Wechseljahre

"Endlich ist diese Plage überwunden"

Nie waren Frauen um die 50 so attraktiv wie heute, sagt Desirée Nick. Jetzt hat sie ein Mutmachbuch über die Wechseljahre geschrieben

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Die Kabarettistin Désirée Nick ist 54 Jahre alt und war Dschungelkönigin. Jetzt hat sie ein Buch über die Wechseljahre geschrieben. Mit Antje Hildebrandt spricht sie über das Glück, nicht mehr 20 sein zu müssen, Männer in der Menopause und neue Rollenmodelle für Omas.

Berliner Morgenpost: Frau Nick, wie würden Sie einem Mann in einem Satz die Wechseljahre erklären?

Désirée Nick: Wechseljahre sind die Postpubertät, die zweite Volljährigkeit, die große Sondierungsphase vorm Altern - noch ist alles möglich, es sei denn, der Lack ist ab.

Berliner Morgenpost: Jetzt haben Sie ein Buch über das Thema geschrieben. "Gibt es ein Leben nach fünfzig?" Ist der Titel nicht ein bisschen sehr kokett?

Désirée Nick: Für mich ist Alter Fortschritt. Zuvor war alles eher Experiment. Alles, was ich gelernt habe, habe ich eigentlich erst ab dreißig gelernt. Gelassenheit. Souveränität, Erfahrung. Das sind Werte, mit denen es sich leichter lebt im Chaos.

Berliner Morgenpost: Inzwischen können auch Rentnerinnen mit Hilfe der Medizin noch Mutter werden. Heißt das, Sie bereiten sich insgeheim schon darauf vor, Ihre eigenen Enkel zu bekommen?

Désirée Nick: Das habe ich verpatzt. Ich war schon mit vierzig Spätgebärende. Dagegen war meine Oma 40, als ich geboren wurde. Sie sehen: Daraus ergibt sich ein völlig neues Rollenbild. Die strickende Oma im Schaukelstuhl hat einer Frau Platz gemacht, die einst ihre BHs verbrannt und freie Liebe propagiert hat. Wir Babyboomer werden das Alter neu erfinden.

Berliner Morgenpost: Aber das ändert ja nichts an der Menopause als solcher. Viele empfinden die immer noch als gravierenden Einschnitt.

Désirée Nick: So, und deshalb habe ich mein Buch geschrieben. Es geht nicht ums Altern, sondern um das immense Vergnügen, nicht mehr jung sein zu müssen.

Berliner Morgenpost: Was war daran so schlimm?

Désirée Nick: Mit Anfang zwanzig fand ich mich sehr unattraktiv. Ich war größer und dünner als alle anderen - dazu kam dieses exzentrische Profil. Heute gibt es ja zum 18. Geburtstag meistens eine neue Nase.

Berliner Morgenpost: Was hat denn die 54-jährige Désirée Nick der 24-jährigen Désirée Nick voraus?

Désirée Nick: Meine Erfahrungen als alleinerziehende Mutter und als Künstlerin in einem total verrückten Beruf. Ich habe nie eine Festanstellung gehabt. Das macht erfinderisch und flexibel.

Berliner Morgenpost: Ist das Älterwerden nicht doppelt schwer für jemanden, der auf der Bühne steht?

Désirée Nick: Aaach, man wird doch viel gelassener. Ich verstehe nicht, warum 28-Jährige in Panik geraten, wenn sie bei einer Vernissage nach ihrem Alter gefragt werden. Angst vorm 30. Geburtstag, das sind doch Probleme einer Krabbelgruppe... Frauen in der Mitte des Lebens waren noch nie so attraktiv wie heute.

Berliner Morgenpost: Auch, wenn man auf der Bühne steht und plötzlich vor Hitze einen feuerroten Kopf bekommt?

Désirée Nick: Sie meinen, wenn das Kleid in Flammen steht? Deshalb wandern ja so viele nach Mallorca oder Florida aus. Da ist eine Heißwetterfront nicht von einer Hitzewelle zu unterscheiden.

Berliner Morgenpost: Ach, was.

Désirée Nick: Nee, wissen Sie, was ich glaube? Der Job als Entertainerin ist Knochenarbeit. Seit zwanzig Jahren schufte ich so hart, dass ich im permanenten Status der Hitzewellen lebe - und ich merke das gar nicht mehr.

Berliner Morgenpost: Jetzt übertreiben Sie aber.

