Ernährung

Fisch macht schlau

Nach seinem letzten Erfolgstitel "Meer Gesundheit" hat der Hamburger Mediziner und Autor Frank Liebke, Facharzt für Allgemeinmedizin, jetzt sein neues Buch "Fisch auf Rezept - Keinen Fisch zu essen, gefährdet Ihre Gesundheit" veröffentlicht. Claudia Becker sprach mit ihm über die positive Wirkung einer fischreichen Ernährung von Kindern.

Berliner Morgenpost: Herr Dr. Liebke, macht Fisch Kinder schlau?

Frank Liebke: Ja, das haben etliche Studien belegt. Dafür sorgen unter anderem Omega-3-Fettsäuren, insbesondere die Docosahexaensäure (DHA), die als einzige Omega-3-Fettsäure in unseren Gehirnzellen vorkommt. Hier bildet sie in großen Mengen einen wichtigen Teil der chemischen Basis für das optimale Funktionieren unseres Denkorgans und ist für den Aufbau des Nervensystems unverzichtbar. Da der Körper Omega-3-Fettsäuren nur in geringsten Mengen selbst herstellen kann, muss er sie mit der Nahrung aufnehmen. Kein Lebensmittel aber enthält mehr Omega-3-Fettsäuren als Fisch aus dem Meer. Zudem gibt es keine bessere Nährstoffquelle für Jod und Vitamin D, die für die frühkindliche Hirnentwicklung ebenfalls unverzichtbar sind, als Seefische.

Berliner Morgenpost: Können werdende Mütter schon etwas für die Intelligenzentwicklung ihrer Kinder tun?

Frank Liebke: Auch das wurde in zahlreichen breit angelegten Studien nachgewiesen: Wann immer sich Frauen fischreich ernährt haben, in der Schwangerschaft, in der Stillphase, macht sich das nach Jahren noch positiv bemerkbar. Diese Kinder sind messbar schlauer, auch dann, wenn sie selbst nur wenig Fisch essen.

Berliner Morgenpost: Welche Intelligenzmerkmale werden gefördert?

Frank Liebke: Es sind zum einen die kommunikativen Fähigkeiten. US-Forscher haben kürzlich im Auftrag der Gesundheitsbehörde in einer Studie festgestellt, dass Kinder, deren Mütter dreimal pro Woche Fisch (ca. 150 g) aßen, signifikant bessere Ergebnisse in den Bereichen Sozialverhalten, Feinmotorik und Kommunikation erzielten als ihre Fisch verweigernden Altersgenossen. Fisch fördert die Bereiche, die mit Abstraktem zu tun haben, mit der Fähigkeit, Probleme zu analysieren. Aber auch die motorische Entwicklung wird nachweislich von einer ausreichenden Versorgung mit Fisch vorangetrieben. Die Feinmotorik, die Koordinationsfähigkeit, der Gleichgewichtssinn und vieles mehr. In einer britischen Studie erzielten Kinder von Fisch liebenden Müttern einen um vier Punkte höheren Intelligenzquotienten. Die meisten Kinder, die mit leichten Fehlentwicklungen in Therapien getragen werden, bräuchten da nicht hin, wenn sie in einen Waldkindergarten gingen, der alle Sinne fördert und ihre Ernährungslücken geschlossen werden würden.

Berliner Morgenpost: Das heißt, wenn sie genügend Fisch essen würden?

Frank Liebke: Ja. Kindergarten- und Schulspeisungen mit Fisch - das wäre eine gute Investition in eine gesunde Zukunft. Unsere Ernährung enthält zu viele Kohlenhydrate. Unser Gehirn aber braucht Proteine und hochwertige Fette, besonders in der Wachstumsphase.

Berliner Morgenpost: Auch ADHS, das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom, geht auf eine Fehlfunktion des Gehirns zurück. Kann hier Fisch helfen?

