Bildung und Erziehung

Internat statt Kinderheim

Ämter vermitteln Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen in Internate. Das hat für alle Vorteile

Um 6.30 Uhr klingelt Oskars* Wecker, kurz darauf klopft ein Erzieher an sein Zimmer. Meist ist der 17-Jährige dann schon auf den Beinen. "Aufstehen war noch nie mein Problem, ich bin sofort hellwach", sagt Oskar. Um sieben Uhr ertönt der Frühstücksgong, dann steht Oskar im Essensaal an seinem Platz und spricht das tägliche "Guten Morgen" im Chor mit den anderen Internatsschülern. Sein Internatsplatz an der Königin-Luise-Stiftung in Dahlem wird von der Jugendhilfe finanziert. Das heißt, das Land kommt für die Betreuung auf. Oskar hat das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS, seine Lehrer an der ehemaligen Schule konnten mit den ausgeprägten Konzentrationsschwächen nicht umgehen und auch seine alleinerziehende Mutter war überfordert. Seit sieben Jahren ist er im Internat, und nun geht es bald ins "richtige" Leben. Oskar freut sich schon darauf, auch wenn ihm der Abschied schwer fällt: "Ich will endlich auf eigenen Beinen stehen, schließlich bin ich bald 18."

Von den 60 Internatsplätzen in der Königin-Luise-Stiftung sind 80 Prozent von den Jugendämtern finanziert. Nur 20 Prozent der Internatsschüler sind sogenannte Selbstzahler. Die Eltern müssen für die Unterbringung 1670 Euro monatlich aufbringen. Der Anteil der Jugendhilfefälle ist in den vergangenen Jahren beständig gestiegen. In den 70er Jahren gab es an der Königin-Luise-Stiftung noch doppelt so viele selbstzahlende Internatsschüler. Damals war die Stiftung eine Ausnahme, die Internate galten gemeinhin eher als elitäre Einrichtungen für vermögende Familien. Inzwischen ist die Dahlemer Privatschule Vorreiter in einem bundesweiten Trend. Zunehmend ersetzen Internatsplätze an Privatschulen die stationäre Unterbringung von Kindern und Jugendlichen im Heim. Auch, weil es für die Ämter günstiger ist.

Keine Eliteschule

Als Mitglied des Diakonischen Werkes ist die Königin-Luise-Stiftung anerkannte Jugendhilfeeinrichtung. "Wir sind keine Privatschule im klassischen Sinn", versucht Internatsleiterin Heidi Kong die Besonderheit vorsichtig zu beschreiben. Die Internatskinder kommen teilweise aus zerrütteten Familien, mehr als die Hälfte der Eltern ist alleinerziehend. Häufig kämen massive Probleme in der Schule dazu. Weil die Lehrer mit den Verhaltensauffälligkeiten nicht klar kommen, werden die Schüler von einer Einrichtung zur nächsten weitergereicht. Mit viel Glück landen sie an der Dahlemer Privatschule.

Nur fünf Prozent der Jugendlichen brechen die Jugendhilfemaßnahme ab, alle, die dabei bleiben, schaffen hier ihren Schulabschluss. Für die Eltern sei der Internatsplatz viel einfacher zu akzeptieren als ein Heimplatz. "Viele befürchten, dass der Aufenthalt im Heim ihre Kinder ein Leben lang stigmatisieren könnte", sagt Heidi Kong. Das Internatsleben an einer traditionsreichen Privatschule in Zehlendorf dagegen sei eher positiv besetzt. Die Eltern müssten die Kinder auch nicht aus der Hand geben. Der Kontakt zu den Familien werde gepflegt, am Wochenende ist der Großteil der Kinder zu Hause.

Und auch die Kinder würden sich nicht abgeschoben fühlen. Die Jugendhilfefälle leben hier unter einem Dach mit Kindern aus sehr behüteten oder wohlhabenden Familien. "Zwei Welten treffen aufeinander, doch es gibt erstaunlich wenige Konflikte", sagt Heidi Kong. Obwohl es unter den Internatsschülern kein Geheimnis sei, wer Privatzahler ist und wer vom Jugendamt hierher vermittelt wurde, gebe es kaum Berührungsängste oder Vorbehalte zwischen ihnen. Manchmal seien die Selbstzahlerkinder sogar neidisch auf die anderen, weil die zum Beispiel regelmäßig von der Jugendhilfe ihr Taschengeld bekommen, während die Eltern der Privatzahler bei einer schlechten Note gerne mal das Taschengeld streichen würden.

