Chaos im Kinderzimmer

Wenn sie dann ausziehen, wissen sie auf einmal wie es geht...

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"Eltern müssen Kindern helfen, sich zu organisieren - auch wenn das manchmal stressig ist"

Mit seinem Bestseller "simplify your life" ist Werner Tiki Küstenmacher als Aufräum-Experte bekannt geworden. Wie man Ordnung auch mit Kindern üben kann, erklärt er im Gespräch mit Gerlinde Schulte

Berliner Morgenpost: Herr Küstenmacher, "Ordnung ist das halbe Leben" sagte meine Oma immer. Wer unordentlich war, wurde früher eines schlechten Charakters verdächtigt. Ist nur ein ordentlicher Mensch ein guter Mensch?

Werner Küstenmacher: Na, so einfach ist das heute nicht mehr. Die Oma hatte aber insofern recht, dass unsere Seele mit unserer Wohnumgebung zu tun hat. Wir haben herausgefunden: Indem wir unsere Umgebung gestalten, gestalten wir auch uns selbst. Ich würde Oma mit einer aufgeräumten Wohnung beweisen, dass es auch in mir aufgeräumt ist.

Berliner Morgenpost: Dennoch sind Aufräumen und Unordnung immer noch Hauptstreitpunkte in den Familien. Woher kommt diese Sehnsucht der Erwachsenen nach Ordnung?

Werner Küstenmacher: Ordnung tut den Menschen gut. Sie hilft, den Überblick zu behalten. Leuten, denen es schlecht geht, geht es besser, wenn sie überflüssigen Ballast entsorgen. Ordnung ist keine altmodische Tugend. Sie beruht auf der jahrhundertealten Einsicht: Sachen, die man nicht findet, sind wertlos.

Berliner Morgenpost: Kinder haben diese Erfahrung aber noch nicht gemacht...

Werner Küstenmacher: Auch wenn sie zunächst alles herumwerfen: Ein gewisses Maß an Ordnung tut Kindern gut. Es gibt eine Superunordnung, die Kinder überfordert. Dann verlieren sie die Lust am Spielen. Da kann man von Kitas lernen. Dort wird nie mit allen Spielsachen gleichzeitig gespielt. Das lässt sich auch zu Hause machen.

Berliner Morgenpost: Kinder müssen also Ordnung erst erlernen?

Werner Küstenmacher: Ja. In Familien erlebe ich oft Mütter, die ihre Kinder anschreien: "Räum dein Zimmer auf!" Aber die Kinder haben dafür überhaupt keine Infrastruktur. Sie stehen vor einer riesigen Menge an Dingen, die gar keinen klaren Lagerplatz haben. Da hätten auch die Eltern Probleme, würden sie mal selbst dort aufräumen. Es ist wichtig, mit den Kindern zusammen eine Grundordnung zu erfinden. Das Kinderzimmer ist eines der komplexesten Zimmer im Haus! Es beherbergt eine Unmenge Dinge, die sinnvoll aufbewahrt werden sollen, und ständig kommen neue dazu. Das ist auch für Eltern eine Herausforderung.

Berliner Morgenpost: Wie kann man das denn strukturieren?

Werner Küstenmacher: Das können Kisten oder Regale sein, die beschriftet werden. Eine Kiste zum Beispiel für Lego und eine für "alles rund um Nintendo". In die Sockenkiste sollten auch wirklich nur Socken kommen und keine Strumpfhosen. Völlig sinnlos sind Kisten mit der Aufschrift "Sonstiges" oder "alles Mögliche". Das System sollte gemeinsam ausgetüftelt werden, damit Kinder das nachvollziehen können. Das Draufschreiben hat viele Vorteile, bei kleinen Kindern können es auch Symbole sein. Hier ist ein Platz, wo die Dinge wohnen. Ich habe immer wieder erlebt, dass Kinder dann daran Spaß entwickeln.

Berliner Morgenpost: Hemmt zu viel Ordnung nicht die Kreativität? Oft wollen Kinder nicht aufräumen, sondern im Legohaufen leben und bauen.

Werner Küstenmacher: Richtig, es soll auch Zonen geben, wo Sachen liegen bleiben dürfen, mit denen am nächsten Tag weitergemacht werden kann. Wie weit die sich in den Raum oder die Wohnung erstrecken dürfen, ist Verhandlungssache. Wenn die Kinder ein eigenes Zimmer haben, muss es dort auch Raum für Selbstbestimmung geben. Hauptsache, jedes Ding hat seinen Platz, wo es wohnt, wenn nicht mehr damit gespielt wird. Das ist das Erziehungsziel: Kindern helfen, sich zu organisieren. Auch wenn das manchmal stressig ist. Wenn man den Eindruck hat, dass sich Kinder dort wohlfühlen, ist auch ein gewisses Chaos in Ordnung - jedoch nicht überall. Es darf und soll auch spielzeugfreie Zonen geben.

