Sport

"Ich muss turnen, das ist mein Instinkt"

Die Eltern wünschen sich manchmal mehr Zeit mit ihrer Tochter. Aber für Tammy geht der Sport vor

Foto: Massimo Rodari

INebeneinander aufgereiht stehen unzählige Pokale im Foyer der Kunstturnerhalle. Zahlreiche Fotos von Siegerehrungen und Mannschaften hängen an den Wänden. Auf den ersten Blick wird klar: Das Landesleistungszentrum in Hohenschönhausen hat schon viele Erfolgsgeschichten erlebt. Hier trainieren die Olympiasieger von morgen.

In ihren Gymnastikanzügen springen die acht- bis zehnjährigen Mädchen kichernd durch die Flure und rennen zurück in den Trainingsraum mit den Barren, Balken und Sprunggeräten. Dort balanciert Tammy Schwarzwälder gerade auf dem Schwebebalken. Ihre Arme hat die Zehnjährige elegant zur Seite gestreckt. Scheinbar mühelos vollführt sie kunstvolle Drehungen und Sprünge. "Ohne das Turnen würde ich es gar nicht aushalten", sagt das zierliche Mädchen. "Ich muss immer turnen, das ist einfach mein Instinkt."

Seit zwei Jahren trainiert Tammy am Landesleistungszentrum LLZ in Berlin. Rund zwanzig Stunden pro Woche wird sie an den Turngeräten ausgebildet. Dazu kommen Ballett, Krafttraining und Beweglichkeitsübungen. Ein straffes Pensum. Doch Tammy reicht das nicht aus. "Ich turne sogar zuhause die ganze Zeit, springe herum und mache Drehungen." Und schon rennt sie mit ihren Freundinnen weiter zum Trampolin, Tammys Lieblingsgerät. "Damit kann man so verrückte Sachen ausprobieren. Das ist toll", sagt sie und schlägt den nächsten Salto.

Die Freude an der Bewegung sieht man dem Mädchen mit dem blonden Lockenkopf auch an. Deshalb leidet ihre Mutter Angela Schwarzwälder umso mehr unter der Kritik von Außenstehenden, die ihr vorwerfen, ihre Tochter zu überfordern. "Natürlich haben wir als Eltern auch immer die Sorge, dass es zuviel wird für Tammy", sagt die 43-Jährige, "aber solange sie Spaß am Turnen hat, darf sie auf jeden Fall weitermachen." Sie und ihr Mann hätten die Karriere ihrer Tochter keineswegs vorangetrieben. Im Gegenteil, es sei für sie sogar eine schwierige Entscheidung gewesen, Tammy an der Sportschule trainieren zu lassen. Früher selbst begeisterte Turnerin, weiß Angela Schwarzwälder, wie viel Arbeit und Mühe zu diesem Sport gehören. Auch Tammy ist bewusst, dass Durchhaltevermögen eine wichtige Voraussetzung für Leistungsturner ist. "Ohne Biss schafft man das gar nicht", sagt die Zehnjährige. "Wenn man nicht an seinen Fehlern arbeiten will, sollte man besser nicht auf diese Schule kommen."

Vor zwei Jahren durfte die damals achtjährige Tammy eine Probewoche am LLZ absolvieren. "Nach drei Tagen hatte ich so schlimmes Heimweh, dass Mama mich abholen musste", erzählt sie. Für ihre Eltern war das Thema Sportschule damit erledigt. Doch Tammy selbst wollte trotzdem mit der Ausbildung am LLZ beginnen. "Ich wollte unbedingt weitermachen, besser werden", sagt sie. "Und heute bin ich froh, dass ich diese Entscheidung getroffen habe." Obwohl sie wegen des Trainings zwei Tage pro Woche im schuleigenen Internat bleiben muss.

Training auch in den Ferien

"Für die ganze Woche hätte ich mein Kind aber nicht ins Internat gegeben", sagt Angela Schwarzwälder. Neben Training und Wettkämpfen sei die gemeinsame Zeit der Familie ohnehin knapp bemessen. "Wir müssen uns die Stunden mit unserem Kind wirklich erkämpfen", sagt die Verwaltungsbeamtin. "Selbst die Ferien sind ja für das Training eingeplant."