Natürlich gebe es die kleinen Revierkämpfe in den Gruppen. "Aber die sind auch wichtig für den sozialen Lernprozess", sagt die Internatsleiterin. In jeder Wohneinheit leben sechs bis acht Jugendliche mit einem gemeinsamen Waschraum, einer Küche und einem Freizeitraum. "Die Jugendliche müssen lernen Probleme anzusprechen und Kompromisse zu finden", sagt Heidi Kong.

Die Regeln sind relativ streng. Jeden Tag müssen die Zimmer aufgeräumt werden. Um 21 Uhr ist der Fernseher aus, um 22 Uhr ist das Licht aus. "Die Kinder brauchen und lieben die Rituale wie die morgendliche Begrüßung im Frühstücksraum", sagt die Internatsleiterin.

Oskar genießt es, morgens noch in Ruhe seinen Kaffee zu trinken und dann ganz entspannt in den Tag zu starten. Wenn er sieht, wie die anderen Schüler von zu Hause angehetzt kommen, fühlt er sich privilegiert. Er muss noch nicht mal das Haus verlassen, um in den Unterricht zu kommen. Seine Schulbücher sind immer greifbar und in einer Freistunde kann er einfach in sein Zimmer gehen. "Am Nachmittag ist immer was los und wenn ich meine Ruhe haben will, kann ich einfach die Tür hinter mir zu machen", sagt er. Das werde er vermissen, sagt Oskar. Dennoch will er selbstständig leben, raus aus der geschützten Welt des Internats. Zumindest für ein Jahr will Oskar arbeiten und Geld verdienen. Dann möchte er wieder zur Schule gehen und das Abitur machen. "Ich habe erst relativ spät entdeckt, dass Schule auch Spaß machen kann", sagt er. Wesentlich dazu beigetragen habe der Einzelunterricht, den Oskar in diesem Jahr in einigen Fächern erhält. Jetzt habe er beste Aussichten auf einen guten Mittleren Schulabschluss, der ihm auch den Weg zum Abitur ermöglicht.

Sein gleichaltriger Mitschüler Niklas ist bereits am Gymnasium der Königin-Luise-Stiftung. Auch er war ein halbes Jahr im Internat. Er gehörte zu den Privatzahlern. "Die Erzieher haben mir viel Verantwortung übertragen und mich zur Mithilfe eingespannt", erzählt der 18-Jährige. Zuerst habe er das merkwürdig gefunden. "Aber es hat mir sehr viel gebracht, sonst wäre ich heute ganz bestimmt nicht Schulsprecher", sagt er.

Der integrative Charakter gehört zur Tradition der Königin-Luise-Stiftung, die in diesem Jahr ihr 200-jähriges Jubiläum feiert. "Das sagen wir allen Eltern in den Aufnahmegesprächen. Wir sind keine Eliteschule, hier spiegelt sich nicht nur Dahlem, sondern ganz Berlin wieder", sagt Jens Stiller, Leiter des Gymnasiums.

"Es ist erzieherisch sehr wertvoll, wenn die Kinder lernen, auch Mitschüler aus schwierigen Verhältnissen zu integrieren", sagt die Elternvertreterin Claudia Branz. Wenn Kinder in einem völlig geschützten Raum groß werden, seien sie kaum auf die Welt vorbereitet, findet die Mutter, deren Tochter die Oberstufe der Königin-Luise-Stiftung besucht. Zudem könnten alle Schüler, nicht nur die Jugendhilfefälle, von dem Netzwerk von Psychologen, Familientherapeuten und Sozialpädagogen profitieren.

Die meisten Familien in den Anmeldegesprächen würden das Konzept unterstützen, sagt auch Gymnasialleiter Stiller. Die Zahlen sprechen für sich: Auf 40 Plätze des grundständigen Gymnasiums kommen 150 Bewerber. Bei den Auswahlverfahren achtet die Schule nicht nur auf den Notendurchschnitt, sondern auch darauf, dass die Mischung in der Klasse stimmt. Oskar will später Psychologie studieren. "Vielleicht komme ich ja als Mitarbeiter an die Schule zurück", sagt er.

*Namen geändert