Interview

"Eltern brauchen mehr Dienstleistungen"

Flexiblere Lösungen bei der Kinderbetreuung und bei der Arbeitszeit könnten Familien entlasten

Was will der Staat, was brauchen Familien? Ein Gespräch mit der Dresdner Politikwissenschaftlerin Regine Roemheld (71) über Familienpolitik. Die emeritierte Professorin beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Thema.

Berliner Morgenpost: Frau Roemheld, warum ist die Kinderbetreuung in Deutschland eine Dauerbaustelle?

Regine Roemheld: Das hat mit dem deutschen Familienbild zu tun. Und mit dem Artikel 6 des Grundgesetzes, wonach die Familien - und nicht der Staat - primär für die Kinder zuständig sind. Das hatte man nach 1945 so festgeschrieben, weil in der Nazizeit die staatlichen Einflüsse massiv waren. Und auch die Kirchen haben nach 1945 in Westdeutschland stark mitgeredet. Und die haben ein Interesse daran, dass die Eltern zuständig sind für die Erziehung, nicht die öffentliche Hand.

Berliner Morgenpost: Und das wirkt bis heute nach?

Regine Roemheld: In Westdeutschland schon. In Ostdeutschland hat man den Arbeitsmarkt dagegen nach dem schwedischen Vorbild geregelt. Man wollte eine Arbeitsgesellschaft begründen, in der auch alle Frauen mitarbeiten. Und dazu hat man die entsprechenden Betreuungsmöglichkeiten geschaffen.

Berliner Morgenpost: In der DDR gab es schon für sechs Wochen alte Säuglinge Rundumbetreuung, man konnte seine Kinder sogar in Wochenkrippen abgeben. Klingt nicht nach gemütlichem Familienleben.

Regine Roemheld: Natürlich gab es extreme Auswüchse. Und dass Kinder wochenweise von den Eltern getrennt waren, hat sich sicher negativ ausgewirkt. Aber insgesamt ist die sogenannte Erwerbsneigung der Frauen hier im Osten immer noch deutlich höher als im Westen. Dort predigte man seit der Adenauerzeit, dass die Kinder in die Familien gehören und nicht in eine öffentliche Betreuung.

Berliner Morgenpost: Mittlerweile setzt sich auch die CDU für den Ausbau der Betreuungsangebote ein. Ist das ein Zugeständnis an die Wünsche der Wählerinnen oder stecken noch andere Motive dahinter?

Regine Roemheld: Natürlich stecken auch bevölkerungspolitische Motive dahinter. Wenn ein Staat Frauen die Möglichkeit gibt, einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen, wirkt sich das positiv auf die Zahl der Geburten aus. In den europäischen Ländern, in denen Frauen durchgängig erwerbstätig sind oder nur kurz aussetzen, ist die Bereitschaft, Kinder zu bekommen, viel größer. Außerdem werden die Frauen als Fachkräfte dringend gebraucht.

Berliner Morgenpost: Das heißt, die berufstätige Mutter nutzt dem Staat gleich doppelt: weil sie mehr Kinder kriegt und das Bruttoinlandsprodukt steigert?

Regine Roemheld: Auf jeden Fall. Aber das Problem ist, dass man im Westen lange das Ernährermodell bevorzugt hat. Man wollte Frauen überhaupt nicht im Arbeitsmarkt haben. Dabei schafft die Erwerbstätigkeit für die Frauen auch Unabhängigkeit - abgesehen davon, dass eine berufstätige Frau höhere Rentenansprüche hat und damit seltener Armut im Alter droht. Trotz doppelter Einkommen ist die Kinderbetreuung für viele Familien ein hoher Kostenfaktor, zumal, wenn nachmittags Babysitter einspringen müssen.

Berliner Morgenpost: Was kann die Politik tun?

Regine Roemheld: Zum Beispiel für flexiblere Öffnungszeiten der Kitas sorgen. Wenn eine Frau Spätdienst hat oder im Einzelhandel arbeitet, dann hat sie ein Riesenproblem. Und wenn sie alleinerziehend ist, profitiert sie - im Gegensatz zu kinderlosen Ehepaaren - nicht mal vom Ehegattensplitting. In Frankreich richten sich die Steuervergünstigungen dagegen nach der Zahl der Kinder. In Deutschland wird zwar auch viel Geld für Familien ausgegeben, aber es ist ein ziemliches Durcheinander mit unklaren Wirkungen. Was wir brauchen, sind Dienstleistungen für Familien.

Berliner Morgenpost: Ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bis heute vor allem ein Problem der Mütter?

Regine Roemheld: Das ist in der Tat so. Das wird immer auf die Frauen abgeschoben. Auch in der DDR war es ja so, dass der Staat nicht ein Bündnis mit den Familien, sondern vor allem mit den Frauen geschlossen hat. Der Staat wollte den Müttern das Großziehen von Kindern erleichtern, zum Beispiel mit Hauswirtschaftstagen. Die Männer waren dagegen eigentlich nur zur Reproduktion vorgesehen und hatten ansonsten kaum Ansprüche oder Rechte. Das ging soweit, dass in der DDR bei Scheidungen Männer nie das Sorgerecht bekamen. Insgesamt liegt auch diesem Modell natürlich ein bestimmtes Frauenbild zugrunde.

Berliner Morgenpost: Noch mal zu den fehlenden Dienstleistungen heute: Damit beide Eltern gleichberechtigt Vollzeit arbeiten können, bräuchte man eigentlich einen flächendeckenden 24-Stunden-Hort. Aber ist das wirklich erstrebenswert?

Regine Roemheld: Nein. Eigentlich müssen wir über Arbeitszeiten reden. Dieses Problem hat die Wirtschaft überhaupt noch nicht zu ihrem Thema gemacht. Es ist ja inzwischen erwiesen, dass auch Väter nicht ewig lange in der Firma sein müssen, um gute Arbeit zu leisten. Da kann man vieles effektiver gestalten und damit auch familienfreundlicher. Und ich finde auch, dass Männer noch viel stärker in die Kinderbetreuung einbezogen werden müssen - als Väter und als Betreuer.