Tammy ist froh über die Unterstützung ihrer Mutter und ihres Vaters. Auch für sie ist die gemeinsame Zeit sehr wichtig. "Ich brauche meine Eltern. Ohne sie würde ich das alles nicht schaffen". Gemeinsam mit Tammys Freundin Marlene hat die Familie auch das Zimmer der beiden Mädchen im Internat neu gestaltet. Das Orange an Wänden und Vorhängen sowie den leuchtend roten Teppich haben die jungen Turnerinnen selbst ausgesucht. An Tammys Pinnwand hängen neben den Medaillen auch Fotos der Familie und ihrer Haustiere. "Damit ich sie nicht vergesse in den zwei Tagen, wenn ich im Internat bin."

Ist das Training vorbei, zeichnet die Zehnjährige gern Modekollektionen. Dabei entstehen auch Entwürfe für ihre Gymnastikanzüge. Tammy glaubt daran, dass ihr die Anzüge bei den Wettkämpfen helfen. "Mit meinem Glücksanzug habe ich schon fast alles geschafft", sagt sie. Den schwarzen Anzug mit dem türkisfarbenen Wellenmuster hat sie auch bei den Berlin Brandenburg Meisterschaften im letzten Jahr getragen. Vier von fünf Goldmedaillen konnte sie damit gewinnen.

Ihre Mutter begleitet Tammy zu allen Wettkämpfen. Sie ist in ihrer Freizeit als Kampfrichterin tätig. Ein einziges Mal musste Angela Schwarzwälder dabei die Leistung ihrer Tochter bewerten. Im vergangenen Jahr war sie beim deutschlandweiten Bärchenpokal als Oberkampfrichterin eingesetzt. Tammy sollte eine Kür am Balken zeigen, ihrem liebsten Wettkampfgerät. Spagate, Drehungen, Sprünge - alles lief perfekt. "Nur den Abgang habe ich total versemmelt", sagt sie. Ihrer Mutter fiel es danach schwer, Punkte zu vergeben. "Man kann beim eigenen Kind nicht neutral sein", sagt sie. "Jede Bewertung wird entweder als Bevorzugung oder übertriebene Strenge ausgelegt." Damals entschied sie sich für die strenge Bewertung. Inzwischen beobachtet sie die Wettkämpfe ihrer Tochter nur noch vom Rand aus. "Das ist aufregend genug", sagt sie.

Tammys sportliches Vorbild ist die 18-jährige Bundesturnerin Elisabeth Seitz, die gerade bei der Turn-EM in Berlin mit dem deutschen Frauen-Team antritt. Fasziniert erzählt sie von deren Können. "Sie turnt halt total irre Übungen", sagt sie. "Am besten finde ich den Gienger-Salto. Anderthalb Drehungen. Rückwärts und gebückt. Das sieht einfach super aus."

Trainieren für den Kadertest

Tammys großer Traum ist Olympia. Aber sie denkt in kleineren Schritten. "Ich würde mich schon freuen, an den Deutschen Meisterschaften teilzunehmen", sagt sie. Zurzeit bereitet sich Tammy auf den zweiten Teil des Kadertests im Juni vor. Dabei entscheidet sich, ob sie in den Bundeskader der Turner aufgenommen wird. Beim Athletikteil vor wenigen Wochen fehlten ihr nur drei Punkte. Mit einem guten Ergebnis im Übungsteil will sie die Leistung ausgleichen.

Wenn die Trainer am LLZ Tammy weiter fördern wollen, kann sie bis zum Abitur an der Sportschule bleiben. Dafür ist es aber ebenso wichtig, dass sie selbst sich immer wieder für den Sport begeistert. "Wenn mir das Turnen keine Freude mehr macht oder ich meine Ziele erreicht habe, würde ich aufhören", sagt sie. "Aber jetzt macht es mir Spaß und ich möchte unbedingt bleiben." Dann nimmt sie Anlauf und fliegt in weiten Sprüngen über den gefederten Turnboden. Es sieht nicht so aus, als würde Tammy Schwarzwälder die Freude am Turnen bald verlieren.