Asperger-Syndrom

Aaron - und wie er die Welt sieht

Schon in der Vorschule redeten sie über Aaron. Über den Jungen, der so anders war. Warum hat Aaron dauernd Angst? Wieso schreit er, sobald es lauter in der Klasse wird? Warum schlägt Aaron während des Unterrichts seinen Kopf auf die Tischplatte?

Gerüchte des sexuellen Missbrauchs machten die Runde. Für seine Mutter Jule Epp ein Albtraum. Sie wollte endlich Gewissheit, wollte verstehen, was mit ihrem Sohn eigentlich los war.

Als sie im Sprechzimmer der Kinderärztin von Aaron stand, hörte sie diese Worte: "Es wird Zeit, Zeit für eine Diagnose", sagte die Medizinerin. Sie schickte Jule Epp mit ihrem Sohn zum Psychologen. "Ich war einfach nur erleichtert, dass endlich mal jemand meine Sorge um den Jungen ernst nahm", sagt Jule Epp heute. Der Psychologe sprach das aus, was Jule Epp, selbst Psychologin, bereits vermutete: Ihr Sohn Aaron ist ein Kind mit Asperger-Syndrom. "Da wusste ich: Es ist nicht meine Schuld."

Fünf Jahre ist das jetzt her, inzwischen ist Aaron zehn Jahre alt. Aarons Entwicklung verlief eigentlich ganz normal. Mit fünf Monaten konnte er ohne Unterstützung aufrecht sitzen. Sein erstes Wort war "Ball". Er sagte es, als er ein Jahr alt war. Mit 16 Monaten begann er zu laufen. Alles ganz normal. Und das ist typisch für Asperger-Kinder: Ihre Persönlichkeitsstörung manifestiert sich oft erst im vierten Lebensjahr. Das Asperger-Syndrom ist eine leichte Form des Autismus, das im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus nicht mit einer verminderten Intelligenz und einer gestörten Sprachentwicklung einhergeht. Asperger entwickeln sich zunächst fast unauffällig.

Aaron mag Stille

Und doch war Aaron anders. Schon im Kindergartenalter ließ er sich ungern umarmen, Nähe behagte ihm nicht. Immer wieder beschäftigte er sich exzessiv mit den gleichen Dingen. Es gab Zeiten, da war es unmöglich, mit Aaron aus dem Haus zu gehen, da ihn das zu sehr aufregte. Bis zur Vorschule ging seine Mutter nur in den späten Abendstunden mit Aaron zum Spielplatz, weil Aaron dann dort völlig allein sein konnte. "Aaron hatte damals Angst vor den vielen Kindern, weil sie so laut und unberechenbar waren", sagt Jule Epp.

Bis heute bevorzugt Aaron Stille. Er reagiert auf akustische Reize hypersensibel. An schlechten Tagen hält der 10-Jährige manche Geräuschkulissen kaum aus. Autistische Menschen erleben ihre Umwelt oft als Überreizung und Belastung. Sie hören Geräusche stark überhöht, verzerrt oder in einem Frequenzbereich, den andere gar nicht wahrnehmen.

Mittlerweile traut sich Aaron nach draußen. Auch heute, an diesem sonnigen Nachmittag in Friedenau. Aaron sitzt allein in einer Sandkiste auf dem Spielplatz an der Cranachstraße. Um ihn herum wuseln andere Kinder, sie spielen miteinander, jagen sich, lachen. Aaron hingegen ist auf den Sand fixiert, den er langsam durch seine Finger rieseln lässt. Er summt vor sich hin, bis ein kleines Mädchen anfängt laut zu weinen. Der Junge mit dem runden Gesicht zuckt kurz zusammen, steht auf und schaut das Mädchen besorgt an. "Alles in Ordnung, Honey?", fragt Jule Epp, die immer ein Auge auf ihren Sohn hat. Aaron nickt kurz und setzt sich wieder. "Vor ein paar Jahren hätte Aaron in so einer Situation ganz anders reagiert, er hätte geschrien und getobt", berichtet Jule Epp.

Dass es Aaron inzwischen besser geht, hat viel mit seiner Mutter zu tun. Die 44-Jährige widmet sich praktisch ausschließlich der Erziehung ihres Sohnes, während ihr Mann Max als Programmierer bei einer Softwarefirma arbeitet.

