Interview

"Rituale sind wichtig für ein langes Leben zu zweit"

Im Jahr 2009 wurden in Berlin 12 557 Ehen geschlossen - und 7395 Scheidungen besiegelt. Was kann man tun, damit die Beziehung funktioniert und die Ehe lange hält? Darüber sprach Karoline Beyer mit Paarforscherin und Beziehungsberaterin Anke Birnbaum von der Leuphana Universität Lüneburg.

Berliner Morgenpost: Was ist das Geheimnis einer dauerhaften Beziehung?

Anke Birnbaum: Eine wichtige Bedeutung haben Rituale. Sie können der Schlüssel für ein langes Leben zu zweit sein.

Berliner Morgenpost: Was meinen Sie damit genau?

Anke Birnbaum: Große Rituale sind zum Beispiel Weihnachten oder wenn der Hochzeitstag jedes Jahr auf besondere Weise gefeiert wird. Es gibt aber auch kleine Dinge im Alltag: der gemeinsame Morgenkaffee, der Sonntagsspaziergang. Solche symbolischen Handlungen stärken die Zusammengehörigkeit. Sie drücken aus: Wir sind etwas ganz Besonderes, so etwas wie uns gibt es nicht noch einmal. Das Zusammenleben bekommt eine außeralltägliche Atmosphäre.

Berliner Morgenpost: Aber werden Rituale auf Dauer nicht zu Gewohnheiten?

Anke Birnbaum: Eine Abgrenzung ist in der Tat schwierig. Mit Gewohnheiten geben wir unserem Alltag einen Rhythmus und erleichtern ihn. Rituale erfüllen diese Funktion auch, sie sind aber häufig mit Gefühlen verbunden. Wenn sie ihre Bedeutung verlieren und zu "leeren" Handlungen werden, verlieren sie ihren Sinn. Das, was vorher stabilisierend wirkte, kann dann sogar für Spannungen sorgen. Das gilt auch, wenn einer der Partner ein Ritual emotional nicht mehr mitträgt. Vielleicht möchte er Weihnachten plötzlich anders feiern.

Berliner Morgenpost: Was kann in einer solchen Situation helfen?

Anke Birnbaum: In jedem Fall Offenheit. Kommunikation ist das A und O in Beziehungen. Im Übrigen sind Rituale auch eine Art der Kommunikation. Wenn man dem Partner Blumen mitbringt, geht die Bedeutung über die Handlung hinaus - auf einer nonverbalen Ebene. Diese Geste kann eine stumme Liebeserklärung sein oder auch eine Entschuldigung.

Berliner Morgenpost: Können Rituale auch helfen, aus einer Krise zu finden?

Anke Birnbaum: Unter Umständen sehr gut. Sie können Akzente setzen, wenn Routine herrscht, was bei vielen Paaren der Fall ist. Es ist gut, wenn das Paar schöne Dinge macht, die Erinnerungen wecken, oder es versucht, das zu fühlen, was damals war. Es kann zum Beispiel den Kennenlern-Ort besuchen oder den Tag der ersten Verabredung feiern.

Berliner Morgenpost: Gibt es Rituale, die das Zusammengehörigkeitsgefühl ganz besonders stärken?

Anke Birnbaum: Rituale sind so vielfältig wie die Paare selbst. Manche Menschen freuen sich über den Zettel, der am Kühlschrank klebt und auf dem steht: "Schade, dass wir nicht zusammen frühstücken können". Andere mögen Symbole wie das Tragen von Ringen. Und viele merken gar nicht, dass sie zusammen Rituale haben, wie das gemeinsame Plätzchenbacken im Advent. Dabei tut es gut, sich diese bewusst zu machen. Manchmal geschieht das erst nach einer Trennung: Dann machen die fehlenden Rituale schmerzlich bewusst, dass der andere nicht mehr da ist.

Berliner Morgenpost: Was halten Sie von der Idee, sich zur Goldenen Hochzeit erneut das Ja-Wort zu geben?

Anke Birnbaum: Mit einer erneuten Hochzeit seine Liebe zu bekunden, zeigt, welch hohen Stellenwert ein solches Ritual für die Partner hat. Mit einer Feier in außergewöhnlichem Rahmen möchte das Paar vielleicht seine Liebe mit einer besonderen Wertschätzung versehen. Zudem ist sie nicht nur eine Bestätigung für sich selbst, sondern auch ein Statement für die Öffentlichkeit: Wir präsentieren nach außen, dass wir zusammengehören und zueinander stehen.

Berliner Morgenpost: Bekommen Rituale mit dem Älterwerden eine größere Bedeutung?

Anke Birnbaum: Ich glaube, dass sie in allen Lebensphasen eine Bedeutung besitzen. Viele Paare verlieren Rituale der Zweisamkeit, wenn sie Eltern werden. Es ist plötzlich schwerer, sie in den Alltag zu integrieren. Das kann belastend für eine Beziehung sein. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, ist es möglich, dass die Bedeutung bestimmter Rituale wieder wächst. Man lebt vielleicht bewusster, findet im Alltag wieder mehr Raum und Zeit, Rituale zu schaffen und auszuleben. Das kann dazu beitragen, eine Paargemeinschaft lange zu erhalten.