Jugend

Wenn Kinder anderen Kindern ihre Welt erklären

Er kommt in einem Briefumschlag aus Hongkong, einem ziemlich dicken, aber das liegt nicht an ihm. Stanley braucht nicht viel Platz, er ist ganz flach, eine Papierfigur. Zusammengefaltet steckt er hinten in einem Schulheft. Der beigelegte Brief bittet Helena darum, ihn schnell dort herauszunehmen.

"Er würde sich sehr freuen, wenn er sich mal ein bisschen strecken darf." Von diesem Moment an hat die Neunjährige viel zu tun. Eine Woche bleibt ihr, um Stanley die Stadt zu zeigen, bevor sie ihn wieder im Heft verstauen und an das nächste Kind auf der Liste weiterschicken muss. Zwei weitere Reisestationen hat der 25-Zentimeter-Mann mit der lila Krawatte vor sich, Ende April reist er wieder nach Hongkong zurück.

Dort wartet Nina schon auf ihn. Die Sechsjährige hat den Papiermann Anfang März in den Briefkasten geworfen, zusammen mit vielen Fotos und Informationen, über sich, ihre Familie, ihre Stadt. Seit vier Jahren nehmen die Schüler der Deutsch-Schweizerischen Internationalen Schule Hongkong an einem "Flat Stanley" Projekt teil. Die Figur stammt aus dem Jahr 1964, als Jeff Brown die Geschichte des Jungen "Stanley Lambchop" aufschrieb: Nachts fällt das große Brett, das als Pinnwand über seinem Bett hängt, auf den schlafenden Stanley. Erstaunlicherweise überlebt er, allerdings ist er von nun an so flach, dass er zwischen Fußboden und Tür hindurchpasst - und in einem Briefumschlag an seine Freunde verschickt werden kann.

"Mehr als eine Brieffreundschaft"

1995 griff der kanadische Grundschullehrer Dale Hubert die Idee auf und startete das "Flat Stanley Project". Er bastelte mit seinen Schülern Papierfiguren und suchte andere Lehrer, die die "Flat Stanleys" einluden, in ihren Klassen unterbrachten und die Schüler über die Erlebnisse Tagebuch führen ließen. Nach einer Woche schickten sie Gäste und Tagebücher zurück. Dale Hubert ging es vor allem darum, die Kinder zum Schreiben zu bringen. Diese Idee steht bis heute hinter jedem "Flat Stanley". "Es ist so ähnlich wie eine Brieffreundschaft - nur viel mehr", so beschreibt der Gründer sein Projekt. In einer normalen Brieffreundschaft falle den Kindern oft nichts ein, worüber sie schreiben sollten. Aber mit "Flat Stanley" hätten sie einen "gemeinsamen Freund" und die Ideen kämen ganz von selbst.

Helena und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Fabian wollen Flat Stanley (und Nina) unbedingt das Olympiastadion zeigen: "Weil da Hertha spielt", sagt Fabian, und weil ihre frühere Kita gleich nebenan liegt. Und danach? Vor dem Stadion beraten die beiden, was bei einer Berlin-Tour nicht fehlen darf. Brandenburger Tor und Reichstag müssen sein, finden die Eltern, und die Mauer sowieso, "aber da, wo sie bunt ist", verlangt Helena. "Vielleicht noch das Naturkundemuseum", überlegt Fabian, "die Dinos fände Nina bestimmt auch cool". Einen ganzen Nachmittag fahren die beiden mit ihrem Gast in der Stadt herum, turnen auf den Sitzen im Olympiastadion herum, setzen ihn auf die Wiese vor dem Reichstag, auf eine Fahrradrikscha vor dem Brandenburger Tor, auf die Schaukel im Mauerpark. Und vor allem: fotografieren ihn an jeder Station. "Ein bisschen komisch kommt man sich aber schon vor, wenn man mit so einer Papierfigur herumläuft", sagt Helena, "alle gucken uns an und wundern sich."

Deshalb bleibt Stanley ein weiterer Ausflug verwehrt: Eigentlich sollte Helena ihren Gast auch mal mit in die Schule nehmen, damit die Kinder in Ninas Klasse erfahren, wie der Unterricht in einer Berliner Schule so aussieht. Aber Helena ist in der vierten Klasse, da spielt es schon eine Rolle, was die Freunde denken, wenn man eine Papierfigur mitbringt - "viel zu peinlich" wäre das, sagt sie. Also darf Flat Stanley nur vor dem Eingang fotografiert werden, eines der Fotos, die Helena am Ende der Woche in das Schulheft klebt.

