit und ermöglichen Vorfreude.

Berliner Morgenpost: Warum sind Rituale so wichtig, gerade für Kinder?

Nicole Bittner: Rituale verschönern Feiertage wie auch den Alltag - und erleichtern ihn. Über ritualisiertes Verhalten muss man nicht mehr nachdenken. Das gibt Sicherheit und Orientierung, die Kinder dringend brauchen. Schließlich strömt jeden Tag sehr viel Neues auf sie ein. Außerdem geben ordnende Prinzipien Kindern die Möglichkeit, selbstständig zu sein. Wenn jeder Morgen nach dem gleichen Schema abläuft mit Frühstücken, Zähneputzen, Anziehen, dann ist alles vorhersehbar und sie können die Aufgaben allein bewältigen. Das macht selbstbewusst.

Berliner Morgenpost: Solche Rituale gehören allerdings nicht gerade zu den beliebtesten...

Nicole Bittner: Man sollte den Kindern den Sinn der Sauberkeitsrituale natürlich erklären und sie mit ihnen einüben. Das gleiche gilt für Höflichkeitsrituale, über die Werte vermittelt werden, wie "Danke" und "Bitte" sagen. Eltern sollten sich ganz genau überlegen, welche Rituale ihnen wichtig sind und ob sie alltagstauglich sind.

Berliner Morgenpost: Können Sie das am Beispiel erklären?

Nicole Bittner: Dem Kind jeden Abend eine Stunde lang vorzulesen, ist eine schöne Idee. Das schafft Nähe und entspannt. Aber es ist fraglich, ob man das durchhalten kann. Sinnvoller ist es, von Anfang an eine Zeit zu wählen, die man langfristig einhalten kann, also vielleicht zehn bis 15 Minuten.

Berliner Morgenpost: Lassen sich heutzutage Rituale überhaupt aufrecht erhalten? Das gemeinsame Abendessen ist doch längst den flexiblen Arbeitszeiten zum Opfer gefallen.

Nicole Bittner: Vieles ist eine Frage des Wollens. Wenn das gemeinsame Essen unter der Woche nicht funktioniert, kann man es doch am Wochenende nachholen.

Berliner Morgenpost: Welche Rituale sind unverzichtbar?

Nicole Bittner: Das ist individuell. Was dem einen sein Kaffee und seine Zeitung am Morgen ist, ist dem anderen sein Glas Wein oder die Tagesschau am Abend. Das gleiche gilt für Kinder und das Familienleben. Viele Rituale sind altersabhängig. Oft wird ein Ritual schleichend durch ein anderes ersetzt. Der Nuckel in der Nacht ist plötzlich nicht mehr wichtig, sondern das Kuscheltier, dann das Vorlesen von Papa, dann die Kassette. Die Bedürfnisse ändern sich - von Eltern wie von Kindern.

Berliner Morgenpost: Wie stellt man fest, ob ein Kind einem Ritual entwachsen ist?

Nicole Bittner: Wenn ein Ritual eine Handlung nicht mehr vereinfacht, sondern kompliziert, wird es Zeit darüber nachzudenken. Vielleicht gibt es auch nur eine Hemmschwelle, etwa beim Familiensport: Erst wird genörgelt und dann macht es doch allen Spaß. Das muss man beobachten.

Berliner Morgenpost: Sollte man Rituale der Familie durchsetzen, auch wenn sie ungeliebt sind?

Nicole Bittner: Ich würde durchaus die Kinder mitdenken und mitentscheiden lassen. Denn wenn man etwas aufzwingt, funktioniert es nur selten. Eins möchte ich aber noch betonen: Es ist ganz wichtig, Strafen nicht zu ritualisieren. Strafen sollen logische Konsequenzen aus der Situation sein, daher kann man sie gar nicht vorherbestimmen.

Berliner Morgenpost: Was ist, wenn Kinder Rituale geradezu zwanghaft einfordern oder sich selbst zwanghaft Rituale schaffen?

Nicole Bittner: Wenn das Kind nach der Gute-Nacht-Geschichte noch was trinken muss und dann auf die Toilette und und und, kann sich das schnell ritualisieren. Dem sollte man also besser Einhalt gebieten, aber zugleich hinterfragen, warum das Kind diese Handlungen einfordert. Vielleicht kann es nur schwer zur Ruhe kommen, weil es etwas belastet. Vielleicht hat es gerade ein besonders großes Bedürfnis nach der Nähe der Eltern.

Berliner Morgenpost: Und dann?

Nicole Bittner: Wer sich Sorgen macht, kann sich zunächst mit anderen Eltern über deren Erfahrungen austauschen. Wer den Eindruck hat, dass das Ritual nicht einer bestimmten vorübergehenden Entwicklungsphase entspringt, sondern zu einer Zwangshandlung mit dahinterliegenden tiefsitzenden Ängsten geworden ist, sollte sich dem Kinderarzt anvertrauen oder einer Erziehungsberatungsstelle.

Berliner Morgenpost: Sollte jede Familie eigene Rituale schaffen?

Nicole Bittner: Ich finde das gut. Meist ergeben sie sich auch einfach von selbst. Man denke zum Beispiel an Fantasiewörter oder an das Spenden von Trost etwa durch ein bestimmtes Lied. Aber es gibt auch welche, die man bewusst einführen kann, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Berliner Morgenpost: Was genau meinen Sie denn damit?

Nicole Bittner: Wer die Mithilfe im Haushalt ritualisiert, fördert Selbstständigkeit und Verantwortungsgefühl der Kinder und profitiert von ihrem Engagement. Auch außergewöhnliche Ereignisse, die mit Angst oder Trauer verbunden sind, lassen sich durch Rituale besser bewältigen. Zwei Beispiele: Die Schultüte markiert den vielleicht angstbesetzten Übergang zwischen Kita und Schule, der Besuch auf dem Friedhof macht den Tod von Opa begreiflich und schafft Raum für Fragen.

Berliner Morgenpost: Und was geben Rituale mit Kindern den Eltern?

Nicole Bittner: Rituale schweißen Familien zusammen und schaffen gemeinsame Erinnerungen, die noch Jahre später positive Gefühle erzeugen können. Das ist ein riesiges Geschenk für alle Seiten. Dazu helfen sie, den Alltag zu strukturieren, was den Eltern Ruheoasen verschaffen kann. Und wer sagt, dass die immergleichen Rituale langweilig sind? Auch wenn es sonntags immer wieder in denselben Park geht: Mit fortschreitendem Alter der Kinder wird es immer Neues zu entdecken geben.