Berliner Morgenpost: Es heißt doch immer, Kinder haben einen anderen Ordnungssinn als Erwachsene?

Werner Küstenmacher: Ordnung kann man nicht befehlen, sondern nur vorleben. Kreativität kann aber nicht nur durch zu viele Regeln, sondern auch durch zu viel Chaos gehemmt werden. Wenn Bastelarbeiten kaputtgehen, weil sie unter anderen Sachen begraben werden, macht das Kinder auch unglücklich. Außerdem müssen sie in Kita und Schule eine gewisse Struktur einhalten. Das geht nur, wenn sie das zu Hause üben.

Berliner Morgenpost: Wie viel Ordnung muss sein?

Werner Küstenmacher: Da gibt es große Unterschiede. Ich habe Familien kennengelernt, wo die Kinder viel ordentlicher waren als die Eltern. Auf ein paar Standards sollte man sich aber einigen. In welchen Zonen ist Chaos erlaubt, wo nicht. Das Wohnzimmer oder andere Räume, in denen die Eltern sich dann nicht mehr wohlfühlen, müssen verteidigt werden.

Berliner Morgenpost: Viele Mütter geben entnervt auf und räumen hinter den Kindern her - hilft das?

Werner Küstenmacher: Es ist sinnlos, hinter den Kindern herzuräumen. Ordnung muss ein gemeinsames Unternehmen sein. Es gibt eine wachsende Zahl von Kindern, die bestimmte Fertigkeiten gar nicht mehr lernen, weil die Mütter es lieber schnell selber tun. Das Motto sollte wie bei Maria Montessori heißen: "Hilf mir, es selbst zu tun!" Auch wenn das anstrengender ist und erst mal länger dauert - auf lange Sicht ist es verheerend, den Kindern alles abzunehmen. Es gibt heute Kinder, die überversorgt werden wie im Hotel. Man darf ihnen auch im Haushalt etwas abverlangen. Statt sie zur Ergotherapie zu schicken, sollten sie zu Hause mithelfen. Im Familienalltag gibt es kreatives Lernen vom Sockenaufrollen bis zum Tischdecken. Wenn ein Vierjähriger den Tisch für vier Personen deckt, ist das eine hochkomplexe Aufgabe. Er muss viele Dinge beachten und kann tolle Lernfortschritte machen.

Berliner Morgenpost: Viele Kinder schalten bei den ewigen Ermahnungen aber eher auf Durchzug...

Werner Küstenmacher: Rituelles Motzen hilft den Kindern wenig. Man gibt damit zwar eine Aufgabe, geht aber innerlich davon aus, du machst das ja eh nicht. Das spüren Kinder. Besser ist es, klare, zeitlich begrenzte Aufträge zu geben, wie: Heute sind die Legosteine dran oder die Socken. Sie sollten daran glauben, dass das Kind sie schafft. Kinder sind stolz, wenn sie überschaubare Aufgaben meistern.

Berliner Morgenpost: Klappt das denn ohne Drohungen und Sanktionen?

Werner Küstenmacher: Nicht ganz, eine gewisse Abstufung von Sanktionen wird es geben müssen. Wenn ältere Kinder zum Beispiel ihre Klamotten immer auf den Boden werfen, sollten sie sie irgendwann selber waschen. So lernen sie auch die Nachteile der Unordnung einzuschätzen. Man sollte aber auch wissen, dass die Ordnungsbedürfnisse von Kindern anders sind als die der Eltern. Also, bitte ein großes Herz haben.

Berliner Morgenpost: Wann sollte man anfangen?

Werner Küstenmacher: Schon im Kitaalter. Zum Beispiel im Badezimmer, wo die Sachen von allen Familienmitgliedern einen Platz brauchen, da geht es erst mal spielerisch, und sie lernen früh zu schätzen, dass jeder seine Sachen wiederfindet. Kinder finden es auch schön, wenn die Eltern wissen, wo das Pflaster ist, wenn sie sich geschnitten haben. Es nervt, wenn Eltern dann selber suchen müssen.

Berliner Morgenpost: Wenn Kinder ausziehen, werden sie meist von allein ordentlich, weil sie es nun "für sich" tun. Die Mütter hadern mit der Zeit, die sie mit Streiten verbracht haben...

Werner Küstenmacher: Es ist schon merkwürdig, aber es ist so. Auch wir haben diese Erfahrung mit unseren Kindern gemacht. Kinder lernen viele Dinge im Stillen für sich, und wenn sie dann ausziehen, wissen sie auf einmal, wie es geht. Also: die Hoffnung nicht aufgeben, dass unsere ganzen Erziehungsversuche doch irgendwo hängenbleiben! Das ist nicht sinnlos, sondern notwendig.