Familie

Wieso bekommen wir eigentlich Kinder?

Sie kosten Geld und Nerven, machen Ärger und Druck. Aber wir wollen sie trotzdem

Was wäre wenn - mit diesen drei Worten finden große Romane ihren Anfang. Große Filme auch. Erfindungen erst recht. Und Abenteuer. Und manchmal, manchmal nehmen auch Zweifel so ihren Anfang. Es gibt Dinge, an denen darf man zweifeln. An Atomkraft, an der Sinnhaftigkeit von Parkraumbewirtschaftung, an genetisch manipulierten Lebensmitteln. Dann gibt es Dinge, an denen man besser nicht zweifeln sollte. An der Glaubwürdigkeit des eigenen Verstandes, an der irgendwo tief im Kern sitzenden Gutherzigkeit der Schwiegermutter. An der Vorstellung, dass Kinder zu haben wirklich das Allerbeste ist, was einem je passiert ist. Ulkig, dass das gerade jetzt zur Sprache kommt. Eine Studie der "Psychological Science" hat nämlich jüngst herausgefunden, dass Eltern im Bestreben, sich das Elterndasein nicht madig zu machen, quasi permanent selbst in die Tasche lügen. Ein emotionspsychologischer Test brachte ein recht ernüchterndes Ergebnis ans Licht: Elternsein ist gar nicht so toll, wie wir immer tun.

Stimmt das tatsächlich? Objektiv betrachtet ist Kinder zu kriegen so ziemlich das einzig Sinnvolle, was ein Mensch tun kann, um seine Existenz zu rechtfertigen. Es geht schließlich um den Erhalt der Art, rein biologisch betrachtet. Von der sozialen Seite her betrachtet ist das Kinderkriegen auch nicht schlecht, denn die Alten werden dann jemanden haben, der sie im Idealfall bis zum Tode mitversorgt oder wenigstens in die Rentenkasse einzahlt. Kinder sind darüber hinaus ein Quell fortwährender Freude, wenn sie nicht gerade Unfälle mit ihrem Skateboard erleiden, bescheuerte Freundinnen und Freunde anschleppen oder Läuse. Ich persönlich liebe Kinder.

Sie ahnen es: Da kommt jetzt noch ein "Aber". Bitte sehr: Aber. Kinder sind auch laut, manchmal spiegeln sie die eigenen Defizite so deutlich, dass man über sich selbst unglücklich wird ("Hätte ich mich doch eher mit meiner Mutter auseinandergesetzt", möchte man da rufen), sie fressen einem die Haare vom Kopf, sorgen dafür, dass man in einen blöden Club oder zumindest ans Meer in Urlaub fahren muss und nicht wie früher die GR 20 auf Korsika entlangwandern kann, nur ausgestattet mit Trekkingnahrung und einem Opinel-Messer. Vielleicht hat man ohne Kinder sogar ein paar Falten weniger, ebenso wie viele Kilos, von Dehnungsstreifen mal abgesehen.

Bevor Sie jetzt schon den Stift zücken, um garstige Leserbriefe á la "Sie oberflächliches, egomanisches Miststück, Sie haben wohl noch nie etwas von wahrer Liebe gehört" zu schreiben, darf ich kurz den Testablauf der genannten Studie beschreiben. 80 Väter und Mütter wurden in einigen Versuchsabläufen ständig auf die zur Aufzucht nötigen Kosten eines Kindes bis zum 18. Lebensjahr hingewiesen, etwa knapp 140 000 Euro. Der zweiten Gruppe wurde zusätzlich versichert, dass Kinder zu haben etwas ganz Fabelhaftes sei, denn sie würden immerhin ihre Eltern im Alter unterstützen. Fast logisch ist, dass sich die erste Gruppe (die nur die finanziellen Folgen vor Augen hatte) im Anschluss recht unwohl fühlte. Gleichzeitig, und dass überraschte die Forscher, zeigten diese Teilnehmer aber auch eine stärkere Identifikation mit der Elternschaft. Woraus man lapidar schließen kann, dass sie sich, um das Ganze zu rechtfertigen, einfach in die Tasche lügen.

