Pubertät

Stopp! Eltern müssen draußen bleiben

In der Pubertät stehen alle Zeichen auf Veränderung - daran müssen sich auch Mütter und Väter erst gewöhnen

Philipp hat Geburtstag. Er wird zwölf und will eine korrekte Party feiern. Korrekte Partys müssen vor allem cool sein: Es müssen genauso viele Jungen wie Mädchen kommen, viel Musik und wenig Beleuchtung, Platz zum Tanzen. Die Eltern bleiben am besten weg. Noch nie haben eine Mutter und ein Vater je erfahren, was wirklich auf so einer Party vor sich geht. Nachfragen werden bündig beschieden. "Kein Bock, darüber zu reden". Oder: "Das verstehst du eh nicht." Partys von Teenagern umgibt ein großes Geheimnis.

Vergangenes Jahr sah das noch anders aus: Eine Horde Jungs feierte mit Nutellatorte, vergnügte sich bei der Schatzsuche und lieferte sich heiße Duelle an der Carrera-Bahn, während Mama in der Küche die Würstchen wärmte. Kein Mädchen störte je die Runde. "Die sind mir viel zu zickig", befand der Jubilar. Auf einmal ist alles anders. Aus Jungen und Mädchen werden rastlose Wesen, die stündlich etwas verändern - Haarfarbe, Outfit, Launen. Jungen bringen ihre Schöpfe mit Gel oder Haarspray in Form, drehen sich Rastalocken, wollen nie wieder oder dauernd zum Friseur gehen. Alle tragen die Hosen auf Halbmast und die Schnürsenkel der Turnschuhe offen, manche setzen sich Wollmützen mit Cannabis-Emblem auf. Alle bewegen sich langsamer als die Kontinentalverschiebung und gestikulieren mit weit ausschweifenden Armen.

Mädchen fangen an sich zu schminken und alle halbe Stunde ihre Freundinnen anzurufen. Sie schlüpfen in enge Glitzertops und interessieren sich für Nagellack in Neon-Farben. Keine Folge von GZSZ wird verpasst und alles nur noch zu zweit, mit der besten Freundin, unternommen.

Die Kinder kommen kaum hinterher

So oder so ähnlich fängt sie an: die Pubertät. Alle Zeichen stehen auf Veränderung - so überwältigend, dass die Kinder kaum hinterherkommen. Wenn das Söhnchen den ersten Deostift im Badezimmer platziert, wenn das Töchterchen ein Bustier verlangt, geht es los. Wenn man genau hinguckt, erkennt man das Schild auf der ehemals glatten Kinderstirn: Wegen Umbau geschlossen. Körperlich, seelisch und geistig geraten die Dinge in Bewegung. Die einen setzen ihre Entwicklung grell und provozierend in Szene, andere ziehen sich zurück und vergraben sich in die Innenwelt ihrer Fantasien und Weltschmerzen. Sie reifen hinter ihren verschlossenen Zimmertüren wie guter Wein. Stimmung, Gefühle und Gemüt gehen auf Achterbahnfahrt. Eben noch albern bis zum Abwinken, jetzt zu Tode betrübt und gleich voller Wut. Mädchen sind dauernd wegen irgendetwas beleidigt. Morgens schreien sie einen an, weil nicht das Richtige auf dem Schulbrot liegt. Abends malen sie einem Zettel mit Herzchen. Beim Hausaufgabenmachen dudeln Justin Bieber oder Lady Gaga, zum Einschlafen die CD mit den Abenteuern von Sams und Harry Potter.

"Ist das noch normal?" - die Frage stellt sich Eltern und Kindern gleichermaßen hundertmal am Tag, aber eine verbindliche Antwort gibt es nicht. Da müssen sie durch. Und wir auch. Eltern fühlen sich gekränkt, wenn Kinder sich zurückziehen oder andere Vertraute suchen. Und haben natürlich Angst, dass der Kontakt abreißt. Dabei ähneln sich ihre Aufgaben: Loslassen, aber nicht fallen lassen. Die Privatsphäre will wachsen, mit jedem "Das geht dich gar nichts an!" ein Stückchen mehr. Gelassenheit ist erste Elternpflicht. Oft regt man sich umsonst oder jedenfalls zu stark auf. Man braucht ein bisschen Vertrauen in den Lauf der Dinge. Und besonders viel Vertrauen in das Kind.

