Schülerjobs

Das erste selbstverdiente Geld

Ob Zeitungen austragen oder kellnern: Nebenjobs sind für viele Schüler selbstverständlich geworden. Sie bringen Anerkennung und lassen Wünsche wahr werden

Foto: M. Lengemann

Julian sitzt inmitten einer Regalwelt. 200 mal 300 Meter misst die Halle in Spandau, in der der 15-Jährige einmal pro Woche Etiketten auf Kataloge klebt. Neben ihm hockt Kumpel Max. Aus dem Ghettoblaster gibt's elektronische House-Beats auf die Ohren. Konzentrieren müssen sich die beiden beim "Versandfertigmachen" nicht sonderlich. Nur wenn die schweren Kartons auf den Wagen gehievt werden, müssen sie richtig zupacken.

"Dieser Job ist nicht gerade ein Traum. Das wäre Barkeeper", sagt Julian. Aber in der Halle locken leicht verdiente sieben Euro pro Stunde. Und der Job ist sicher - wenn auch die Chefin pingelig ist. Julian jobbt bei Muttern. Sie betreibt einen Online-Versandhandel und schaut genau hin, ob ihr Nachwuchs-Lagerist ordentlich schafft. "Ehrlich gesagt kontrolliere ich meinen Sohn mehr als andere Mitarbeiter. Aber ich bin zufrieden mit der Leistung, sonst wäre er den Job los", sagt sie.

"Jobben gehört zum guten Ton"

Julian übernahm die Idee zu jobben von Klassenkameraden. "Da verdienen sich einige was dazu. Einer trägt Zeitungen aus, drei verkaufen Abos, eine jobbt im Familienrestaurant. Das gehört zum guten Ton." Nicht nur in Berlin: Geschätzte 20 bis 40 Prozent aller 13- bis 17-Jährigen bessern zumindest hin und wieder mit Jobs ihr Taschengeld auf. 2008 zählte das Statistische Bundesamt bundesweit 230 000 arbeitende Schüler. Neben den Klassikern Zeitungen zustellen, Hausaufgänge putzen und Nachhilfe geben bieten Jobbörsen Exotisches. In der Hauptstadt werden "gut aussehende, sportliche, nicht-kamerascheue Jungs für Fotoprojekt und Werbefotografie" genauso gesucht wie "Gartenhelfer für Privathaushalte" oder "Umfragen beantworten gegen Bezahlung".

Julians erster Anlauf ins Arbeitsleben war allerdings ein Flop. Sein Versuch, im Winter auf der Straße Zeitungsabos zu verkaufen, brachte nichts ein. Der Kauf der ersehnten Markenklamotten rückte in weite Ferne. Seine Mutter Alexandra Glawleschkoff findet auch solche Erfahrungen wertvoll: "Meine Kinder sollen lernen, dass man etwas leisten muss fürs Geld. Sonst entwickelt sich eine Versorgungshaltung." Zudem hält die Unternehmerin Jobs für die bessere Freizeitgestaltung. "Wenn Julian im Lager arbeitet, halte ich ihn nebenbei vom PC fern." Einen Schlussstrich würde sie nur ziehen, wenn die Schulnoten nicht mehr stimmen.

"Ab dem 16. Lebensjahr können Schüler fast alle 400-Euro-Jobs erledigen", sagt die Arbeitsrechtsexpertin Valentine Reckow. Allerdings sollten Interessenten die Angebote genau prüfen. Wenn die Bezahlung von der Leistung abhängt, etwa davon, wie viele Verträge man abschließt oder wie lange man braucht, um eine bestimmte Zahl Zeitungen auszutragen, kann die persönliche Lohnkalkulation schnell nicht mehr aufgehen. Bei allen Online-Offerten sollte man sich zudem überlegen, welche Daten oder Fotos man preisgibt. Denn hinterher hat man kaum noch die Chance, unliebsam gewordene Aufnahmen aus dem Netz zu entfernen.

Vor dem ersten Arbeitstag müssen sich Jugendliche persönlich beim Finanzamt eine "Ersatzbescheinigung zur Lohnsteuerkarte" abholen. Sie wird beim Arbeitgeber hinterlegt. Dieser beantragt für seinen Jobber bei der Rentenversicherung einen Sozialversicherungsausweis, den der Jungarbeiter zugesandt bekommt. "Bei allen 400-Euro-Jobs muss der Arbeitgeber die Sozialversicherungsabgaben allein übernehmen, Abzüge beim Schüler sind nicht erlaubt", betont Rechtsanwältin Valentine Reckow. Das Kindergeld entfalle, wenn Kinder 18 werden, noch eine Schule besuchen oder Ausbildung absolvieren und über 8004 Euro im Jahr verdienen.

Jugendliche schubbern oft zuverlässiger, als ihr Ruf es erwarten lässt. Und die meisten finden die täglichen Hausaufgaben viel belastender als den Broterwerb. Hier gibt es Cash aufs Konto, dort nur trockene Noten. So jobbt Robert, seit er 13 ist, als Zeitungsausträger - bei Wind und Wetter. Das 600-Euro-Handy und die Telefongebühren wollen schließlich bezahlt werden. Auch das angehende Kindermädchen Debora kann es kaum erwarten, bis es die ersten selbstverdienten Euros in der Hand hält. Zuvor will die Gymnasiastin noch einen Babysitterlehrgang beim Roten Kreuz besuchen, "damit die Eltern sehen, dass sie mir vertrauen können."

Anerkennung, soziale Teilhabe über (selbst verdiente) Statussymbole: Das sind laut Beatrice Hungerland, Professorin für Angewandte Kindheitswissenschaften in Magdeburg, die Hauptmotive fürs Jobben. Allerdings nicht immer. Mehmet (16) verteilt Werbeprospekte, um die Familienkasse aufzubessern. Seine Eltern könnten Hartz IV-Leistungen beanspruchen, schlagen sich aber lieber mit Gelegenheitsjobs und der Hilfe der Kinder durch. "Etwas Geld behalte ich", sagt aber auch Mehmet - und zeigt stolz sein neues Handy.