Elternschaft

Oh Baby, Baby... Mein Leben als Mutter

Geburtskurs mit Riesenpuppen, Zwergenmamis im Internet: Alexandra Maschewski erzählt von ihrem Weg in die Wilde Welt der Eltern

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Neun Monate dauert es, bis ein Baby auf die Welt kommt. Und auch Mütter und Väter brauchen offenbar diese Zeitspanne, um für ihre Aufgabe zu reifen. Unsere Autorin Alexandra Maschewski, Mutter des knapp einjährigen Julius, beschreibt in neun Kapiteln die Vor- und Nachwehen des wohl einschneidendsten Erlebnisses ihres Lebens: das Abenteuer Elternschaft.

Der Kinderwagenkauf

Ich hatte da so ein Mantra: "Ich-will-mich-nicht-verrückt-machen-wie-andere-Eltern." Ständig betete ich es mir vor, als es darum ging, einen Kinderwagen zu erstehen. Was sollte denn daran so kompliziert sein? Einmal schnell bei "Stiftung Warentest" geschaut, die beiden Testsieger gemerkt und ab zum Babymarkt. Und noch mal ab zum Babymarkt. Und noch mal. Plötzlich habe ich Größentabellen verglichen und überlegt, ob ich die "Fashion-Wanne" nehmen soll, obwohl das Baby dann 1,3 Zentimeter weniger Platz hat als in der "Soft-Tasche". Und nach der Entscheidung kann man unter so viel Zubehör wählen, dass man viel zu oft "Ja" sagt. Anders kann ich mir die Handbremse an unserem Wagen einfach nicht erklären.

Der Vorbereitungskurs

Der leicht gequälte Gesichtsausdruck meines Mannes überraschte mich nicht, als ich ihm mitteilte, dass wir noch zwei Plätze für den begehrten Vorbereitungskurs bekommen hatten. Also ein Wochenende lang Schuhe aus und auf Yoga-Matten Platz genommen, um den Ausführungen der Hebamme zu lauschen. Doch es war wohltuend, alles fragen zu dürfen, auch wenn man schon über 30 ist und möglicherweise der reine Menschenverstand einem sagen könnte, was ein Baby bei der Spazierfahrt anzieht. Unsere Hebamme war ein Schatz, sehr pragmatisch und gar nicht dogmatisch. Ich nahm ihr nur ein wenig übel, dass sie mühselig eine 3,5-Kilo-Puppe durch ein anatomisch korrekt nachempfundenes Becken aus Stoff quetschte. Umspielte da nicht ein Lächeln die Lippen der Frau gegenüber, die sich für einen Kaiserschnitt entschieden hatte?

Die Geburt

Werdende Mütter sind eine begehrte Zielgruppe. Auch bei Krankenhäusern. Wir sind nicht weich geworden, als man uns beim Info-Abend in der ersten Klinik einen Schlafsack (rosa oder bleu) versprach, abzuholen gleich nach der Geburt im krankenhauseigenen Geschenke-Shop. Das nächste Krankenhaus fuhr immerhin sämtliche Chef- und Assistenzärzte plus Hebamme auf. Dann gab es kleine Führungen durch die Geburtsstation, bestimmt vier Gruppen à 25 Leute. Die junge Frau, die gerade tränenverschmiert und von Wehen geplagt aus einem Zimmer kam, wird sich bedankt haben. Ich streichelte kurz meinen Bauch und bat Julius, bitte nicht an einem dieser Mittwoch-Infoabende zur Welt zu kommen.

Der Krabbelkurs

Später trifft man die Mütter beim Pekip wieder: Prager-Eltern-Kind-Programm. Ich nenne es meinen "Nacktkrabbelkurs", weil die Kinder dabei leicht bekleidet spielen. Die Leiterin spricht uns mit "liebe Frauen" an, und manchmal wird über Ehemänner der Kopf geschüttelt, die ihren überlasteten Frauen einen Adventskalender gekauft haben, anstatt selbst einen zu basteln. Mir ist dafür einmal ein "Oh Gott, der Arme!" rausgerutscht, als eine Mutter erzählte, dass sie ihr Baby nicht mal dem eigenen Mann anvertrauen mag. Zu meinem Cola-Light-Konsum vor den Augen aller Babys sagt keiner mehr was, seit eine Mutter nebenbei bemerkte, dass ich ja kein gutes Vorbild sei. Julius aber macht das Spielen und Singen Spaß - deswegen gehe auch ich gern hin.

