Partnerschaft

Noch schöner als beim ersten Mal

"Zwei Herzen in einem Takt": So formuliert Ilse Titze das Geheimnis ihrer Ehe. Nach 50 Jahren gibt sie ihrem Wolfgang erneut das Ja-Wort

Foto: Glanze

Es ist ihre erste Kleidung nach Maß. Fast ein wenig ehrfürchtig betreten Ilse und Wolfgang Titze die renommierte Maßschneiderei an der Uhlandstraße, um ihre Bestellung in Empfang zu nehmen. Eigentlich sollte nur Wolfgang, 72, einen neuen Anzug bekommen. Doch dann entschied Ilse, 71, auch sich selbst ein schickes Kostüm zu gönnen. "Aus demselben Stoff, in Fischgrätoptik", sagt Wolfgang Titze stolz. Und so drehen sich die beiden nun im Partnerlook vor dem Spiegel. Ilses Augen funkeln vor Freude, ihr Mann drückt ihr übermütig einen Kuss auf die Lippen. "Das war vielleicht etwas kurz", sagt er dann. "Aber heute küssen wir uns vor allem zu Weihnachten und Neujahr. Und eher im Sitzen."

Heute. Das heißt bei Ilse und Wolfgang Titze: ein halbes Jahrhundert nach ihrer Hochzeit. 50 Jahre ist es her, dass Ilse Titze, geborene Stark, ihrem Wolfgang das Ja-Wort gab und er es voller Überzeugung erwiderte. Jetzt wollen die beiden diesen Moment noch einmal erleben und im Jahr ihres Goldenen Ehejubiläums erneut Hochzeit feiern - am 2. April auf Schloss Boitzenburg in der Uckermark. "Natürlich ist es etwas ganz anderes als beim ersten Mal", sagt Ilse Titze. Vielleicht weniger aufregend, weniger von Leidenschaft geprägt. Aber umso feierlicher. Es soll ein großes Fest werden. Ein Fest ihrer Liebe.

Wichtig ist die Romantik

Ilse Titze schaut ihren Wolfgang von der Seite an. Die beiden sind nicht nur extra von Fredersdorf nach Berlin gefahren, um sich die passende Kleidung machen zu lassen. Auch neue Eheringe werden angefertigt. Am Hochzeitstag wird ein blumengeschmückter Oldtimer das Paar von zu Hause abholen und zum Schloss in Boitzenburg fahren. Dort haben die beiden eine Hochzeitsplanerin engagiert, die eine 30 Minuten lange Zeremonie mit Traurede abhalten wird. Zum anschließenden festlichen Essen sind 64 Gäste geladen. "Wie verrückt" freue sie sich schon auf ihre elf Geschwister mitsamt Neffen und Nichten, sagt Ilse Titze. Sie seien immer eine fröhliche Familie gewesen, hätten immer Kontakt gehalten. "Doch die Hauptsache", fügt sie hinzu, "die Hauptsache ist die Romantik." Daher wird es für die richtige Stimmung ein Feuerwerk geben, einen DJ und Livemusik. Und weil Wolfgang nicht tanzen kann, ist ein Tänzer für Ilse bestellt. Für den langsamen Walzer, ihren Lieblingstanz.

Ilse Titze hört man ihre mecklenburgische Herkunft an, sie kann das "R" rollen und sagt "Mecklenburch". Sie stammt aus einer Bauernfamilie. Wolfgang ist gebürtiger Neuköllner und spricht mit märkischem Akzent. An ihre erste Hochzeit, 1961, können sich beide noch genau erinnern. "Das war alles sehr bescheiden. Aber trotzdem schön", betont Wolfgang Titze. Es habe Schnee gelegen, sie seien zu Fuß zum Standesamt gelaufen. Eher zufällig war Wolfgangs Bruder zu Besuch, sonst kamen fast keine Gäste. Nur Ilses Stiefeltern. Bei ihnen gab es Kaffee und Kuchen. "Als wir die Ringe tauschen wollten, ist ihrer runtergekullert", erzählt Wolfgang Titze. "Zum Glück haben wir ihn gleich gefunden, das wäre ja sonst was geworden!"

Im Laufe der Ehejahre haben beide ihre Ringe verloren. Sie ihren beim Windelnwaschen. "Er war auf einmal weg. Ich war eine Weile wirklich sehr traurig", sagt Ilse Titze. "Unsere Ringe waren sehr schön. Sie waren ganz breit - das war modern damals." Ihr Mann ließ seinen eines Abends, nach getaner Arbeit als Maurer, aus Versehen beim Händewaschen liegen. "Ich weiß genau, ich habe ihn auf der Wasserpumpe abgelegt. Als ich am nächsten Tag zurückkam, war er natürlich weg. Mann, hab' ich mich da geärgert!"

Doch brauchten Ilse und Wolfgang zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon gar keine Äußerlichkeiten mehr, um ihre Zusammengehörigkeit zu demonstrieren. Es gab genug anderes, das Ilse und Wolfgang verband. Gemeinsam zogen sie zwei Söhne groß, Lothar (49) und Frank (48). Gemeinsam gingen sie durch schwierige und schöne Zeiten. Gemeinsam bauten sie ein Haus in Fredersdorf, östlich von Berlin. Dort wohnen sie noch heute, zusammen mit acht Hühnern und vielen Goldfischen.