Wenn Stanley nach zwei Monaten wieder bei Nina ist, werden Maxi aus Pullach und Annabelle aus Westport nahe New York die Fotos von ihren Ausflügen mit dem Gast hinzugefügt haben. Die Reisetagebücher erzählen Nina und ihren 48 Mitschülern von den Ländern, in denen ihre Stanleys unterwegs waren. Aber dabei bleibt es nicht: Das Projekt sei auch Teil des Erdkundeunterrichts, erklärt Kristeen Cayrouse, die an der deutschen Schule in Hongkong die Zweitklässler unterrichtet. "Wir sehen uns auf einer Weltkarte an, welche Orte die Flat Stanleys besucht haben, wir sprechen über die Länder und darüber, wie die Menschen dort leben." Die Ziele der Stanleys liegen weit verstreut, erzählt die Lehrerin: In den vergangenen Jahren war einer von ihnen sogar in der Arktis.

Tausende Schulklassen weltweit haben seit 1995 am Flat-Stanley-Projekt teilgenommen. Einige der Papierfiguren machten Schlagzeilen: Etwa die im US-Airways-Flugzeug, das am 15. Januar 2009 auf dem Hudson in New York notlandete. Wie die 155 Menschen an Bord schaffte auch Stanley es an Land. Bereits zwei seiner Kollegen flogen ins All. Auch Politiker lassen sich gern mit den bunten Figuren fotografieren, um zu zeigen, wie sehr Kinder und Bildung ihnen am Herzen liegen: Kanadas damaliger Premierminister Paul Martin nahm eine der Figuren mit, als er 2003 seinen Amtseid ablegte, im Weißen Haus sind sie Stammgast.

Warten auf die Rückkehr

Aber auch die Figuren mit weniger prominenten Gastgebern und nicht so exotischen Reisezielen werden zu Hause sehnsüchtig erwartet. Erst einmal sei es vorgekommen, dass ein Flat Stanley verlorenging und nie zurückkehrte, erzählt Kristeen Cayrouse. Alle anderen Stanleys - in den vergangenen Jahren immerhin ungefähr 200 - landeten wieder im Briefkasten der Schule. Und das, obwohl die Gastgeber schon ein bisschen Zeit mitbringen müssen, um Flat Stanley in der Stadt herumzuführen und die Erlebnisse aufzuschreiben. Nach der Schule noch nachzuschlagen, wann der Reichstag erbaut wurde, und aufzuschreiben, weshalb es die Berliner Mauer gab: "Erst hatte ich keine Lust", gibt Helena zu. "Aber dann hat es mir doch Spaß gemacht." Und außerdem fand sie es spannend, was Nina über sich und ihr Leben in Hongkong in das Schulheft geschrieben hat: Sie liebt Schwimmen - "wie ich", sagt Helena - und Sonntage, an denen sie mit ihrem Vater Schokolade isst. Mit ihrer Mutter geht sie gern essen, "zum Ladies Lunch", schreibt sie, und an ihrer Heimatstadt mag sie vor allem die beiden großen Vergnügungsparks Disneyland und Ocean Park - und die U-Bahn, die findet sie "echt cool".

Mit den 14 Seiten voller Fotos im Schulheft ist Hongkong für Helena und Fabian ein Stück näher an Berlin gerückt. Die Idee, Kinder mit einem gemeinsamen Freund zusammenzubringen, funktioniert - auch in Zeiten, in denen Bilder aus New York, Johannesburg oder Hongkong im Internet jederzeit verfügbar sind. Als Jeff Brown vor fast 50 Jahren sein Kinderbuch schrieb, war Kalifornien ein geradezu exotisches Reiseziel, das die meisten seiner Leser nie besuchen würden. Nina dagegen hätten ihrem Flat Stanley schon vorher von seinen Reisezielen erzählen können: Mit ihrer deutsch-chinesisch-amerikanischen Familie war sie längst in Berlin, in Bayern, in New York. Ninas Mutter stammt aus Essen, wuchs aber in den USA auf, ihr Vater ist in Hongkong geboren, lebte im Ruhrgebiet und in Berlin, bevor er vor 15 Jahren wieder nach Hongkong zog. Vielen ihrer 48 Mitschüler geht es ähnlich - sie kommen aus internationalen Familien, die seit Jahren um die Welt ziehen. Und trotzdem haben diese Globalisierungskinder ihre Stanleys ganz vorsichtig ausgeschnitten, sie bunt angemalt, laminiert, haben Fotos ausgesucht und aufgeschrieben, wer sie sind, wie sie leben, was sie mögen. Jetzt hoffen sie, dass die Kinder und Erwachsenen, denen sie ihre Papierfreunde anvertraut haben, sich ähnlich viel Mühe machen und ein Stück Alltag aus der Ferne schicken.

Jeff Browns Kinderbuch über Stanley Lambchops Abenteuer endet, als sein kleiner Bruder ihn mit Hilfe einer Luftpumpe wieder auf Normalformat zurückbringt. Er hat es satt, dass alle sich nur noch für Stanleys Abenteuer interessieren. Wie gut, dass Ninas Stanley keinen kleinen Bruder hat.