Ensembles für Kinder

Auf die Bühne, fertig, los!

Die drei Berliner Opernhäuser und der Friedrichstadtpalast haben eigene Ensembles für Kinder. Doch vor dem ersten Applaus liegt monatelanges hartes Training

Foto: Massimo Rodari

Enny-Lee ist die Erste, die beim Training den großen Probenraum betritt. Man könnte meinen, das zarte Mädchen würde sich verlieren in diesem Spiegelsaal, aber die achtjährige Ballerina weiß den Raum mit Anmut und Bewegung zu füllen. Immerhin ist Enny-Lee schon ein kleiner Profi. Seit zwei Jahren gehört sie zum jungen Ensemble des Friedrichstadtpalastes und hat drei Monate lang in der Show "Träume brauchen Anlauf" auf der Bühne gestanden - als Kürbis.

Was auf der Bühne so leicht aussieht, bedeutet monatelanges hartes Training. Zweimal in der Woche kommen die Kinder, die meisten sind Mädchen, zum Training in den Friedrichstadtpalast, aus allen Bezirken der Stadt, sogar aus dem Umland. Lachend und plappernd laufen sie in den Tanzsaal. Viele Mädchen haben hier Freundschaften geschlossen, freuen sich auf das Wiedersehen beim Training, wo schon Christina Tarelkin auf sie wartet, die Trainerin und Direktorin des jungen Ensembles. Ihrem Blick entgeht nichts, nicht der Pferdeschwanz - die Haare müssen hochgesteckt oder zum Dutt gebunden werden - und auch nicht die fünfminütige Verspätung. Sie ermahnt ihre Eleven zu Pünktlichkeit. Die Strenge hat ihre Berechtigung, "Disziplin ist eine der wichtigsten Tugenden", erklärt die Trainerin, "auf der Bühne kann man schließlich auch nicht zehn Minuten zu spät kommen."

Dieser Anspruch an Disziplin und Pünktlichkeit fordert auch die Eltern der Ballerinen heraus. Enny-Lee wohnt in Charlottenburg und geht dort auch zur Schule. Ihre Mutter Manuela Häusler arbeitet halbtags, sonst könnte sie es gar nicht einrichten, ihre Tochter zweimal in der Woche nach Mitte zu bringen. Von der Arbeit hetzt sie zur Schule, holt die Tochter ab, dann müssen noch Hausaufgaben gemacht werden, bis es mit der S-Bahn nach Mitte geht. Dennoch bereut sie es nicht, dass sie vor zwei Jahren mit ihrer Tochter zum Casting gekommen ist, auch wenn sie betont, keinen Ehrgeiz in die Sache gelegt zu haben. "Wenn es klappt, dann freue ich mich. Wenn nicht, dann ist es nicht schlimm", hatte sie sich damals gesagt.

Aufgeregt war sie aber doch, als ihre Tochter mit 300 anderen Kindern wartete, bis sie aufgerufen wurde. In Gruppen zu 50 wurden die Kinder in den Saal zur Begutachtung gerufen. Die einen kamen danach mit, die anderen ohne Zettel heraus. Auch Enny-Lee hielt ein Papier in der Hand und strahlte - es war die Zusage. Aber Manuela Häusler erinnert sich auch an Tränen bei manchen Kindern, an wütende Mütter, die mit den Trainern diskutieren wollten, um ihre Tochter doch noch ins Ensemble zu bugsieren.

Vorsingen mit Pippi Langstrumpf

Oft lässt sich gar nicht leicht herausfiltern, ob die Kinder auf die Bühne wollen, oder ob ihre Eltern dies wünschen. Das erlebt auch die Leiterin des Kinderchores der Deutschen Oper immer wieder. Vor drei Jahren wurde der Chor erst gegründet, inzwischen gehören ihm 120 Kinder an. Eine der Sängerinnen ist die elfjährige Katinka, die von Anfang an dabei ist. In der Berliner Morgenpost hatte ihre Mutter Henriette Wackwitz gelesen, dass Berlins größtes Opernhaus einen eigenen Kinderchor aufbauen will. Sie wusste, wie viel Spaß ihrer Tochter das Singen machte. Schon im Kindergarten, danach im Kirchenchor. Und sie hat gesehen, "dass Katinka nicht gleich vor Lampenfieber umkippt, wenn sie vor Publikum steht". Das Wichtigste aber: Katinka wollte es selbst, sie wollte in der Oper vorsingen, nicht ihre Mutter. Selbst hat sie sich auch ihr Vorsingstück ausgesucht: "Hey, Pippi Langstrumpf - trallari trallahey tralla hoppsasa".

In der Oper verschwand Katinka im schalldichten Probenraum. Henriette Wackwitz blieb draußen, inmitten von Eltern, die für ihre Kinder Partituren von anspruchsvollen Liedern und Popsongs in der Hand hielten. Dass sich ihre Tochter mit "Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt und drei macht Neune" dagegen behaupten würde, hat sie nicht geglaubt - und erst einige Wochen später per Mail erfahren. Umso gerührter war sie ein Jahr danach, als sie ihre Tochter das erste Mal auf der Bühne sah, nicht in "Pippi", sondern in "Falstaff".