Vor 18 Jahren Jahren kam Jule Epp aus Vancouver nach Berlin, um Psychologie zu studieren. Sie spricht deutsch mit leichtem Akzent. Wenn sie über ihren Sohn redet, sprudeln die Sätze nur so aus ihr heraus. Dann hat sie ein konstantes Lächeln auf den Lippen. "Ich habe das Kind bekommen, das ich mir immer gewünscht habe", sagt sie, erhebt ihre Stimme und spricht lachend weiter: "Ein höchst sensibler Künstler - das ist mein Sohn!" Bereits mit drei Jahren konnte Aaron jedes Instrument aus einem großen Orchester heraushören. Derzeit komponiert er am Computer seine eigene Musik für den Film "Der König der Löwen". "Aaron hat Interessen, die für seine sozialen Kontakte weniger hilfreich sind. Dafür können sie ihm vielleicht später den Einstieg in einen Beruf erleichtern", sagt Jule Epp.

Bis es so weit ist, muss Aaron noch die Schule besuchen. Er geht auf die Comenius Schule in Wilmersdorf, die sich darauf spezialisiert hat, Kinder wie ihn zu fördern. In seiner Klasse haben noch vier weitere Kinder das Asperger-Syndrom. Wenn man Aaron fragt, ob ihm die Schule gefällt, antwortet er zunächst etwas zögerlich. Dann hakt seine Mutter nach und fragt ihren Sohn, der zweisprachig aufgewachsen ist, auf Englisch: "Von einer Skala von eins bis zehn, wie sehr magst Du die Schule?" Aaron antwortet trocken: "13."

Jeden Tag der gleiche Ablauf

Aarons Schultag beginnt meist um acht Uhr. Er besteht darauf, dass alles immer gleich abläuft. "Abweichungen können bei Aaron Panik verursachen. Da kann selbst eine Sekunde entscheidend sein", sagt Jule Epp. Wie jeden Tag ist Aaron auch heute pünktlich um 6.30 Uhr aufgestanden. Danach hat er gefrühstückt mit Brötchen aus einer ganz bestimmten Bäckerei, die eine ganz bestimmte Angestellte persönlich für ihn zubereitet hat. Andere Brötchen akzeptiert Aaron nicht. Menschen mit Asperger-Syndrom beschränken sich oft auf einige wenige Lebensmittel. Änderungen bestimmter Essgewohnheiten verteidigen sie energisch bis aggressiv.

Ein Kind wie Aaron setzt viel Verständnis und Geduld bei Eltern voraus. Das Wichtigste sei aber Zeit, betont Jule Epp. "Ich bin mir bewusst, dass wir besonderes Glück haben. Keine Ahnung, wie Eltern das meistern, bei denen Vater und Mutter berufstätig sind." Und auch sie, die sich völlig ihrem Sohn widmet, gerät immer mal wieder an ihre Grenzen. "Es ist sehr anstrengend", sagt sie, "wenn Aaron dann im Bett ist, kann ich auch nicht mehr." Und dabei ist alles schon viel besser geworden in den vergangenen Jahren. Aaron benötigt jetzt etwas weniger Aufmerksamkeit, er wird selbstständiger. Das geht sogar so weit, dass Aaron in Eigenregie Wikipedia-Einträge verbessert und Jule Epp von kritischen E-Mails der Online-Enzyklopädie in ihrem Postfach überrascht wird.

"Aaron ist auf seine Art ein sehr humorvoller Mensch", sagt Jule Epp, während sie ihren Sohn beobachtet. Dass er zusätzlich auch sehr eigenwillig ist, stellt er jetzt unter Beweis: Seine Schuhe hat er verloren, sie müssen irgendwo im Sand liegen. Er steht auf Socken auf einem Klettergerüst und trällert vor sich hin. Aaron ist nun ganz für sich. "Wenn er so in etwas vertieft ist, bekomme ich ihn da nur schwer heraus", erzählt Jule Epp. Doch sie müssen nach Hause. Schnell. Es ist bald Zeit für Aarons Heuschnupfenmittel: 18.30 Uhr. Und keine Sekunde später.