Interview mit Ulrike Hartmann

"Der Perfektionsanspruch ist völlig übertrieben"

"Sie sind schwanger": Für viele Frauen beginnt mit dieser frohen Botschaft auch ein stetiges Sorgen und Bangen. Wird es meinem Baby gut gehen? Werde ich eine gute Mutter sein? Ulrike Hartmann, Autorin und zweifache Mutter, erklärt im Gespräch mit Beatrix Fricke, wie es zu Selbstzweifeln und Schuldgefühlen kommt - und wie man dagegen angehen kann.

Berliner Morgenpost: Warum stellen Mütter so hohe Ansprüche an sich selbst und wollen alles richtig machen?

Ulrike Hartmann: Eine Mutter will das Beste für ihr Kind, das ist ganz natürlich. Doch zahllose Ratgeber und Experten haben zu einem völlig übertriebenen Perfektionsanspruch geführt. Da heißt es zum Beispiel: Die ersten fünf Jahre entscheiden über den Lebensweg des Kindes.

Berliner Morgenpost: Was macht das mit den Müttern?

Ulrike Hartmann: Sie haben Angst, dass sie den Erwartungen nicht entsprechen können. Ob berufstätig oder Hausfrau: Immer tragen sie Schuldgefühle mit sich herum. Es gibt wenig Respekt gegenüber der Intuition einer Mutter. Und wir vertrauen uns selbst auch nicht mehr, weil wir gelernt haben, dass wir Experten brauchen.

Berliner Morgenpost: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ulrike Hartmann: Das fängt mit den Untersuchungen in der Schwangerschaft an. Mütter werden ständig pränatal untersucht. Die Werte gelten als Messlatte, wie das Kind sich fühlt. Die Mutter bekommt den Eindruck, dass sie es allein gar nicht schafft, dass es ihrem Kind gut geht, sondern von Technik abhängig ist. Auch die Werbung spielt eine Rolle.

Berliner Morgenpost: Inwiefern?

Ulrike Hartmann: Sie suggeriert, dass eine Mutter nur dann gut ist, wenn ihr höchstes Glück das Glück der Kinder ist. Doch muss eine Mutter nicht alles lieben, was ihre Kinder glücklich macht. Sie darf genervt oder müde sein. Sie darf eigene Gefühle und Bedürfnisse haben. So ist ja auch das heutige Frauenbild. Soll es für Mütter nicht gelten? Das ist doch absurd.

Berliner Morgenpost: Sind Männer lässiger in ihrer Rolle?

Ulrike Hartmann: Auch sie sind sehr besorgt und ängstlich. Denn es ist ein allgemeines Phänomen der Gesellschaft, dass man perfekt sein muss. So ist auch der Förderwahn entstanden, dem viele Eltern verfallen sind.

Berliner Morgenpost: Schadet dieser Förderwahn den Kindern?

Ulrike Hartmann: Wenn Eltern den Druck weitergeben und das Kind den Eindruck erhält, dass es für das geliebt wird, was es leistet, und nicht für das, was es ist, schadet das massiv.

Berliner Morgenpost: Wie können sich Eltern von Beeinflussung und Druck befreien?

Ulrike Hartmann: Wenn Eltern sich ungenügend fühlen, verdienen viele Menschen daran. Man sollte Ratschlägen gegenüber also wachsam sein und versuchen, unterschwellige Botschaften zu entlarven.

Berliner Morgenpost: Wie geht das?

Ulrike Hartmann: Ich rate, auf die eigenen Gefühle zu hören und sich zu sagen: Nicht ich bin schlecht, sondern jemand gibt mir das Gefühl, schlecht zu sein. Es wäre auch gut, wenn sich Eltern gegenseitig mehr loben würden und ihre Selbstzweifel thematisieren. Sie werden schnell feststellen, dass sie nicht allein sind. Das wirkt befreiend.

Berliner Morgenpost: Können Mütter - und Väter - denn überhaupt so viel falsch machen?

Ulrike Hartmann: Ja, etwa wenn sie ihrem Kind lieblos begegnen. Nicht perfekt zu sein, ist jedoch kein Fehler. Im Gegenteil! Denn Kinder lernen durch Fehler. Das Wichtigste ist, sich selbst als unperfekt zu akzeptieren. Wenn ich dem Perfektionismus keinen Raum mehr gebe, verliert er seine Macht.

Ulrike Hartmann: Mutterschuldgefühl. Vom täglichen Anspruch, immer das Beste für die Kinder zu wollen. Südwest, 16,99 Euro

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