Der Giftnotruf

Erstaunlich, wie unsicher man auf einmal sein kann. Mittlerweile kennt man sein Kind ja eigentlich, hat die erste Erkältung hinter und neue Herausforderungen vor sich. Neulich wähnte ich ein Stück Zwieback in Julius' Mund und beförderte ein Stück Mörtel hervor, das er unter der Fußleiste herausgepult haben muss. Hoffentlich muss ich nie die Giftnotrufzentrale anrufen. Eine Bekannte wählte die Nummer, nachdem Klein-Carl eine Narzisse verspeist hatte. Ob sie nicht mal eben ins Garten-Center fahren könne, um die Sorte zu bestimmen? Ihr Weg führte sicherheitshalber ins Krankenhaus. In der Folgewoche besänftigte man sie: Der Magnet, den Carl diesmal verschluckt hatte, entwickle nur negative Eigenschaften, wenn noch ein zweiter dazukäme. Ich mache demnächst einen Erste-Hilfe-Kurs.

Die Facebook-Mütter

Wer einmal in Sachen Baby im Internet recherchiert hat, kennt schnell alle einschlägigen Seiten. Und auch die Namen, die man sich in Foren geben kann: "Zwergenmamileinchen" trifft man in letzter Zeit immer häufiger auch auf Facebook. Bei so einer Facebook-Mutter entsteht schnell mal ein kleines inoffizielles Mütter-Forum, in dem angeregt wichtige Themen wie Beikost diskutiert werden. "Nach Karotte hatte Luca-Finn immer Verstopfung, nimm doch mal Birne, das wirkt auflockernd." Für eine Steigerung sorgen Säuglinge, die eine eigene Homepage vorweisen können. Dabei haben die stolzen Frauen eines vergessen: Andere Mütter interessieren sich selten für andere Babys.

Der Kita-Platz

Nein, wir haben noch keinen. Wir haben uns auch nicht schon vor der Geburt auf diverse Wartelisten setzen lassen, und ich weiß nicht, ob es ein Fehler ist, dass ich deshalb nicht schlecht schlafe. Angeschaut haben wir uns immerhin schon ein paar Kitas. Noch bevor die Leiterinnen oder Leiter elementare Fragen beantworten, erzählen sie von den zweisprachigen Erzieherinnen, dem Bio-Catering und den Wochenendausfahrten, die Kleinstkinder ins Umland führen. Ich wüsste lieber, warum der Garten so klein ist und wie oft die Kinder eigentlich draußen spielen.

Der erste Urlaub

Mit neun Wochen war Julius zum ersten Mal auf Reisen. Hotelübernachtung - gar kein Problem. Zugfahrt auch nicht. War nur stressig, als es tatsächlich einmal ein Kinderabteil gab. "Jamie, fass das Baby nicht an", hörte ich im Minutentakt, bis Jamie und Mutter glücklicherweise umzogen. Nächste Woche geht es in den Ski-Urlaub. Das erste Mal im Flugzeug. Wird schon, schließlich ist ein Baby aus meinem Krabbelkurs neulich bis nach Koh Samui geflogen.

Die Veränderung

Ich hab' neulich meinen ältesten Freund gefragt, ob ich mich verändert habe. Er sagte "nein", eine andere Antwort hätte ich auch kaum akzeptiert. Wusste er wohl, denn er beschwerte sich nicht einmal darüber, dass wir kaum noch abends ausgehen, sondern unsere Aktivitäten auf den Tag verlegen oder zu Hause essen. Seltsamerweise fehlt mir das Weggehen auch nach fast einem Jahr nicht. Warum das so ist? Weil ich mich eben doch verändert habe: Ich bin rundum glücklich.