Ein Leben ohne den anderen ist nicht vorstellbar. "Na klar waren wir früher verliebt ineinander und haben gekuschelt und so", sagt Wolfgang Titze. "So intensiv ist das heute alles nicht mehr." Seine Frau widerspricht ihm: "Wir sind doch immer noch verliebt - zwei Herzen in einem Takt." Sie merke das daran, dass er sich Sorgen mache, wenn sie nicht dort sei, wo er sie vermute. "Wenn ich nicht in der Küche bin, sucht er mich in der Waschküche. Wenn ich dort nicht bin, wird er unruhig." Auch sie selbst kennt die Sorge um den anderen. Vor zwei Monaten schnitt sich Wolfgang im Garten mit dem Trennschleifer in den Fuß, als er ein Eisenrohr kürzen wollte. Ilse eilte hinaus und brachte Handtücher, um die stark blutende Wunde abzubinden. Sie sei fast wahnsinnig geworden vor Angst, sagt die 71-Jährige. Er hätte sich ja noch schwerer verletzen können. "Später war ich dann nur noch froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Und ich habe mich natürlich geärgert, dass er so einen Quatsch macht. Das ist wieder mal typisch. Die Rohre zu schneiden war gar nicht so wichtig."

Wolfgang Titze hört seiner Ilse geduldig zu. Sie sei schon ein bisschen die Chefin bei ihnen zu Hause, gibt er zu. "Sie besitzt den Überblick, und ich mache meistens, was sie sagt. Sie hat vor allem die Finanzen im Griff." Wolfgang ist der Praktiker. Das selbst gebaute Haus ist in weiten Teilen sein Werk. Zunächst war es eine Laube. Immer wenn wieder ein bisschen Geld da war, bauten sie ein Stückchen an. Wolfgang Titze wollte eigentlich Orthopädiemechaniker lernen, wurde dann aber doch Maurer. Viel Geld hatten sie nicht, aber es ging ihnen gut. Auch verreist sind sie manchmal. "Wir waren nach der Wende in Wien und sogar in Venedig", sagt Ilse Titze. "Dort sind wir natürlich auch Gondel gefahren. Aber wir sind nie zu unserem Hochzeitstag verreist." Denn da habe einer der Söhne Geburtstag. Hobbys haben sie keine richtigen, sagen beide. "Ich beschäftige mich gerne mit Gartenarbeit, mein Mann hilft mir beim Umgraben", sagt Ilse Titze. "Er hat eigentlich kein Hobby." Sie denkt kurz nach, ergänzt: "Früher hat er mal Zollstöcke gesammelt."

Krach gibt es zwischen den beiden auch manchmal. Meistens gehe es um Lappalien in Haushalt und Garten. Oder darum, wie laut das Radio eingestellt werden soll. Ilse hört die Nachrichten gern laut, Wolfgang dreht den Regler gern wieder runter. Doch dauern die Unstimmigkeiten nie lange. "Er verzeiht mir immer recht schnell, weil ich meistens im Recht bin", erklärt Ilse Titze.

Sie sind immer füreinander da, helfen einander im Alltag, wo sie können. Halten sich aneinander fest, wenn einer mal wackelig auf den Beinen ist. Doch ab und zu hilft Ilse Wolfgang auch mal nicht. Als der sich langsam aus dem Sessel erhebt, will sie ihn stützen. Dann hält sie inne. "So alt bist du ja nun auch wieder nicht." Es sei wichtig, ihm nicht immer zu helfen. "Sonst wird er am Ende ganz träge." Letztens habe sie ihn im Bad planschen hören. Offenbar habe er Schwierigkeiten gehabt, aus der Badewanne zu kommen. Sie wachte vor der Tür und passte auf, griff aber nicht ein. Umgekehrt fragt er sie auch nicht gern um Hilfe - und ist dann doch glücklich über ihre Unterstützung.

Jung gefreit, nie gereut

Kennengelernt haben sich Ilse und Wolfgang Ende der fünfziger Jahre. Sie war mit einer Freundin im Kino und sah "Die letzte Nacht der Titanic". "Und dann kam Wolfgang mit seinem Freund rein." Die jungen Männer setzten sich neben die Frauen. Sie kamen ins Gespräch und gingen gemeinsam aus den Lichtspielen. "Ich habe mich natürlich nicht bei ihm eingehakt, ich bin ja eine schüchterne Mecklenburgerin." Er fragte sie, wie sie heiße, und bekam als Antwort: 'Ich heiße so wie das Gegenteil von 'schwach'." Von da an kam er fast jeden Abend mit dem Fahrrad, pfiff schon von Weitem und holte sie ab. "Ich war hin und weg. Trotzdem habe ich ein Weilchen überlegt, ob ich ihn nehmen soll", sagt Ilse und lacht. Schließlich war sie noch ganz schön jung bei der Hochzeit. "Jung gefreit hat nie gereut", sagt Wolfgang Titze. Er drückt es vielleicht nicht so klar aus wie seine Frau, aber man sieht ihm die Vorfreude auf die zweite Hochzeit deutlich an. Er lächelt still in sich hinein, während seine Frau ihm die Fliege am Kragen zurechtrückt. Ilse macht eine Geste, als wolle sie die Welt umarmen. "Ich bin so aufgeregt, ich kann es gar nicht abwarten", platzt es aus ihr heraus.

Bei der ersten Hochzeit hat niemand ein Foto von den beiden gemacht. Diesmal wird es garantiert ein besonders schönes.

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