Heute geht Katinka oft mehrmals in der Woche in die Oper. Wie viele Proben sie hat, richtet sich danach, bei welchen Produktionen sie eingeteilt ist. Dazu kommt noch Stimmbildung. Katinka singt zurzeit in "Otello" und "Carmen" mit. In mancher Woche sind das schon mal fünf Termine. Das ist anstrengend - auch für die Chorleiterin. Sie muss die Kinder, die mit ihren Gedanken noch in der Schule oder irgendwo sind, auf die Oper einstellen. "Mit dem Einsingen bahne ich ihnen geistig den Weg", erklärt Dagmar Fiebach. Für die Otello-Probe eilen 40 Kinder in den Probenraum, schon stimmt sie den Ton an. In der einen Ecke muss sie für Ruhe sorgen, in der anderen für den rechten Klang: "Nicht so ein Altes-Oma-A singen!"

Am Ende des Monats verschickt Fiebach meist den Probenplan für den nächsten Monat, "dann beginnt das Organisationskarussell", sagt Katinkas Mutter. Da sie als Flugbegleiterin viel unterwegs ist, springt die Oma für Hol- und Bringedienste ein. Zeit für andere Freizeitbeschäftigungen bleibt Katinka nicht - nur den Klavierunterricht schafft sie noch. Ein festes Training im Sportverein würde sie nicht einhalten können.

Katinka besucht heute die sechste Klasse einer Wilmersdorfer Grundschule. Im Sommer will sie aufs Gymnasium wechseln, und das dürfte mit ihren Noten auch kein Problem sein. Aber schon oft hat sich ihre Mutter Gedanken gemacht, was wäre, wenn Katinkas Leistungen in der Schule nachlassen. Sie sieht, wie viel Freude ihrer Tochter das Singen macht, wie sie in den vergangenen zwei Jahren an Selbstbewusstsein gewonnen hat, wie diese bunte Gruppe von Kindern verschiedenen Alters zusammengewachsen ist. "Die Oper gibt Katinka so viel - das kann ich ihr doch nicht nehmen!" Solange ihre Tochter beim Chor bleiben will, würde Henriette Wackwitz eher eine Veränderung in der Schule anstreben, wenn es einmal Schwierigkeiten geben sollte, sie würde sogar überlegen, sie vom Gymnasium auf eine Sekundarschule zu geben. "Leben darf nicht nur aus Schule bestehen!", ist sie überzeugt.

So weit würde Enny-Lees Mutter wohl nicht gehen: Schule gehe vor, sagt sie. Und damit ihre Tochter das Programm mit Schule, Training und Hausaufgaben schafft, achtet sie ansonsten auf viel Ruhe. Neben dem Ballett besucht Enny-Lee noch einmal in der Woche eine Theaterschule, aber ihr Wunsch, Klavier oder Geige zu spielen, muss erst einmal hintanstehen. Manuela Häusler würde es auch nicht wollen, wenn ihre Tochter an Abendvorstellungen teilnehmen würde. Oft ist ihre Tochter abends so müde, dass sie schon um 19 Uhr ins Bett geht. Chorleiterin Dagmar Fiebach ist aber überzeugt, "dass sich der Biorhythmus der Kinder schnell umstellt". Katinka jedenfalls hat kein Problem, wenn sie nach der Vorstellung erst um 23 Uhr ins Bett kommt, "sie wacht trotzdem morgens um 7 Uhr auf", sagt ihre Mutter. Und das muss sie auch, denn vom Unterricht freigestellt wird Katinka nicht.

Probe geht vor Kindergeburtstag

Neben einer stabilen Grundkonstitution brauchen Kinder aber noch viel mehr, um auf der Bühne zu bestehen. "Viele glauben, man singt einfach los", sagt die Leiterin des Kinderchors, "tatsächlich erfordert es aber viel Einsatz": Man müsse auch Härten und Entbehrungen in Kauf nehmen, auch mal auf die Geburtstagsfeier bei einer Freundin verzichten, "da muss richtig Herzblut dahinter sein". Und vor allem bräuchten die Kinder viel Geduld: "Man muss den Kindern Zeit lassen, sich zu entwickeln", manch einer würde schon nach einem halben Jahr auf der Bühne stehen, bei manchen dauert es länger, und bei manchem Kind zeige sich eben doch, dass es vielleicht weniger geeignet ist. Dies sei manchmal leichter den Kindern als den Eltern zu vermitteln, weiß die Balletttrainerin ebenso wie die Chorleiterin.

Wer einmal im Ensemble ist, hat keine Garantie, bis zum Alter von 16 Jahren zu bleiben. Immer wieder müssen sich die jungen Tänzerinnen behaupten. Besonders schwierig ist das am Beginn der Pubertät, "wenn die Mädchen mit ihrem Körper nicht zurechtkommen, wenn alles unproportioniert ist, "aber da müssen sie durch", sagt Christina Tarelkin nüchtern - und die meisten schaffen das auch. Sich ein bisschen herauszufordern, findet auch Enny-Lees Mutter durchaus in Ordnung, "ich habe doch gesehen, dass Enny-Lee dadurch mehr Sicherheit gewonnen hat."

Solange es ihren Töchtern Spaß und nicht Druck macht, auf der Bühne zu stehen, nehmen Manuela Häusler und Henriette Wackwitz das Organisieren gern in Kauf, das für sie damit verbunden ist. Und der Kinderchor habe ja auch letztlich der Beziehung zu ihrer Tochter gut getan, sagt Katinkas Mutter: "Wir haben zusammen die Liebe zur Oper entdeckt, das ist unser gemeinsames Hobby geworden."