Das macht natürlich Sinn. Nehmen wir an, ein Kind wäre nicht das wundervollste Ding in einem Leben, sondern eher so etwas wie ein Kollege. Wenn dieser uns ständig nachts aus dem Bett klingeln würde, zu wichtigen Besprechungen nicht erscheinen und trotzdem ständig mäkeln würde, weil mit dem Mittagessen etwas nicht stimmt, die Jeanshose nicht die richtige sei fürs Büro, und dieser auch sonst eher selten als häufig mitarbeiten würde - was würden Sie tun? Sie würden entweder dafür sorgen, dass dieser Typ gefeuert wird. Oder Sie würden selbst gehen, allerdings nicht ohne gewaltigen Frust.

Kennen Sie diese Momente, in denen Sie ein alter Freund anruft und sagt. "Hey, ich habe zwei unglaublich tolle Karten für dieses Abschiedskonzert von Prince, ist aber heute Abend; zwei Tickets für diese Wahnsinnsreise nach Mexiko; einen Sprachkurs in Südfrankreich gewonnen, Brad Pitt wird auch da sein!". Kennen Sie nicht? Nun, ich auch nicht. Aber so ähnlich passiert es immer wieder. Zum Beispiel feiert ein Freund bald seinen 40sten auf Ibiza. Mitten in der Woche, Riesengaudi. Aber: Kindsvater beruflich unterwegs, keine Chance. Schwupps war er da, der hässliche Gedanke: "Wenn ich keine Kinder hätte, dann..."

Natürlich weiß ich, dass man so etwas nicht offen aussprechen darf. Aber denken, das schon. Zum Beispiel kommt der manchmal übermächtige Wunsch, einfach mal in Ruhe auszuschlafen, aufzuwachen und ohne Gekreisch für sich selbst Eierkuchen zu machen, ohne dass einem kleine, klebrige Patschhände das frisch gebratene Zeug vom Teller reißen. Oder mit der Freundin tatsächlich einen Sprachkurs zu machen, wie wir es uns vor knapp 20 Jahren nach dem Abitur vorgenommen haben. Sie macht ihn jetzt, in Perugia, sechs Wochen, natürlich ohne mich. Oder sich einfach mal keine Sorgen machen müssen. Nicht darüber nachdenken müssen, ob irgendein Psychopath die Kinder später auf dem Nachhauseweg entführt. Ob sie Krankheiten bekommen, für die es keine Heilung gibt. Oder einem Kampfhund zum Opfer fallen. Oder auf irgendeinem U-Bahnhof zum Krüppel geschlagen werden. Bindungslos zu sein hat ja auch eine Menge Vorteile. Man kann frei in den Tag hineinleben und muss sich um nicht viel scheren, weil man nur sich selbst Rechenschaft ablegen muss.

Um zu dem Beispiel mit dem schäbigen Kollegen zurückzukehren: Wenn man sich ständig die Anstrengungen vor Augen hält, die es kostet, den Kollegen mitzuschleppen, würde man nicht mehr arbeiten wollen. Man müsste es sich natürlich schönreden, zumindest, bis sich das Arbeitsverhältnis ändert. Darum ist es zwangsläufig nötig, sich selbst zu betuppen. Damit man dem enormen Druck standhält, der bei dem Versuch entsteht, ein liebes, fortschrittlich denkendes, sozial kompatibles und glückliches Menschenwesen zu formen. Und natürlich spielt nicht zuletzt die Eitelkeit eine Rolle. Erbt er die Schönheit seiner Mutter? Wird sie ähnlich begabt wie ihr Vater? Sieh nur, die beiden haben genau deine Augen!

Kleine Kinder, kleine Sorgen - große Kinder, große Sorgen. Eigentlich nur ein dummer Spruch, an dem aber viel Wahres ist. Es kostet unzählige Nerven, das Elternteil zu werden, dass man sich vorgenommen hat zu sein. Und viel Geld. Die ganze Zeit ist eine Ära des ewigen Kompromisses. Nicht nur, weil Oma Käthes gutes Sofa nach einer Behandlung mit Edding (Kind) und Terpentin (Mutter) dran glauben musste. Im letzteren Fall würde es natürlich helfen, das ganze amerikanisch zu betrachten und das Mobiliar mit einer nahezu unzerstörbaren Plastikfolie zu überziehen. Für den allgemeinen Notfall ist der Spruch einer anderen Mutter nützlich: "Ich übergieße mich jetzt mit Teflon, dann prallt alles an mir ab."

Kinder sind ein Quell fortwährender Freude, wenn sie nicht gerade einen Unfall mit ihrem Skateboard erleiden, bescheuerte Freunde anschleppen oder Läuse.