Das ganze Affentheater hat ja auch für Eltern was Gutes: Man denkt mehr über sich nach, über seine Rolle, darüber, was man aus seinem Leben gemacht hat, und dringt viel schneller zu dem vor, was einem wirklich wichtig ist. Im Gespräch zu bleiben ist wertvoller als dieses eine Tu-es-nicht-Gespräch zu führen. Andererseits sind Elternworte zum richtigen Zeitpunkt wie Ameisen auf einem Picknick. Die meisten zerquetscht man, aber ein paar kommen trotzdem durch. Da hat man sich jahrelang Fusseln an den Mund geredet, um einen Minimalstandard in Sachen Körperpflege durchzusetzen und bei einmal komplett Waschen pro Woche resigniert. Auf einmal staunt man über einen Jungen, der zweimal täglich duscht und das Badezimmer sogar abschließt, wenn er nur eine Haarsträhne zu richten hat.

Vielleicht würde man den Zeitpunkt der Trennungslinie zwischen Kind und Teenager leicht verpassen, wenn sie uns nicht täglich neu überraschen würden. Manchmal ist man so in der Rolle der tröstenden, versorgenden, alle Gefahren vorwegnehmenden Mutter verhaftet, dass es schwer fällt, davon loszukommen. Man würde ewig mit dem liebevollen Bevormunden weitermachen und mit lächelnd vorgetragenem Sachwissen allen Nöten begegnen, während das sehr groß gewordene Kind längst nach konzentriertem Zuhören und ernsthaftem Gespräch verlangt.

Teenager denken über Moral und Ethik nach, sie tun es mit dem rigorosen, skeptischen Blick von Neulingen, die einen alten Club betreten. All dieses "Warum muss ich das machen?" "Wozu soll das gut sein?" und "Was hast du mir eigentlich zu sagen?", schärft auch den Blick der Erwachsenen. Deshalb sollten Eltern in jedem Fall einige Zweifel und Unsicherheiten mit ihren Kindern teilen und die Chance ergreifen, die Dinge von einer ganz anderen Warte zu betrachten. Kindern zuzuhören und ernsthaft mit ihnen zu reden, gehört zum Segen, den jede Pubertät den Eltern bringt - auch wenn wir manchmal fluchen. So steckt in jedem "Kümmere dich nicht um meine Dinge" auch ein wertvoller Impuls: Die Räume unserer Fürsorge, die sie verlassen haben, dürfen wir neu besiedeln - und mal wieder an uns selbst denken.

Getrennte Wege, die sich kreuzen

Wenn es um das Ende der Kindheit geht, heißt der kleinste gemeinsame Nenner: Alles wird anders. Die französische Kindertherapeutin Francoise Dolto vergleicht den Zustand mit einem Hummer. Wenn der seinen Panzer wechselt, verliert er zunächst den alten. Bis ihm ein neuer Panzer gewachsen ist, lebt er ganz und gar schutzlos. Während dieser Zeit schwebt er in großer Gefahr. Kindern auf dem Weg zum Erwachsenwerden geht es ganz ähnlich. Sie sind so mit sich selbst beschäftigt, dass man sie jeden Tag aufs Neue wie ungelernte Arbeiter behandeln muss, die neu im Betrieb sind: "Bringst du bitte mal den Müll runter?" - "Welchen Müll?"

Mädchen und Jungen gehen getrennte Wege beim Erwachsenwerden, die sich zwar immer wieder kreuzen, doch verschiedene Herausforderungen bereithalten. Für Mädchen sind die Probleme auf den ersten Blick weniger deutlich. Die erste Periode ist längst kein Drama mehr - in der öffentlichen Diskussion wie im Privaten ist ein Klima geschaffen, in dem sich eigentlich über alles reden lässt - in der Schule, in Mädchengruppen, mit der besten Freundin oder Mutter. Für Jungen fehlt eine vergleichbar offene Atmosphäre, um über körperliche Veränderungen und die damit auftauchenden Gefühle zu reden. Sicher können sie sich einem Kumpel anvertrauen, doch für den ist auch alles neu. Jungen behelfen sich, indem sie Selbstbewusstsein eher vortäuschen.

Auf dem Weg zwischen den Welten, die Familie und Freunde zu trennen scheinen, wird die Luft dicker. Machtkämpfe zu Hause ("Ihr könnt mir gar nichts sagen!") und Hackordnungen in Klasse und Clique ("Wer ist angesagt?") wollen ausgetragen, Rückschläge verdaut werden. Antworten müssen her: Wer bin ich? Wie möchte ich sein? Die Suche nach einer neuen Identität ist nichts anderes als das Leben in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zuzulassen. Da sind die Gleichaltrigen ganz nah.

Es ist dunkel geworden, Zeit nach Hause zu gehen. Einzelne brechen auf. In ein paar Minuten werden sie gefragt werden, wo sie sich so lange herumgetrieben haben. Sicher, wir wollen, dass unsere Kinder lernen, sich zu behaupten. Nur werden wir sehr ärgerlich, wenn sie das zu Hause versuchen. Deshalb gibt es auch hier nur die Standardantwort für neugierige Eltern: "Davon verstehst du nichts."