Frank Liebke: Es gibt sehr individuelle Gründe für ADHS. Aber US-Forscher haben bei Kindern mit ADHS einen extrem niedrigen Spiegel an Omega-3-Fettsäuren festgestellt. Zudem konnte nachgewiesen werden, dass Kinder von Frauen, die während der Schwangerschaft viel Fisch gegessen haben, später seltener unter ADHS leiden. Deshalb gehört es zu einer individuellen Therapie von ADHS-Kindern, eine Blutanalyse vorzunehmen und zu gucken, wie die Mikrostoffzusammensetzung aussieht. Oft stellt man fest, dass ihnen nicht nur Omega-3-Fettsäuren, sondern auch andere Mikrostoffe wie Vitamin D fehlen.

Berliner Morgenpost: Könnte Fisch Ritalin ersetzen?

Frank Liebke: Ich würde empfehlen, zunächst parallel zu Ritalin dem Kind viel Fisch zu geben und weitere Ursachen abzuklären. In der Regel kann man dann nach einiger Zeit Ritalin ausschleichen lassen. Auf jeden Fall ist es wichtig, einem Kind nicht vorzuleben: Du hast ein Problem, die Lösung ist eine Tablette!

Berliner Morgenpost: ADHS-Kinder leiden häufig unter depressiven Verstimmungen.

Frank Liebke: Das ist ein vielschichtiges Thema. Grundsätzlich kann Fisch helfen, einer übermäßigen Neigung zu Stimmungstiefs vorzubeugen. Mit einer ausreichenden Fischversorgung ist es auch möglich, die Bereitschaft für mehr Gelassenheit und Sinngefühl vorzubereiten. Und das Gefühl von Glück und Zufriedenheit wird leichter möglich. In Japan, wo die Menschen täglich Fisch essen, sind Depressionen im Vergleich zu Deutschland relativ selten.

Berliner Morgenpost: Welche Fische empfehlen Sie?

Frank Liebke: Hering, Lachs, Makrele, Heilbutt und Thunfisch.

Berliner Morgenpost: Die haben aber besonders viel Fett.

Frank Liebke: Das stimmt, aber das sind die wirklich guten Fette, die lebenswichtig sind. Und keine Sorge, Kinder werden nicht dicker, wenn sie regelmäßig fettreichen Fisch essen.

Berliner Morgenpost: Darf man wirklich Thunfisch essen? Lange galten diese Fische als besonders belastet mit Schadstoffen.

Frank Liebke: Die Belastung ist nur bei großen Thunfischen relevant. Aber die bekommt man in Deutschland gar nicht auf den Tisch. Bei uns werden nur die kleinen Boniten angeboten. Überhaupt sind alle Fische, die in Deutschland verkauft werden, streng auf Schadstoffe überwacht.

Berliner Morgenpost: Wie oft sollten Kinder Fisch essen?

Frank Liebke: Zwei- bis dreimal in der Woche 150 Gramm. Fischfreie Tage sollte man mit Fischkapseln überbrücken. Oder mit Lebertran.

Berliner Morgenpost: Igitt!

Frank Liebke: Lebertran gibt es auch schon natürlich aromatisiert. In Island begrüßt man den Tag mit einem Gläschen Lebertran. Der isländische Mann hat bekanntlich die längste Lebenserwartung der Welt.

Berliner Morgenpost: Fisch macht nicht nur schlau und glücklich, sondern gesund?

Frank Liebke: Das ist eigentlich eine Binsenweisheit - und trotzdem essen die Menschen viel zu wenig Fisch, dem ältesten und gesündesten Lebensmittel überhaupt. Vor allem die Deutschen. Und die Berliner rangieren im bundesweiten Vergleich beim Fischkauf leider ganz weit hinten.

Frank Liebke: Fisch auf Rezept - Keinen Fisch zu essen, gefährdet Ihre Gesundheit, Remerc & Lheiw Verlagskontor, 16,90 Euro