Interview

"Sie verspüren keine Neugierde für ihr Umfeld"

Die Diagnose Autismus hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Wurden noch vor dreißig Jahren bei 10 000 Geburten vier bis fünf Fälle festgestellt, sind es bei gleicher Geburtenzahl inzwischen 15 bis 18 Fälle.

Regina Köhler sprach darüber mit Dr. Bärbel Wohlleben. Die Charité-Psychologin ist Spezialistin für Autismus und im Vorstand des Autismusverbandes tätig.

Berliner Morgenpost: Frau Wohlleben, was bedeutet Autismus?

Bärbel Wohlleben: Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie "Auf sich selbst bezogen sein". Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Betroffene ziehen sich stark aus dem menschlichen Umfeld zurück, gehen sozusagen in die innere Emigration. Sie leiden an einer Störung im affektiven Bereich und können selbst zu Bezugspersonen wie den Eltern keinen normalen Kontakt aufbauen. Hinzu kommt oft eine verspätete und teilweise stark eingeschränkte Sprachentwicklung. Auch das Spielverhalten der Kinder ist eingeschränkt. Sie sind weder in der Lage, die Dinge in ihrer Umgebung zu erkunden, noch verspüren sie eine gewisse Neugierde für ihr Umfeld.

Berliner Morgenpost: Was sind erste Anzeichen für diese Erkrankung?

Bärbel Wohlleben: Eltern fällt oft als erstes auf, dass ihr Kind keinen Bezug zu ihnen aufnimmt. Es entsteht einfach kein Draht zueinander. Das Kind wendet sich ab und möchte am liebsten in Ruhe gelassen werden. Wechselseitige Blickkontakte bleiben ebenso aus wie das Ausstrecken der Ärmchen nach der Mutter. Autistische Kinder lassen sich auch nicht beruhigen, wenn die Mutter kommt. Für Eltern ist das meist sehr schwer auszuhalten. Auch das Spielverhalten dieser Kinder ist besonders. Sie verhalten sich sehr stereotyp, können zum Beispiel stundenlang den Lichtschalter an und aus oder eine Tür auf und zu machen. Wenn Eltern auf bestimmte Gegenstände hinweisen, reagieren sie nicht.

Berliner Morgenpost: Wie weit ist die Ursachenforschung?

Bärbel Wohlleben: Was wir wissen, ist, dass die Wahrnehmung bei Betroffenen anders funktioniert als normalerweise. Bestimmte Verbindungen im Gehirn laufen anders ab. Die Reizverarbeitung aktiviert andere Bereiche. Auch wird eine Überempfindlichkeit beim Hören festgestellt. Wissenschaftler vermuten eine genetische Komponente als Ursache, wobei wahrscheinlich mehrere Gene eine Rolle spielen. Bei eineiigen Zwillingen sind in mehr als 90 Prozent der Fälle beide Kinder autistisch. Bei zweieiigen Zwillingen trifft das auf weniger als 20 Prozent der Fälle zu. Auch hormonelle Ursachen werden vermutet. Fest steht, dass auf vier bis fünf betroffene Jungen ein Mädchen kommt.

Berliner Morgenpost: Ist die Krankheit heilbar?

Bärbel Wohlleben: Eine Heilung gibt es nicht. Doch je früher Autismus erkannt und entsprechend behandelt wird, desto besser lassen sich Sprachfähigkeit und Gruppenfähigkeit beeinflussen und verbessern. Eltern, die das Gefühl haben, ihr Kind könnte erkrankt sein, sollten sich so früh wie möglich an ihren Kinderarzt oder an die Beratungsstelle unseres Verbandes wenden.