Désirée Nick: Nein, bei mir kam die Veränderung tatsächlich schleichend. Ich hatte meine Periode immer eher unregelmäßig. Dann wurde sie unregelmäßiger und unregelmäßiger. Und ich dachte: Endlich ist diese Plage überwunden.

Berliner Morgenpost: Bitte noch ein paar Worte zum Prämenstruellen Syndrom - kurz: PMS ...

Désirée Nick: Das war das Schlimmste: der Blähbauch, wenn man PMS hat. Von der Seite sah ich immer so aus, als wäre ich im fünften Monat schwanger. Teilweise konnte ich mir auch die Ringe nicht auf den Finger stecken wegen der Wassereinlagerungen. Ich habe mich dann immer gefragt: Ist das jetzt spätes PMS? Sind das frühe menopausale Beschwerden? Oder etwa Burnout-Syndrom?

Berliner Morgenpost: Wann hat Sie die Menopause denn erwischt?

Désirée Nick: Na, so mit 52. Also, ich finde, das ist kein Alter. Alt ist man erst ab 85. Nehmen sie Marlene Dietrich, Bette Davis oder Joan Crawford. Die sind doch erst mit Mitte sechzig zu voller Blüte gelangt.

Berliner Morgenpost: Heißt das, als ehemalige Dschungelkönigin sehen Sie noch Luft nach oben?

Désirée Nick: Ja, ich schreite meinem Zenith erst entgegen. Ist vielleicht aber auch eine Typfrage. Männer fühlten sich schon immer eher durch meine Eloquenz stimuliert. Also so eine plumpe Anmache, ey, Du siehst ja scharf aus, so etwas kam bei mir sowieso nur selten vor.

Berliner Morgenpost: Wenn es stimmt, dass Sie die Menopause mit links weggesteckt haben, werden sich viele Frauen in ihrem Buch nicht wiederfinden.

Désirée Nick: Dem habe ich vorgebeugt, indem ich diesen tropischen Momenten und allen denkbaren Krisen ganze Kapitel gewidmet habe. Das Buch handelt ja auch nicht nur von mir.

Berliner Morgenpost: Ist es leichter, so ein Mutmachbuch zu schreiben, wenn man frisch verliebt ist?

Désirée Nick: Oder was hat Sie dazu inspiriert, sich mit einer "überreifen Rose" zu vergleichen, deren Blätter in alle Richtungen fliegen. Ich bin nicht frisch, sondern uralt verliebt. Aber privat bleibt privat.

Berliner Morgenpost: Können Sie nachvollziehen, dass nach der Menopause der Run auf die Schönheitschirurgen einsetzt?

Désirée Nick: Darüber sollte man nicht den Stab brechen. Es ist ein wunderbares Mittel, um die Zeit anzuhalten. Mein Verständnis hört aber da auf, wo sich Leute komplett umbauen. Im dem Moment, wo man eine Schönheitsoperation vermutet, ist die ja schon verpfuscht.

Berliner Morgenpost: Dürfen wir fragen, ob Sie sich schon selber unters Messer begeben haben?

Désirée Nick: Natürlich, ich hatte eine süße kleine Stupsnase und habe mir mit einem Stück vom Oberschenkelknochen einen Höcker aufbauen lassen - Spaß beiseite...

Berliner Morgenpost: Haben es Männer in den Wechseljahren tatsächlich leichter?

Désirée Nick: Na klar, die haben eine andere Selbstwahrnehmung. Die denken, wenn ihr Gesicht aussieht wie der zerfurchte Arsch eines Rhinozeros, sind sie immer noch der Mittelpunkt des Universums. Was für uns Verfall bedeutet, bedeutet für sie Attraktivität.

Berliner Morgenpost: Was können denn Männer in Ihrem Buch lernen?

Désirée Nick: Ich habe denen extra ein Kapitel gewidmet, ich liebe ja das Phänomen Mann - zumindest als Konzept. Wir wollen alle mit einem Mann alt werden. Und ein Mann, der verstehen will, was mit uns Frauen in der Menopause los ist, sollte dieses Buch unbedingt lesen.

Berliner Morgenpost: Haben Sie schon einen Heiratsantrag von einem Leser bekommen?

Désirée Nick: Viel zu viele. Wenn Männer schon mal einen Brief schreiben, dann wollen sie auch gleich heiraten. Deshalb bin ich auch ledig. Ich wusste nie, welchen von den Typen ich nehmen sollte.