Kinderliteratur

Die Kraft der Märchen

Meister des Erzählens: Klaus-Dieter Osterburg besucht Schulklassen in Berlin und Brandenburg

Foto: Massimo Rodari

An diesem sonnigen Vormittag wird Klaus-Dieter Osterburg wieder einmal zum Bären. Er brummt, knurrt, tapst, poltert. Seine buschigen Augenbrauen zieht er zusammen und wackelt behäbig mit dem Kopf. Die Kinder um Osterburg herum ahmen ihn eifrig nach. Gemeinsam trotten sie aus der Höhle des Bären und stehen nun mitten im kalten Schnee. Aber die Höhle und den Schnee - das alles gibt es nur in ihrer Fantasie. Klaus-Dieter Osterburg hat die Kinder mitgenommen in seine Welt, in die Welt der Märchen.

Heute besucht der 70-Jährige die dritten Klassen der Grundschule Sachsenhausen. Auf dem Boden des Klassenzimmers liegen Schulranzen verstreut, bunte Bilder hängen an Wäscheleinen quer durch den Raum. Um Osterburg herum sitzen fast 20 Kinder und lauschen seinen Geschichten - von Jägern und Geistern, von kleinen Indianern und ihren großen Abenteuern. Da müht sich das Gute im endlosen Kampf gegen das Böse, und die Welt, in der seine Geschichten spielen, ist keinesfalls heil. Aber am Ende, das steht fest, da wird sie es natürlich wieder sein.

Harter Stoff für fantasievolle Kinder

Auch die grimmschen Märchen und ihre Grausamkeiten spart Osterburg nicht aus, wenn er Schulklassen oder Geburtstagsgesellschaften besucht. Da werden Großmütter gefressen, Kinder im Wald ausgesetzt oder Stieftöchter mit Äpfeln vergiftet: harter Stoff für fantasievolle Kinder. Aber der Märchenerzähler hat sein eigenes Rezept, wie er diese Geschichten schildert: Er versucht immer, die Gewalt ein wenig abzuschwächen. "Zum Beispiel verwandele ich eine Verurteilung zum Tod in eine Vertreibung. Die ist schon schlimm genug", sagt der Brandenburger, der aus dem Stegreif 40 Märchen erzählen kann.

In den 70er-Jahren waren Märchen heftig umstritten. Die Gegner fürchteten, Kinder würden durch die Gewalt in den Geschichten eingeschüchtert und zum blinden Gehorsam erzogen. Für den amerikanischen Psychoanalytiker Bruno Bettelheim stand hingegen fest: "Kinder brauchen Märchen." In seinem 1976 erschienenen Buch erklärte er, dass die überlieferten Geschichten die kindliche Entwicklung unterstützen, indem sie allgemein menschliche Probleme aufgreifen und zugleich Lösungen anbieten. Märchen transportieren nach seiner Meinung eine zentrale Wertvorstellung: Es lohnt sich immer, für das Gute zu kämpfen.

Inzwischen sind die Stimmen seiner Gegner jedoch leiser geworden, und die Spielpläne Berliner Kindertheater, aber auch die Kataloge der Buchverlage erzählen von der Renaissance des Märchens. Silke Fischer engagiert sich in ihrer Arbeit beim Berliner Verein Märchenland dafür, dass Kinder wieder häufiger mit Märchen in Berührung kommen. Für sie steht fest: Grausamkeit wird im Märchen vor allem als Symbol eingesetzt, das Kinder sogar sehr gut verstehen. "Die Gewalt steht oft für Veränderungen im Leben, wie Abschiede oder Neuanfänge", sagt sie. "Diese erlebt man ja selbst als sehr schmerzvoll." Außerdem gebe es in den Märchen keine detailreichen Beschreibungen der Gräueltaten - keine gellenden Schreie im Wald, kein Blut, kein Sterben. "Jeder kann sich die Handlung so plastisch vorstellen, wie er selbst es erträgt." Das sei auch ein Vorteil des Vorlesens und Erzählens gegenüber dem Fernsehen. Aus ihrer Arbeit weiß Silke Fischer, was einen guten Erzähler ausmacht: "Er muss ein feines Gespür für seine Zuhörer haben und erkennen, welche Stellen er auskosten kann oder wo er kürzen muss", sagt sie, "Kinder mögen es sehr, wenn sie durch Fragen in die Geschichte einbezogen werden."

Freundschaft und Nächstenliebe

Und tatsächlich: Als Klaus-Dieter Osterburg die Kinder jetzt fragt, ob das Erdhörnchen dem Bären wohl einen Teil seines Wintervorrats überlässt, schnellen fast 20 Finger in die Höhe. Ein klares Votum für Freundschaft und Nächstenliebe.

Kinder könnten durch Märchen ganz unbewusst lernen, zum Beispiel, hilfsbereit und freundlich zu sein oder selbst etwas für das eigene Glück zu tun, sagt Silke Fischer. "Dann kann selbst der dumme Hans zum König werden." Jeder noch so widrige Umstand - seien es Hunger und Not wie bei Hänsel und Gretel oder die Drangsalierung durch eine böse Stiefmutter, wie es Schneewittchen und Aschenputtel erfahren - wird am Ende glücklich überwunden. Auf diese Weise geben die Geschichten den Zuhörern auch Hoffnung, und nicht nur den jüngsten. Ursprünglich wurden Märchen gar nicht für Kinder erfunden. Im Mittelalter waren dies meist deftige Geschichten, die man sich an langen Winterabenden in den Schankstuben erzählte. Die Lebenswelt der Menschen, ihre Träume und Ängste spiegelten sich dort wider. "Geronnene Menschheitsgeschichte" nennt Silke Fischer die Erzählungen deshalb.

Wenn Klaus-Dieter Osterburg davon redet, wie er vor 15 Jahren zu seinem Hobby kam, gerät ihm auch diese Erinnerung zum Märchen: Nach schwerer Krankheit wollte ihm seine Familie neuen Lebensmut geben und überredete ihn zu einem Kursus für "Märchenerzähler". Am ersten Tag sollte jeder der angehenden Erzählkünstler sein Lieblingsmärchen mitbringen. Stundenlang stand Osterburg vor seinem Bücherschrank. "Ich war ratlos. Mein Kater mit den bernsteinfarbenen Augen schritt langsam vor dem Regal auf und ab. Dann fragte er mich: ,Was suchst du denn?' Mit seinem buschigen Schwanz tippte er gegen ein Buch mit afrikanischen Katzenmärchen. 'Ich hätte da einen Vorschlag', sagte er noch und stolzierte aus dem Zimmer."

Heute tritt Osterburg mehrmals im Monat bei Geburtstagen, in Schulen und Altersheimen auf. Und vor jeder Märchenstunde steht er wieder vor dem Bücherregal und sucht nach passenden Geschichten. Sein liebstes Märchen ist "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry. Osterburg würde die Geschichte allerdings niemals erzählen. "Schönere Worte als de Saint-Exupéry kann ich auch nicht finden", sagt er. Für ihn hingegen gehört es zum Erzählen dazu, sich frei auszudrücken, mit der Sprache zu spielen. Auch Silke Fischer glaubt, dass gerade das ständige Neuerfinden im Lauf der Jahrhunderte den Reiz vieler Erzählungen ausmacht: "Dadurch werden die Märchen geschliffen, wie Steine im Meer."